Belletristik REZENSIONEN

Es darf gelacht werden...

Russe
Sender Jerewan antwortet
Witze in der Sowjetunion 1960-1990
Aus dem Russischen von Jürgen Hiller
Mit 13 Collagen von Andreas Prüstel
Dietz Verlag, Berlin 1995, 422 S.

Breshnew und Ford treffen sich. "Weißt du schon, Leonid", erzählt Ford, "daß ich mit Vorliebe Witze über mich sammle. Ich habe bereits ein ganzes Album davon." - "Ich auch", nickt Breshnew zustimmend. "Ich habe schon mehrere Lager voll." Diesen Witz aus dem Buch-Abschnitt "Sowjetische Alltagswitze" hörte ich auf meinen Reisen in die Sowjetunion einige Male; für Ford war wahlweise Kennedy, Nixon, später Clinton eingesetzt. In seiner Einleitung schreibt Alexander Mostowschtschikow, dass in den überfüllten Wagen der Straßenbahnen, der Metro und der Vorortzüge, in den Küchen, wo seinerzeit getrunken und über Politik gestritten wurde, in den Ferienheimen und anderswo - die Gespräche nach ähnlichem Muster so begannen: "Kennst du den, wo Breshnew..." oder "Hast du schon die neueste Anfrage an den Sender Jerewan gehört?" In den sechziger Jahren seien gerade die Jerewan-Witze groß in Mode gekommen.

Auf die Fragen: Warum Jerewan? Warum Sender? Warum Frage und Antwort? habe ich nirgendwo eine plausible Antwort gefunden; denn einen Sender Jerewan hat es nie gegeben und mit Armeniens Hauptstadt Jerewan hatten die Witze schon gar nichts zu tun. Sie waren die Rache der Sowjetbürger für die Entbehrungen des Alltags. "Eine Minute Lachen ersetzte ein Kilo Mohrrüben", pflegte meine russische Freundin Raissa zu sagen. Nach Deutschland übrigens kamen die Radio-Jerewan-Witze nicht zuletzt durch die Zeitschrift "Sputnik", die ab 1967 von der Presseagentur "Nowosti" ("Neuigkeiten") auf Russisch, Ungarisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Tschechisch und Deutsch vertrieben wurde; am 19. November 1988 ereilte den "Sputnik" für die DDR ein Erscheinungsverbot.

In den sechziger Jahren (Ich reiste als Reporterin für die DDR-Illustrierte FREIE WELT von 1964-1990 an die hundert Mal in die Sowjetunion.) waren die Witze meist lang, inhaltsreich und patriotisch  z. B.: Vor einem Lenin-Denkmal in Moskau fragt ein Amerikaner  einen Russen, wen dieses Monument verkörpert. "Das ist unser großer Führer Wladimir Iljitsch Lenin, der Gründer der Sowjetunion, der Anfang der zwanziger Jahre gestorben ist", erklärte der Russe. "Oh ja", entgegnete darauf der Amerikaner, "auch wir in Amerika setzen unseren Toten ein Denkmal." - "Ich weiß", fällt ihm der Russe ins Wort, "vor kurzem habe ich ein Foto von der Freiheitsstatue bei Ihnen gesehen." In den sechziger bis in die achtziger Jahre, als die Kreml-Greise ihre sprachlich schwer verständlichen Reden hielten, gab es eine Fülle politischer Witze. Und als in den achtziger Jahren die Regale und Schaufenster in sterilem Leer erstrahlten, "öffnete das Volk voller Andacht die letzten Büchsen mit Sprotten in Tomatentunke und stellte sich selbst die Frage aus einem frisch gebackenen Witz: `Weshalb mischt man eigentlich Erbsen in den Brotteig?´ - `Damit jeder mit Pauken und Trompeten in den Kommunismus marschieren kann.´"

