Belletristik REZENSIONEN

Eine Frau steht ihren Mann

Deutsche; über eine Tatarin
Die Tatarin
Knaur Taschenbuch Verlag, München 2005, 590 S.
 
Hinter dem Pseudonym Iny Lorentz verbirgt sich ein Schreiber-Ehepaar: Ingrid "Iny" (1949 in Köln geboren) und  der Bayer Elmar Wohlrath; der Name Lorentz ist inspiriert von dem Vornamen des Vaters von Elmar. Sie schreiben seit 2003 historische Romane und landen regelmäßig in den Bestsellerlisten. 1,2 Millionen Exemplare (2005) haben sie - sie ist Organisationsprogrammiererin, er Druck-Operator - inzwischen verkauft; beide sind Mitglied im "Autorenkreis Historischer Romane Quo Vadis".

Iny Lorentz scheint´s, hat einen Narren an der Idee gefressen, eine Frau in Männerkleidung zu stecken. In "Die Goldhändlerin" wird aus Lea ein Samuel, in "Die Kastratin" wird aus Giulia ein Kastrat,  in Die Tatarin wird aus Schirin ein Bahadur. Der sehr umfangreiche Roman spielt in Russland Anfang des 18. Jahrhunderts, als ein Aufstand sibirischer Völker gegen die Russen missglückt. Als sibirische Völker werden die Wogulen [heute Mansen], die Ostjaken [heute Chanten], die Baschkiren, die Kalmücken [Kalmyken] und die Burjaten genannt. Den Russen mit dem Hauptmann Sergej Tarlow an der Spitze, ist es gelungen, die Rebellen in eine Falle zu locken. Die aufmüpfigen Steppenbewohner mit ihrem tatarischen Anführer Möngür Khan werden vorläufig gefangen genommen. Von Möngür Khan fordern die Sieger, dass er dem Zaren Treue schwört, den Jassak [Steuer, die Russland von den unterworfenen sibirischen Völkern einzog - zumeist Pelze] bezahlt und den ältesten Sohn als Geisel stellt -  Garantie für das Wohlverhalten des Stammes. Möngur Khan hat so viele Töchter, "dass er aufgehört hatte, sie zu zählen", aber bisher nur zwei Söhne." Bahadur, der Ältere, ist zwei Jahre zuvor bei einer Stammesfehde ums Leben gekommen, und der Jüngere - Ughur - ist gerade erst vier Jahre alt. "Dieses Kind dem Feind zu übergeben, hieß, es dem Tod durch Krankheit oder mangelnde Pflege auszuliefern." Da hat Zeyna, die Lieblingsfrau des Khans, eine Idee: die knabenhaft wirkende Stieftochter Schirin als Sohn auszugeben. Schirin ist die Tochter des Khans und der inzwischen verstorbenen Russin Natalja - die ihrer Tochter russisch zu lesen und zu schreiben beigebracht hatte. Die Russin war von des Zaren Schwester Sofja nach Sibirien verbannt worden. Kurzerhand wird das siebzehnjährige Mädchen ("Dort, wo ein Weib weich und füllig sein sollte, ist sie so flach wie die Steppe.") in (prunkvolle) Männerkleidung gesteckt und unter dem Namen ihres toten Bruders als Geisel an die Russen ausgeliefert. "Schirin glich mehr einem Fürsten als einem Steppenräuber seines Stammes." Ihre Stiefmutter Zeyna hatte Schirin so prachtvoll ausgestattet, um jedermann glauben zu machen, dass sie tatsächlich der Lieblingssohn des Khans sei.

Für Schirin beginnt eine harte Zeit, in der sie große Angst vor den "barbarischen" Russen hat,  ihre wahre Identität verheimlichen, sich als Krieger bewähren und ihre auflodernden Gefühle für den russischen Offizier Sergej Tralow verbergen muss.

