Belletristik REZENSIONEN

Geschrieben unter Lebensgefahr

Russin
Sofja Petrowna
Aus dem Russischen von Eva Mathay
Nachwort von Regula Heusser-Markun
Diogenes Verlag, Zürich 2003, 169 S.

Ich war 1978 in Karelien, 1979 in Workuta, 1980 an der Kolyma, 1981 in Magadan und auf der Tschuktschenhalbinsel. Heute stehen diese Orte und viele mehr für den Gulag. Damals wusste ich von diesen stalinistischen Lagern nichts. An diesen Orten und überall in der Sowjetunion schwiegen die Menschen über die Lager des Gulag wie ein Grab, auch mir gegenüber. Inzwischen habe ich zahlreiche der "Lagerliteratur" zuzurechnende Bücher gelesen, inzwischen auch das Diogenes-Taschenbuch Sofja Petrowna von Lydia Tschukowskaja (1907-1996)*, die eng mit Anna Achmatowa befreundet war.

Die Autorin hat die Zeit der "Säuberungen" unter Stalin bewusst erlebt. Ende der dreißiger Jahre erzählt sie mit Sofja Petrowna ein beispielhaftes Schicksal dieser Schreckensjahre.

Nach dem Tode ihres Mannes, des Arztes Fjodor Iwanowitsch, beschließt Sofja Petrowna, berufstätig zu werden; denn ihr Sohn Kolja kann ans Geldverdienen noch nicht denken, weil er die Aufnahmeprüfung an der Universität ablegen muss; denn: "Fjodor Iwanowitsch hätte es niemals zugelassen, dass sein Sohn ohne Hochschulbildung bliebe." Sofja Petrowna, die Maschine schreiben kann und eine gute Allgemeinbildung hat, beschließt, Schreibkraft zu werden. Sie findet Arbeit in einem großen Leningrader Verlagshaus. Bald erkennt man ihre Fähigkeiten, und sie wird Leiterin des Schreibbüros. Wegen ihrer Zuverlässigkeit und Korrektheit hat sie, die Parteilose, bald viele Funktionen in der Gewerkschaft, man anerkennt sie und grüßt sie achtungsvoll. Sofja Petrowna ist zufrieden mit ihrem Leben und das ihres Sohnes Nikolai, genannt Kolja. Er und sein Freund, der Jude Alik Alexander Finkelstein, sind viel beisammen und oft gemeinsam bei Sofja Petrowna. Sie selbst hat sich mit Natascha Frolenko, einer Stenotypistin aus ihrem Schreibbüro angefreundet. Kolja ist stolz auf seine Mitgliedschaft im Komsomol, ist ein glühend-überzeugter Bolschewik, erfindet eine Methode zur Herstellung von Fellows-Schneidrädern. "Das Parteikomitee der Fabrik [in Swerdlowsk] bezeichnet ihn als den künftigen aufgehenden Adler", die "Prawda" berichtet über ihn. Alles geht seinen ruhigen bescheiden-alltäglichen Gang... Um so erstaunter hört Sofja Petrowna von der Verhaftung eines befreundeten Arztes ihres Mannes und erlebt die Verhaftung ihres Verlagsdirektors. Fest davon überzeugt, dass diese Festnahmen sich als ungeheuerliches Missverständnis herausstellen werden, erfährt sie durch Alik als Schlag aus heiterem Himmel von der Verhaftung ihres geliebten Sohnes Kolja.

Was nun beginnt, kennen wir inzwischen aus vielen Veröffentlichungen: die Suche der Angehörigen nach dem Verhafteten. Da die Inhaftnahme von Kolja im Schreckensjahr 1937 erfolgte, stehen meist Riesenschlangen, meist Ehefrauen, Bräute, Mütter, Töchter... bei der Staatsanwaltschaft oder vor dem Untersuchungsgefängnis an, um Auskunft über ihre verschwundenen Angehörigen zu erhalten, Kleidung oder Geld für die Gefangenen abzugeben. Sofja Petrowna erfährt nach tagelangem Anstehen, dass Kolja von seinem Wohnsitz Swerdlowsk nach Leningrad überführt worden ist, später, dass er verurteilt und deportiert wurde. Die Stenotypistin Natascha (die wohl in Kolja verliebt gewesen ist) wird aus dem Schreibbüro entlassen - weil sie statt Rote Armee Zote Armee getippt hatte -  und nimmt sich  das Leben, Alik wird  ebenfells verhaftet. Von Kolja kommt  endlich ein heraus  geschmuggelter Brief, in  dem er die Mutter um Hilfe bittet: " (...) handle so schnell wie möglich, denn hier kann man nicht überleben".

