Belletristik REZENSIONEN

Die "Mutter der Welt" und andere schräge Vögel

Russin
Vergiß Tarantino
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Aufbau-Verlag, Berlin 2005

Irgendwie erinnern mich die Geschichten der Ich-Erzählerin Julia Kissina an Irina Denkinas Popliteratur, irgendwie auch an Wladimir Kaminers "schräge Vögel" in "Russendisko" und sogar ein bisschen an den ausgeflippten Stil Wladimir Sorokins, der in seinem Roman "NORMA" gern die klassischen russischen Autoren verunglimpft, aber von dieser Gegenwartsautorin sympathievoll sagt, sie sei eine sensible und feinsinnige Erzählerin, "begabt mit einer überreichen Phantasie und einem kindlich unverstellten Blick auf die rauen Welten der Erwachsenen".

1966 in Kiew (Ukraine) geboren, lebt Julia Kissina seit 1990 (da ist sie vierunddreißig Jahre alt) u. a. in München und Frankfurt/Main, derzeit in Berlin. "Jeder von uns Ausländern in Berlin ist vor irgendwas weggelaufen. Hat Grenzen überschritten, ist in einem Ozean fremder Sprache aufgetaucht (...) und beginnt ein ganz neues Leben, quasi auf einem neuen Blatt."

Julia Kissinas Helden leben in deutschen Großstädten, kommen nicht nur aus Russland und versuchen auf sehr unangepasste Weise ihren Weg zu gehen, manchmal auch einen kriminellen. Da ist die Russin Lena, die alles grundlos Gute und Sanfte hasst; da ist der Deutsche Christian, der glücklich ist, als er Lenins Mumie in der Gefriertruhe seines Supermarktes weiß; da ist der deutsche Mäusehasser Stein, der zum Liebhaber der possierlichen Nager mutiert; da ist der Russe, der die Asche seiner Mutter im Rucksack mit sich herumschleppt; da ist Milena, die Ladendiebin; da ist die Lehrerin Valentina Pawlowa mit ihren georgischen  Kakerlakenrennen; da ist Elfriede, die "Mutter der Welt"; da tauchen Kalmyken auf, Polen, Amerikaner, Italiener, Afrikaner, auch ein Indianer... Die sechzehn Erzählungen entstanden zwischen 1991 und 2004, sind durchweg amüsant, unverwechselbar, ausgeflippt, tabulos. Geradezu verblüfft, auch ein bisschen erschreckt hat mich, wie unverkrampft Julia Kissina mit Nazigrößen wie Goebbels umgeht.

Wie in Wladimir Kaminers Russendisko sind Julia Kissinas Geschichten von abgedrehten Typen bevölkert, die nicht in schönen Villen wohnen und keine dicken Autos fahren. Wie Kaminer blickt die Kissina mit scharfer Beobachtungsgabe auf ihre Wahlheimat Deutschland. ("Deutschland hat mir ... beigebracht: mir die Zähne mit kreisenden Bewegungen zu putzen und andere nützliche Dinge.") Die Kissina begegnet ihren "schrägen Vögeln" auf Vernissagen, Performances und Partys, sie hängen in Bars, Clubs, Cafés und Kneipen rum.

Julia Kissina ist Aktionskünstlerin, Fotografin (Das Titelbild des Schutzumschlages zeigt eine ihrer Arbeiten: ein Mädchen mit drei Beinen, das ein Buch liest.) und Autorin; mit Vergiss Tarantino gibt sie ihr Buchdebüt.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 24.10.2006 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 06.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Gib acht, wofür du kämpfst, du bekommst es vielleicht.
Sprichwort der Russen

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