Belletristik REZENSIONEN

Schreibt mit jüdischem Humor...

Litauer
Irgendwas, irgendwie, irgendwo
Aus dem Litauischen von Klaus Berthel
ATHENA-Verlag, Oberhausen 2001, 94 S.

Litauer
Als ob man lebte
Ein heroisches Märchen
Aus dem Litauischen von Klaus Berthel
ATHENA-Verlag, Oberhausen 2002, 87 S.

Irgendwas, irgendwie, irgendwo - noch zu Sowjetzeiten geschrieben, während der "inneren Emigration" des Autors - ist ein kurzweiliges Buch mit 32 heiteren Geschichten, von denen sechs eigens für dieses Büchlein nachgetragen wurden. Četrauskas´ Humor lässt sich gut mit dem jüdischen Humor vergleichen, denn er entstand ebenfalls in einem Volk, das lange Zeit keinen eigenen Staat hatte. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Werk von Četrauskas (sprich: Tschetrauskas) deutlich von dem anderer litauischer Autoren, einschließlich der Schar von Humoristen, die einst an einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" glaubten und sich mit den "Kinderkrankheiten des Sozialismus" auseinandersetzten. Derzeit ist Četrauskas Kolumnist für die Zeitschrift "Literatur und Kunst", wo er unter dem Pseudonym Tadas Desperadas unter Verwendung von Straßenslang und Politikerlatein jede Woche die aktuellsten Themen kommentiert, von der Hochzeit des Premierministers bis zu den Polemiken angesichts der Vorbereitung der Frankfurter Buchmesse 2002, auf der Litauen Länderschwerpunkt war.

Die meisten Geschichten in Irgendwas, irgendwie, irgendwo spielen in sowjet-litauischer Zeit, nur wenige danach. Sie erzählen von den alltäglichen Widrigkeiten in einer Mangelgesellschaft, von der bürokratischen Vergabe von Wohnraum, von der großen Rolle, die der Alkohol spielte, von der hohlen Phraseologie der Politniks, von den Abenteuern und Strapazen einer Westreise. Wer nicht erlebte, wie man sich passend zum Mantel eine graue Handtasche erkämpfen musste, wird ungläubig mit dem Kopf schütteln; wer es erlebte, wird verhalten (sehr verhalten) schmunzeln... (Das Schmunzeln vergeht einem allerdings, wenn man - auf S. 57 - entdeckt, dass der ATHENA-Verlag die Hauptstadt von Litauens Nachbarrepublik Estland - Tallinn - falsch mit einem "n" schreibt.)

Alle Geschichten des Autors sind voller Ironie, mit leisem Humor geschrieben, nicht sarkastisch, nicht satirisch, nicht grotesk. Četrauskas beobachtet einfach nur scharfsinnig seine Mitmenschen, Freunde, Kollegen, die Familie und sich selbst und schreibt frohgemut auf, was er sieht. Ein bisschen verwundert, dass der Verlag dieses schlichte Geschichten-Büchlein in Eulenspiegelmanier für wert fand, Band 3 der "Bücher aus Litauen" zu werden, immerhin gibt es mehr als dreihundert "registrierte" litauische Schriftsteller...

Allerdings ist Irgendwas, irgendwie, irgendwo in der Reihenfolge eine gute Abwechslung; denn Band 1 ist die "Friedenstaube" von Gavelis, dem wohl profiliertesten litauischen Autor, und Band 2 das anspruchsvolle philosophische Tagebuch "Post Scriptum" von Arvydas Šliogeris.

Teodoras Četrauskas, 1944 im litauischen Ukmergė geboren, studierte deutsche Sprache und Literatur an der Universität Vilnius. Von 1970 bis 1986 war er als Lektor des Verlages "Vaga" für deutschsprachige Literatur verantwortlich; seit 1986 ist er freischaffend als Schriftsteller und Übersetzer tätig. Er übertrug zahlreiche deutschsprachige Bücher bedeutender Autoren ins Litauische, darunter Werke von Grass, Lenz, Thomas Bernhard, Kafka... Außerdem verfasste er Erzählungen und Kinderbücher, die ins Deutsche, Schwedische, Slowakische, Ungarische und Turkmenische übertragen wurden.

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2002 erschien (als Band 5 der "Bücher aus Litauen") mit Als ob man lebte ein zweiter Četrauskas. Mit diesem heroischen Märchen ist Schluss mit Lustig - obwohl der Autor es versteht, auch in diesem Buch so manche Episode brutal-spaßig zu gestalten.

