Hörbuch REZENSIONEN

Hörspiel - hochkarätig besetzt!

Russe
Doktor Schiwago
Hörspiel
Aus dem Russischen von Reinhold von Walter
Sprecher: Ingeborg Christiansen, Ludwig Cremer, Joana Maria Gorvin, Paul Hoffmann, Bernhard Minetti, Lola Müthel, Heinz Schacht, Gert Westphal, Klaus-Jürgen Wussow u. a.
Hörspielbearbeitung: Ernst Schnabel, Regie: Otto Kurth
Produktion: Westdeutscher Rundfunk Köln/Norddeutscher Rundfunk/Südwestfunk/RIAS 1958
Der Hörverlag, München 2001, 4 CDs, Laufzeit: etwa 124 Minuten. Mit Booklet von Julia Kursell.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Dirk S.)

Die Haupthandlung des Romans Doktor Schiwago spielt im Russland der Jahre 1905-1929, wo aus der Sicht Pasternaks bereits alle negativen Grundzüge des Sowjetsystems angelegt waren. "Pasternak greift auf philosophisches und religiöses Denken der Autoren der `Vechi´ ("Wegzeichen") wie Sergej Bulgakow, Nikolaj Berdajew u. a. zurück, die den Marxismus vor allem deswegen relativ früh überwunden hatten, weil sie davon ausgingen, dass der Mensch primär nicht ein von der Gesellschaft determiniertes und der Kausalität unterworfenes Wesen sei, sondern ein schöpferischer Geist und ein aktiver Gestalter von Geschichte und Kultur", schreibt Christine Engel in der von Klaus Städtke herausgegebenen "Russischen Literaturgeschichte". Und weiter: "Zufall und Irrationalität und nicht Kausalität oder Unausweichlichkeit sind daher auch die Grundprinzipien des Lebens, die Pasternak in der Textur des Romans, wiederzugeben versucht, indem er ihn kaleidoskopartig aufbaut und nach lyrischen Prinzipien gestaltet."

Doktor Schiwago ist als "Versager" und Antiheld gestaltet: ein Arzt, der seinen Beruf nicht mehr ausübt, ein Ehemann, der seine Frau (Tonja) betrügt, ein Liebhaber, der seine Geliebte (Lara) verliert und ein Mensch, der sich der Umerziehung durch die Kommunisten entzieht. Schiwago bewundert am Anfang zwar die Bolschewiki als Gestalter der Geschichte, lehnt aber ihre Art des Handelns ab, in der er eine manipulative Handlung sieht.

Schiwagos Name ist von "shivoj" ("lebendig") abgeleitet, weshalb die Neuübersetzung von Thomas Reschke mit Dr. Shiwago (Živago) bei der Ausgabe des Aufbau-Verlages richtig ist.  Beim Hörbuch geht der Name Schiwago auf die 1958 eilig erfolgte Übersetzung von Reinhold von Walter zurück, eine Übersetzung, die den heutigen Anforderungen nicht mehr genügt. Als Walters Übersetzung entstand, gab es Schwierigkeiten mit der Textvorlage. Nicht nur der Amsterdamer Raubdruck von 1958, auch Feltrinellis russische Version von 1959 zwangen Pasternak zu der Erklärung, dies sei wohl kaum noch sein Text. Reschke konnte auf Pasternaks Redaktion "von letzter Hand" (1988 in "Nowy mir") zurückgreifen. Mit dieser Neuübersetzung kommt Dr. Shiwago erstmals wortgetreu zu uns. Da fragt man sich, warum der Hörverlag bei seinem Hörbuch von 2001 auf die alte Übersetzung zurückgegriffen hat, die 1958 im S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, erschienen ist. Wahrscheinlich, weil diesem Hörspiel, das doch mehr eine Lesung mit verteilten Rollen ist, eine Uralt-Sendung des Westdeutschen Rundfunks zugrunde liegt. Sicherlich ist dies auch eine Kostenfrage. Aber ist es zu verantworten, das Hörbuch 2001 in der veralteten (und geschmähten) Übersetzung herauszubringen, wenn eine neue (viel gelobte) Übersetzung in Arbeit ist? Versöhnt jedenfalls werden wir durch die über dreißig hochkarätig besetzten Stimmen, die die Bilder dieser großen russischen Liebesgeschichte mit Jurij Schiwago und Lara in den Wirren der russischen Oktoberrevolution zum Leben erwecken.