Was ist das Besondere an diesem Buch? Im Winter 1939 / 40 unter höchster Gefahr für ihre Freiheit, ja für ihr Leben niedergeschrieben, behandelt es das Jahr 1937. Der Mut der Autorin und das Schicksal dieses Textes sind einmalig in der Geschichte der Sowjetliteratur, vergleichbar höchstens mit Anna Achmatowas "Requiem", dem Gedichtzyklus, der derselben Zeit und demselben Thema gewidmet ist und zu einem großen Teil ebenfalls im Moment der Geschehnisse entstand. "Lydia Tschukowskaja verarbeitete die Atmosphäre der Terrorjahre nicht wie manche anderen Autoren retrospektiv", schreibt Regula Heusser-Markun in ihrem Nachwort, "sondern schrieb das Erlebte unmittelbar." Damals war die junge Autorin durch die Verhaftung ihres Mannes, des Physikers Matwej Bronschtein, selbst von der stalinistischen Repression betroffen wie Zehntausende andere Frauen auch.

Die Buchheldin Sofja Petrowna erlebt das Schicksal einer ahnungslosen Mutter, die an die Gerechtigkeit des Systems glaubt, bis auch sie völlig gebrochen und desillusioniert ihren Sohn als "Volksfeind" an den Gulag verliert.  Die Autorin Lydia Tschukowskaja vernichtete ihre Notizen auch in den ärgsten Jahren der Repression nicht, obwohl sie ihre Titelheldin einmal sagen lässt: "So etwas darf man nicht einmal denken, geschweige denn aufschreiben."

Sofja Petrowna erschien leider nicht wie Solschenizyns "Iwan Denissowitsch" in der Tauwetterperiode 1962, denn bereits 1963 befand Chruschtschow auf dem Treffen mit den Vertretern der Intelligenzia, die Aufarbeitung der Stalinzeit und die Wiedergutmachung seien abgeschlossen. Und so erschien Sofja Petrowna in Russland erst zu Zeiten der Perestroika unter Gorbatschow.

Lydia Tschukowskaja (1907 bis1996) - deren Mann zu zehn Jahren Lagerhaft "ohne Recht auf Briefwechsel" (was Tod durch Erschießen bedeutete) verurteilt wurde - hat sich für viele Bürgerrechtler, zum Beispiel für den krimtatarischen Mustafa Dschemilew** ebenso wie für eingekerkerte, verbannte oder geächtete Schriftstellerkollegen mit mutigen offenen Briefen engagiert. Als Pasternak 1958 den Nobelpreis zugesprochen bekam, ihn aber nicht entgegennehmen durfte und sogar mit dem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband bestraft wurde, setzte sie sich für ihn ein. Gemeinsam mit Frida Wigdorowa verfasste sie ein Protestschreiben, als Joseph Brodsky 1964 wegen "Nichtstuerei" in die Verbannung geschickt wurde. Zwei Jahre später trat sie für die verurteilten Schriftsteller Andrej Sinjawski und Juli Daniel ein. (...) Und natürlich setzte sich Lydia Tschukowskaja immer wieder für den verbannten Andrej Sacharow ein. "Diese publizistischen Pamphlete der [Alexander] Herzen-Spezialistin sind von einer brillanten Rhetorik und appellieren immer wieder an die gesellschaftliche Verantwortung der Kulturträger, indem sie zahlreiche Vorbilder aus Rußlands Vergangenheit, aber auch aus der westeuropäischen Geschichte heraufbeschwören", schreibt Regula Heusser-Markun. Am 9. Januar 1974 hielt Lydia Tschukowskaja vor dem russischen Schriftstellerverband eine Rede, ihren eigenen Ausschluss betreffend***.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

   * Im 4. Band der Werkausgabe zu Daniil Charms lese ich, dass Lydia Tschukowskaja im staatlichen Kinderbuchverlag als Redakteurin gearbeitet hat. Am 18. September 1932 lässt Charms sie in einem Brief an Leonid Pantelejew aus der Verbannung grüßen.