Mostowschtschikow unterteilt sein im Dietz Verlag* erschienenes Buch in "Sowjetische Alltagswitze" (In den Siebziger, Achtziger Jahren lachten die Russen sowohl über ihre Regierung als auch  über sich selbst, z. B "Woran ist Breschnew eigentlich gestorben?" - "Er bekam einen Herzanfall, als er hörte, daß sein Sohn aus dem Altersheim entwischt ist." Oder: "In die Bar kommt ein Mann und verlangt zehn Gläser Wodka. Der Barkeeper erfüllt diesen Wunsch. Der Gast sagt: "So, nun nehmen Sie das erste und das letzte Glas weg." - "Bitte sehr!" Die übrigen acht Gläser trinkt er schnell hintereinander aus. Der Barkeeper kann seine Neugier nicht zurückhalten. "Ich erlebe so etwas zum ersten Mal. Weshalb trinken Sie auf so eigenartige Weise?" - "Sie müssen wissen: Das erste Glas kriege ich immer nur schwer runter, und das letzte ist zuviel." Erst die Ära nach Stalin entfachte ein Feuerwerk von Witzen über Ausländer, z. B.: "Warum stehen hier alle auf und skandieren: `Erich, Erich [Honecker]...´? - "Damit sie nicht sitzen müssen." Oder: "In einer englischen Schule wird ein Aufsatz geschrieben, in dem unbedingt Gott, die Königin, Sex und ein Geheimnis eine Rolle spielen sollen. Eine Schülerin schreibt: "Oh Gott, seufzte die Königin, ich bin schon wieder schwanger und weiß nicht von wem."), in "Anfragen an den Sender Jerewan" (Die Witze dieser Serie waren auf ihre Art scharfsinnig, befreiend und aktuell, manchmal natürlich auch unter der Gürtellinie; sie hielten sich über eine ungewöhnlich lange Zeit, z. B.: "Anfrage an den Sender Jerewan: `Was ist eine Sprotte?´ - Antwort: `Ein Wal, der im Kommunismus angekommen ist.´") und in die "Tschuktschen-Witze" (Mit diesen Witzen werden die Tschuktschen - die auf Tschukotka im äußersten Nordosten Russlands leben - so richtig verkohlt, z. B.: "Zwei Tschuktschen schauen zum Himmel. "Eh nu, ein Flugzeug!" - "Bestimmt die Regierung!" - "Eh nu, eher unwahrscheinlich. Wenn´s die Regierung wäre, würden weiße Männer auf Motorrädern drum herum sein." Oder: "Die Vertreter verschiedener Völker streiten darüber, welcher Nationalität Lenin war. Der Russe erklärt: `Er war Russe.´ -`Wieso?´ - `Er ist in Rußland geboren, hat die russische Revolution gemacht und ist in Rußland beerdigt.´ - Sagt ein Finne: `Er war Finne.´ - `Wieso?´ - `Er hat sich vor dem Zaren in Finnland versteckt, dort die russische Revolution vorbereitet und sein wichtigstes Lebenswerk in Finnland geschrieben.´ - Meldet sich ein Deutscher und sagt: `Er war Deutscher.´ - `Wie das?´ - `Er ist in Simbirsk geboren, nicht weit vom Gebiet der Wolgadeutschen, hat in Berlin gearbeitet und fühlte sich schon immer zu Deutschland hingezogen.´ Sagt der Tschuktsche: `Lenin war Tschuktsche.´  - `Und weshalb?´ - `Er war sehr klug.´" Ich gestehe, dass ich die Tschuktschenwitze, in denen das kleine Volk der Tschuktschen so schlecht wegkommt, nicht besonders mag. Denn ich bereiste diesen exotischen Landstrich, habe über die liebenswürdigen, mutigen Menschen ein  Buch - "Diesseits und jenseits des Polarkreises", Verlag Neues Leben, Berlin 1990 -  geschrieben  und habe viele von ihnen in bester Erinnerung. Aber gut, über die Ostfriesen lachen wir ja auch und meinen es nicht böse. Mostowschtschikow schreibt: "Die Witze entstanden in den achtziger Jahren und erreichten eine ähnliche Popularität wie die kleinen Geschichten über die deutschen Inselbewohner. Es geht darum um ein lustiges Lebensbild, um anekdotische Gestalten, in keinem Fall jedoch um die Beleidigung oder um das Lächerlichmachen einer Volksgruppe." Kein Lächerlichmachen einer Volksgruppe? "Eines Tages sagt der Russe zum Tschuktschen: `Laß uns ein Spiel machen. Ich gebe dir ein Rätsel auf, und wenn du es errätst, erhältst du von mir einen Rubel. Errätst du´s nicht, bekomme ich von dir einen Rubel.´ - `Gut, fang an!´ Das Raten beginnt. `Es ist von innen rot und von außen schwarz und glänzend.´ - `Ein Seehund.´ - `Nein.´ - `Eine Rentierkuh.´ - `Nein.´ - `Dann weiß ich´s nicht.´  -  `Eine Galosche.´ Tschuktsche legt einen Rubel hin. `Es sind zwei, von innen rot, von außen schwarz und glänzend.´ - `Seehunde?´ - `Nein.´ - `Renntierkühe?´ - `Nein.´ - `Dann weiß ich´s nicht.´ - `Zwei Galoschen.´ Erneut ein Rubel... Es wird Nacht, der Russe und der Tschuktsche spielen immer noch Rätselraten. `Es sind 1891 Stück, sind innen rot und außen schwarz und glänzend.´ - `Seekühe?´ - `Nein´ - `Rentierkühe?´ - `Nein.´ - `Dann weiß ich´s nicht.´ - `1891 Galoschen.´ Erneut ein Rubel.")

Anfrage an Alexander Mostowschtschikow: "Wie schreibt man die Tiere, die den ganzen Winter in der Tundra sind und Rentiermoos fressen?" - Antwort: Wenn es sich um eine Rentierkuh handelt, mit einem n, wenn es sich um zwei Renntierkühe handelt mit zwei n." ha, ha, ha, ha, ha...

1960-1990 - eine vergangene Zeit? Ich finde, diese Witze sind auch ein interessantes Zeitdokument. Wer Wahrhaftiges über die Tschuktschen wissen möchte, der lese und höre von Juri Rytchëu "Traum im Polarnebel" (Hörbuch), "Unna", "Die Reise der Anna Odinzowa", "Im Spiegel des Vergessens", "Der letzte Schamane".


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Der Dietz Verlag wurde 1946 gegründet und hat die Wendestürme überstanden. Wie? "Ähnlich wie `Neues Deutschland´: durch den Wandel weg vom Sprachrohr einer mit Vorliebe ihre dümmlichen Eitelkeiten pflegenden Parteiführung hin zu einem Haus in dem jene publizieren, die sich mit der Befreiung von all jenen Verhältnissen herumplagen, unter denen der Mensch ein verächtliches Wesen ist´, sagt Burkhard Lange, promovierter Historiker und Geschäftsführer des Berliner Karl Dietz Verlages.

 

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Am 06.12.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am10.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Collage
von Andreas Prüstel.
Ein großer Teil

der Tschuktschen
ist alkoholabhängig.

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