In diesem "Märchen" geht es - alles andere als märchenhaft - um das Ende der Unabhängigkeit Litauens nach dem Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts vom August 1939, um den Einmarsch sowjetischer Truppen in Litauen, um die manipulierten Wahlen, bei denen 99,2 Prozent der Litauer für die kommunistische Einheitsliste votierten und somit  für die Eingliederung Litauens in die UdSSR, um die 38 000 Opfer der Deportationswelle im Juni 1941, die durch den Einmarsch der deutschen Truppen gestoppt wurde, um den Rückzug der deutschen Okkupationsmacht, die die Hoffnungen der Litauer auf Wiederherstellung ihrer Unabhängigkeit enttäuschte und die der Bevölkerung ebenfalls schwere Opfer gekostet hatte, um die zweite Deportationswelle von 1944/45 mit insgesamt etwa 300 000 litauischen Opfern... Der Leser braucht gewiss einige Seiten, um zu verstehen, welche Zeit und welche Ereignisse in Als ob man lebte dargestellt werden; denn von Anfang an bis ganz zum Ende des Buches kommen vier Vokabeln (mit all ihren grammatischen Formen) nicht vor: russisch, sowjetisch, litauisch, deutsch. Wie das bei dieser Thematik möglich ist? Für die Soldaten der (ruhmreichen) Sowjetarmee benutzt Četrauskas die Vokabel "bratok", russisch: Brüderchen - wie sich die russischen Soldaten untereinander ansprachen - und es die Litauer als offizielle Anrede missverstanden. Litauen ist für den Autor Tannenbergland (bei Tannenberg fand 1410 eine bedeutende Schlacht zwischen den deutschen Ordensrittern und der vereinigten litauisch-polnischen Streitmacht statt) oder das Land der Kriven und Vaidiluten (der Heiden). Die Deutschen kommen sprachlich nur als Arier daher. Da findet dann der "bartokisch-arische Krieg" (S. 36) in "Tannenbergland der Kriven und Vaidiluten" (S. 39) statt, und der Leser fragt sich, was in den "krivisch-raidilutisch-tannenbergländischen Schädeln" (S.39) vor sich geht?

Im Mittelpunkt des "Märchens" stehen der pfiffige Schuldirektor Juozas - der sein privates Leben und die politische Realität des unterdrückten Litauen als so unerträglich empfindet, dass er, um den "Anstand zu wahren", seinen eigenen Tod inszeniert - und die kassandrische Judita, die zwei Tage vor dem Einmarsch der Bratoks einen Jungen das Leben schenkt, der getauft wird auf den Namen Aurelius  - Goldjunge. Und er ist tatsächlich ein Goldjunge, denn obwohl er erst zwei Tage alt ist, versteht er alles, auch, dass die beiden Bratoks, die gleich am ersten Tag des Einmarschs der Sowjetarmee ins Haus eindringen, und - günstige Gelegenheit - seine madonnenhafte Mutter und das "lolitahafte Kindermädchen" vergewaltigen wollen. Und wie verhindert der goldige Säugling das? "(...) der zwei Tage alte Bengel zeigte den Bratoks, die ihre Gewehre abgestellt hatten, einen so genannten Ausfluss: Nachdem er aufgestoßen hatte, ließ er im rechten Mundwinkel ein bläulichweißes Rinnsal erkennen, mit Speichel vermischte Muttermilch. Die schlürfte er zurück und begann ganz plötzlich zu husten, zu würgen, blau anzulaufen, die Augen zu verdrehen, laut zu plärren, heftig mit den kleinen Armen und Beinen zu strampeln, nach Luft zu schnappen wie ein ans Ufer geworfener Fisch, so als hätte er noch keinen Klaps auf den Po bekommen, wäre also noch nicht zum Säugling mutiert. Dann spielte er, gleichsam ohne Vorwarnung, ein Kleinkind, das den Geist aufgibt, in den letzten Zügen liegt, am Krepieren ist. Und dies so überzeugend, dass die vor Schreck erstarrten Frauen auf einmal sehr lebendig wurden und allein mit ihm beschäftigt waren. Ein Wesen, das den letzten Atemzug zu tun schien, und zwei, die um es herumsprangen, zwangen die beiden Bratoks innezuhalten und zu warten, bis die beiden Frauen wieder vor Angst erstarrt sein und abermals sanfte Wünsche in ihnen erwecken würden. Der Kleine erkannte das und setzte sein Spiel fort, und obwohl er gar nichts in die Luftröhre bekommen hatte, zog er ein solches Erstickungsspektakel ab, um das ihn jeder Schauspieler hätte beneiden können." Das Wunderbaby schnauft und rülpst bis den Bratoks diese Aufführung zu viel wird und sie das Haus verlassen - ohne den beiden Frauen zum Zwecke des Geschlechtsverkehrs Gewalt angetan zu haben. Mich erinnert der kleine Aurelius an Grass´ Oskar, sicherlich nicht ganz ohne Grund, denn schließlich - wir erinnern uns - übersetzte Čentrauskas auch diesen deutschen Autor.

Das Buch ist, denke ich, der Generation gewidmet, die in der Nachkriegszeit schwer zu leiden hatte; es hebt sich allerdings in Sprache, Ansichten und Stil sehr von anderen Büchern zum Thema ab. "Es ist absolut klar", schreibt der litauische Schriftsteller und Literaturkritiker Jurgis Kunčinas, "auf wessen Seite der Autor steht, trotzdem werden alle Beteiligten de-heroisiert: Menschen bleiben auf allen Seiten Menschen. Somit ist das Buch eine Herausforderung sowohl für die Zeitzeugen, die nur mit künstlichem Pathos und unter Gejammer von dieser Periode berichten, als auch für die Schriftsteller, die die Nachkriegszeit aus rein sowjetischer Sicht beschrieben haben." Das Buch ist durchweg aktuell, weiß man doch nach wie vor wenig über die bis zu Stalins Tod aktive litauische Widerstandsbewegung gegen das sowjetische Besatzungsregime. Die verfremdete Umsetzung dieser inzwischen historischen Ereignisse mit Widerstand, Mitläufertum und Verrat ist außerordentlich beeindruckend und leserwirksam dargestellt. Für mich ist Als ob man lebte das interessanteste litauische Buch der Frankfurter Buchmesse 2002. Ich sagte dies Teodoras Četrauskas, und es bereitete mir Freude zu sehen, wie er sich freute.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 10.02.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 20.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Litauisches Ornament -
aus der
ethnischen Region
Aukštaitija (sprich: Aukschtaitija).

 

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