  ** Im Juli 2009 blättere ich in der "Jubiläumszeitschrift - Aus Anlass des 65. Geburtstages des anerkannten Bürgerrechtlers und Dissidenten Mustafa Dschemilew (Dshemilev)" (2008) und entdecke über seinen Prozess vom 14. April 1976 in Omsk diese Worte von Lydija Tschukowskaja (gekürzt): "Dshemilev stand nach zehn Monaten Hungerstreik vor Gericht. `Stehen´ ist hier nicht ganz die passende Bezeichnung, da er zum Stehen keine Kraft hatte. Während der Antworten auf die Fragen des Richters und des Verteidigers, konnte er nur unter großen Schwierigkeiten von der Anklagebank aufstehen: er wurde von beiden Seiten von Begleitmilizionären gestützt. Aber noch viel schwieriger als zu stehen, war für in zu sprechen. (...) Jedes Wort war eine Folter, weil er während zehn Monate Hungerstreiks über eine Sonde ernährt wurde, damit er nicht vor Hunger stirbt, und eine Sonde, die täglich durch den Hals geführt wird, muss den Kehlkopf verletzen. Dazu kam, dass Mustafa sehr krank war: er litt unter einer Erkrankung des Herzens und des Magens und einer Atrophie der Leber. - Und der Richter hatte eine Atrophie der menschlichen Gefühle. Er war der Satte, der den Hungrigen nicht versteht; der Gesunde, der den Kranken nicht versteht; der Richter, dessen Richtersessel stabil ist und mit allen vier Beinen auf das Gerüst des KGB gestützt ist: er war der Unmenschliche, der ruhig das letzte Wort des Angeklagten unterbrechen konnte, wissend, dass dieses vielleicht das vorletzte Wort ist, dass Mustafa auf dieser Erde ausspricht." (Geschrieben am 23. April 1976)

 *** "In einigen Minuten werden sie mich aus dem Schriftstellerverband ausschließen. Und ich werde nicht mehr Mitglied im Schriftstellerverband sein, sondern zu einer anderen Kategorie von Menschen gehören - zu der Kategorie der Ausgestoßenen. Das ist bitter, weil viele ehrliche, begabte und reine Menschen dem Verband angehören. Aber es ist eine Ehre, wenn man bedenkt, daß Soschtschenko und Achmatowa seinerzeit zu der Kategorie des Ausgeschlossenen gehörten, daß Pasternak als Ausgeschlossener gestorben ist und daß Sie vor kurzem Solschenizyn, Galitsch und Maksimow aus dem Verband ausgeschlossen haben. Ich möchte mich nicht mit solchen Riesen messen wie Achmatowa und Solschenizyn es sind, aber ich bin stolz darauf, daß Sie sich gezwungen sehen, mir gegenüber dieselben Maßnahmen zu ergreifen. - Heute werden Sie mich zu dem für einen Schriftsteller höchsten Strafmaß verurteilen - zur Nichtexistenz in der Literatur. Schon seit geraumer Zeit haben Sie eine Trennung zwischen mir und dem Leser eingeleitet, das heißt, Sie haben meine alten Bücher nicht wieder aufgelegt und die neuen nicht veröffentlicht. Es liegt in Ihrer Macht, jeden Schriftsteller als nicht existent oder sogar als nie existent gewesen zu erklären. Die Presse ist in ihrer Hand - in der Hand von Präsidien, Sekretariaten und Verwaltungskomitees. (...) Bei solchen Maßnahmen haben Sie immer vergessen, und Sie vergessen es auch heute, daß nur die Gegenwart und zum Teil die Vergangenheit in ihrer Macht steht. Es gibt noch eine Instanz, die über Vergangenheit und Zukunft entscheidet: die Literaturgeschichte. (...)"
(Zitiert nach EUROPA ERLESEN, Moskau, Wieser Verlag 1999)

 

Weitere Rezensionen zum Thema "Lagerliteratur (GULag / Gulag / GULAG und Verbannung)":

  • Anne Applebaum, Der Gulag.
  • Tomasz Kizny, GULAG.
  • Anna Larina Bucharina, Nun bin ich schon weit über zwanzig.
  • Gerhart Schirmer, Sachsenhausen - Workuta. Zehn Jahre in den Fängen der Sowjets.
  • Horst Schüler, Workuta, Erinnerung ohne Angst.
  • Semjon S. Umanskij, Jüdisches Glück. Bericht aus der Ukraine 1933-1944.
  • Julius Wolfenhaut, Nach Sibirien verbannt.

Am 03.02.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 08.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Das Herz - bei dem einen ein Meer, bei dem anderen - ein Sumpf.
Sprichwort der Russen

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