Angst vor den barbarischen Russen? In Schirins Volk erzählt man sich, dass der Großkhan, "der sich Zar nannte, jeden Morgen einen gebratenen Menschenkopf zum Frühstück" serviert bekam und dazu "das Blut der Geschlachteten" trank, aus deren "Fleisch das Kebab für das Mittagsmahl zubereitet wurde". - Ihr wahres Geschlecht zu verheimlichen ist inmitten der Soldatenschar natürlich besonders schwer. Man denke allein an die alltäglichen Verrichtungen: sich zu waschen, sich umzuziehen, seine Notdurft zu verrichten, die Mondtage [Monatsblutungen] zu verbergen. - Als Krieger gerät Schirin-Bahadur in viele Scharmützel gegen die Schweden und siegt am 28. Juni 1707 mit den Russen und den gefangen genommenen "Steppenteufeln" in der Entscheidungsschlacht bei Poltawa gegen den Schwedenkönig Carl XII. In diesen zwei Jahren - Schirin ist inzwischen neunzehn Jahre alt - hat sie als Fähnrich Bahadur Bahadurow in Sergejs Regiment der russischen Armee so einige Feinde erschossen und "zersäbelt", mehrmals selbst dem Tod ins Auge geblickt, war verwundet worden und --- rettete dem Zaren Peter dem Großen zweimal das Leben. (Ich glaube nicht, dass der mit der russischen Geschichte nicht so vertraute Leser immer weiß, dass von dem Beherrscher Russlands die Rede ist, wenn er - oft innerhalb weniger Zeilen - mal als Pjotr Alexijewitsch, mal als Pjotr Romanow, mal als Zar Peter, mal als Peter Romanow, mal als Pitter agiert, zumal die unterschiedlichen Bezeichnungen im Personenverzeichnis nicht aufgeführt sind...) - Als Liebende ist Schirin hin- und her gerissen zwischen ihrem Hass auf die Russen und ihrer aufkeimenden Liebe zu Sergej, dessen Mut und Raffinesse im Kampf sie bewundert. Auch Tarlow gewöhnt sich immer mehr an den tatarischen Knaben, den er im Kampf als guten Kameraden kennen gelernt hat. Zunehmend beunruhigen ihn seine verlangenden Gefühle, die er sich nicht erklären kann..

Wieder einmal frage ich mich (wie schon bei Cynthia Harrod-Eagles "Fleur") wie ich an dieses triviale Buch geraten bin. Der Titel Die Tatarin hat mich - der Thematik meiner Websites verpflichtet - angelockt. Aber wie viele Klischees werden hier bedient... Vor allem immer und immer wieder das von den ewig saufenden Russen, die in diesem Buch mehr trinken als die Newa fasst. Und dann diese vielen Zufälligkeiten und deren Höhepunkt: Es stellt sich heraus, dass Schirin die Nichte von Marfa Alexejewna ist. Und die wiederum ist die Vertraute und Freundin von Jekaterina. Und die ist die Geliebte des Zaren, die nach Peters Tod als Zarin Katharina I. regieren wird. Und flugs wird aus der gerade noch von uns Lesern bedauerten Schirin eine Tatjana (so heimlich geheißen von ihrer russischen Mutter Natalja Alexejewna Naryschkina). Und die Naryschkins - was für eine Schwarte! - sind verwandt mit dem Zaren. So also machen die Lorentzens ohne mit den Wimpern zu zucken, Schirin zur Cousine des Zaren. Damit nicht genug, wird Sergej - Dank sei der Heiligen Jungfrau von Kasan - der Schirin inzwischen mit dem Segen des Zaren geheiratet hat - ausgerechnet in Schirins sibirische Heimat abkommandiert, um dort einen russischen Stützpunkt zu errichten. Hier nun werden Sergej und Schirin glücklich und in Freuden leben - mit vielen Kinderchen, ist anzunehmen. "Ihre Heimat", wird Schirin zu Sergej nach dem Willen der Lorentzens sagen, "ist da, wo wir zusammen sind." Schluss. Ende der Romanhandlung. Durch die letzten Buchkapitel habe ich mich gelangweilt durchgequält.

Dennoch kann ich dem Schreiber-Ehepaar eine gewisse Hochachtung nicht versagen, aber die betrifft ausschließlich ihre Recherchenarbeit, haben sie sich doch das erste Mal auf historisch kompliziertes russisches Terrain gewagt.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

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Ins Netz gestellt am 06.03.2007. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Wenn man an einen Russen kratzt, kommt ein Tatar hervor.
Sprichwort der Russen
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