Belletristik REZENSIONEN

Eine Närrin als Lichtgestalt

Russin
Die Närrin
Aus dem Russischen von Esther Kinsky
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart / München 2003, 192 S.
 
Die Hauptfigur dieses Buches ist die dreizehnjährige Hanna (Nadezhda, Nadjka), geboren mit dem Down-Syndrom. Ihre Eltern, die sich ihrer geistig zurückgebliebenen Tochter schämten, hatten sie Anfang der sechziger Jahre in einem Floß ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen. Hanna lernt auf ihrem Bettelweg durch Russland, in dem es von Komsomolzen, Kommunisten und Atheisten nur so wimmelt, viele Menschen kennen. Gute und Böse. Meist böse. Im Kinderheim, dem die fanatische Kommunistin Traktorina Petrowna als Direktorin vorsteht, begegnet ihr und uns eine besonders bösartige ideologische Vertreterin ihrer Zunft. Der gleichaltrige Marat, der Hannas Unbeholfenheit und Weichheit mag, wird im Heim ihr Beschützer. Als es die Petrowna mal wieder gar zu arg mit den ihr anvertrauten Kindern treibt, und sie auch noch die Verhaftung der gutmütigen Tante Charyta veranlasst, weil diese Heimkinder tauft, die im Sterben liegen, beschließt Marat, die Petrowna mit Schlangengift aus dem Weg zu räumen. Hanna, getrieben von ihrem Gewissen, verrät ihren Freund. Die Szene, wie Marat von dem Hausmeister des Heims, der im Nebenjob der Geliebte der Petrowna ist, Marat fast zu Tode prügelt und dann erhängt, prägt sich als eine der grausamen Szenen des Buches ein. Grausam auch die Szene, wie Komsomolzen einen Gottesdienst stürmen, Vater Wassilij im Fluss ertränken und einer der Komsomolzen den leiblichen Vater töten will, weil der an Gott glaubt. Überhaupt geht es in der längeren Erzählung, die der Verlag einen Roman nennt, darum dass in der Sowjetunion Kommunist zu sein, automatisch hieß, Atheist zu sein. Wie absurd das ist, bedeutet uns durch ihr Handeln immer wieder Hanna. Auf ihrem Weg durch die Steppe erkennen die Menschen in ihr etwas unerklärbar Besonderes. Der Glaube an sie macht sie, die stumm ist, zur Seherin und Wunderheilerin, zur Nixe und Lichtgestalt.

Die 1956 geborene Svetlana Vasilenko (richtig wäre Swetlana Wasilenko) wuchs in Kapustin Jar auf, einem sowjetischen Raumfahrtzentrum. Dieser Ort - geprägt von militärischen Sicherheitsvorkehrungen, Restriktionen und dem Kalten Krieg - war lange Zeit auf keiner Landkarte verzeichnet. Ist die Autorin deshalb so sensibilisiert für die Kuba-Krise? Jedenfalls schließt ihr Buch mit der erschütternden Szene, wie am 28. Oktober 1962 die Schulkinder in der Steppe versammelt werden, um sich vor einem atomaren Schlag der Amerikaner "zu verstecken". In Hysterie und Todesangst erwarten sie das Ende... Aber da sagt ihr Bruder Marat zu Hanna: "Nadjka! Tu etwas!" Nadjka schaut ganz verständig und klar, dann steht sie auf, hebt das Gesicht zum grauen kalten Himmel hinauf - und plötzlich schwebt sie über der Erde... Nadjka steigt immer höher und höher hinauf. Man kann sie fast nicht mehr sehen. Und wenige Minuten später geht die Sonne auf. Vor den Augen der Kinder wird sie am Rand von Himmel und Erde geboren, eine riesige rote Sonne, ganz und gar mit Nadjkas Blut beschmiert. Ein Wunder! Es ist eine ganz neue Sonne. Da begreift Marat, "daß kein Krieg ausbrechen würde, daß Nadjka uns heute gerettet hatte, daß es keinen Atomangriff, keine Raketen geben würde... Es würde keinen Tod geben! Ich fiel mit dem Gesicht vornüber ins Steppengras und heulte laut, ohne mich zu schämen."

In dieser Geschichte um das geistig behinderte Mädchen vermischen sich historische Tatsachen und russische Legenden, Heiligenviten und Volksmärchen. Die Sprache des Romans ist schlicht und karg, sie entspricht dem Wortgut, mit dem Nadjkas Bruder vertraut ist, der seine Schwester über eine innere Stimme versteht und ihr Schicksal nacherzählt. Wer die Geschichte Russlands nur sehr vage kennt, wird das eine oder andere Kapitel nicht richtig durchschauen können...

Die Närrin ist das erste ins Deutsche übersetzte Buch der Autorin, die 1999 mit dem Nabokov-Preis ausgezeichnet wurde.

Svetlana Vasilenko war 2003 im Rahmen des "Autorenprogramms Russland" Gast auf der Leipziger Buchmesse. Sie erzählte ihren Lesern, dass ihr Buch ursprünglich als Filmszenarium gedacht war. Hanna sei einer Spielgefährtin der Autorin nachempfunden; auch sie war geistig behindert. Es habe sie beeindruckt, dass sich dieses Mädchen in ihren Charakterzügen nicht veränderte, dass sie sich, von Lebenserfahrungen unbeeindruckt, immer gleich blieb. "Und", sagt Svetlana Vasilenko, "dass ihr niemand übel nahm, wenn sie die Wahrheit sagte. Behinderte, mein Buch erschien russisch unter dem Titel "Durotschka" (Närrchen, Kindskopf, Schwachsinnige...), dürfen immer und überall die Wahrheit sagen. Narren, Gottesnarren, sagten diese sogar dem Zaren."

Im Buch Die Närrin arbeitet der Vater von Hanna im Raketenzentrum. Ich fragte Svetlana Vasilenko, wo denn in Kapustin Jar, das 1947 entstanden war, ihr Vater gearbeitet habe? Und ich höre, dass Svetlana Vasilenkos Vater ebenfalls im Raketenzentrum von Kapustin Jar tätig war. Vor sechs Jahren habe sie ihn gefragt, wofür er 1962 - da war sie sechs Jahre alt - verantwortlich war. "Ich war derjenige", hatte er ihr geantwortet, "der den Finger auf dem roten Knopf hatte."

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 30.04.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 25.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Wer sich selbst nicht in die Hand zu nehmen versteht, kann auch andere nicht lenken.
Sprichwort der Russen

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