Apropos Feltrinelli. Im Jahre 1958 ging der Nobelpreis für Literatur an Boris Pasternak. Die schwedische Regierung ehrte damit den "bahnbrechenden Lyriker", aber auch einen Romanschriftsteller "von großer Humanität und tolstojschem Format", wie es in der Begründung des Komitees hieß. Pasternak hatte seinen Roman ein Jahr zuvor bei dem italienischen Verlag Feltrinelli herausgebracht. Das schreibt sich leicht hin, aber mit wie viel Aufregung, Angst, Unannehmlichkeiten war es verbunden, als Sowjetautor ein Buch im kapitalistischen Ausland zu verlegen, das in der eigenen Heimat keine Aussicht auf sein Erscheinen hatte. Der Sohn des umtriebigen italienischen Verlegers Giaugiacomo Feltrinelli, Carlo Feltrinelli, lüftet in seinem Buch "Senior service, Das Leben meines Vaters", das Geheimnis der Zusammenarbeit, das bis dahin "in einem alten Büropanzerschrank in der Via Andegari verstaubte": der Briefwechsel Feltrinelli/Pasternak und viele schriftliche Einzelheiten - das ganze auf über achtzig Buchseiten. Giaugiacomo Feltrinelli formuliert 1957 in seinem Schreiben an "die sowjetischen Genossen", dass Pasternaks Prosa an Puschkin heranreiche. "Er [Pasternak] stellt Rußland, seine Natur, seine Seele und seine Geschichte in vollkommener Weise dar. Personen, Dinge und Fakten werden klar und konkret im besten Geist des Realismus gezeichnet, eines Realismus, der nicht bloße Manier, sondern Kunst ist." Es geht bei den achtzig Buchseiten um die Manuskriptübergabe Pasternaks an den italienischen Verleger und um die Bemühungen des sowjetischen Schriftstellerverbandes und der Partei, das Manuskript zurückzuerlangen; denn das "Schwein Pasternak" hat - nach den Worten des Komsomolsekretärs Semit (im Beisein von Nikita Chruschtschow) den heimatlichen Futtertrog beschmutzt. 1956 bezeichnete der sowjetische Außenminister Dmitri Schepilow Pasternaks Roman als ein "gräßliches antisowjetisches Machwerk". Es ist gut, den Schriftwechsel und die notierten Erinnerungen von Pasternak/Feltrinelli zu kennen, wenn man den lapidaren Satz liest: "Pasternaks Roman `Doktor Shiwago´ erschien 1957 in seiner Erstausgabe in italienischer Sprache."

Als Rechtfertigung des Lebens von Doktor Schiwago gehört zum Roman ein schmales Bändchen von Gedichten, das den letzten Teil des Buches bildet und das Credo des Romans zum Ausdruck bringt: innere Freiheit, ein Bewusstsein von historischer Dimension, Einheit von Mensch und Natur sowie geistige Werte wie Kunst, Philosophie und Religion. Doch diese fünfundzwanzig von Richard Pietraß übersetzten Gedichte - man glaubt es kaum - fehlen beim Hörbuch ganz und gar! Oder standen sie 1958 etwa noch gar nicht zur Verfügung?

Doch die Sprecher gefallen, besonders Ludwig Cremer als Dr. Schiwago, Joana Maria Gorvin als Lara, Lola Müthel als Tonja (Doktor Schiwagos Frau), Klaus-Jürgen Wussow als Pascha (Laras Mann), Paul Hoffmann als Komarowskij (der Lara verführte, als sie sechzehn war)...

Wer sich nicht an das über 750 Seiten starke Buch wagt, sollte sich zuerst das Hörbuch anhören, vielleicht greift er dann doch auch noch zu "Doktor Shivago", der gelungenen Neuübersetzung von Thomas Reschke.
Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

Das Buch zum Hörbuch!

 

 

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Am 06.12.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am  04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Beim Lästern über ein Laster fürchte das Lästern wie das Laster.
Sprichwort der Russen

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