Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN

Der Hammelfettfleck eines armenischen Daumenabdrucks...

Über Armenien
Armenien - Stein um Stein
Gebunden mit Schutzumschlag, 22,5 x 27 cm, 202 farbige Abbildungen
Edition Temmen, Bremen 2001, 156 S..

Für diesen Bildband war der Schweizer Fotograf Andreas Wolfensberger seit 1995 zehnmal in Armenien; seine Gastgeber wurden inzwischen seine Schwiegereltern. Ist die Erwartung an seine Fotos wegen der Vielzahl seiner Armenien-Aufenthalte besonders groß? Einen Namen, so schreibt der Verlag habe sich Wolfensberger (Jahrgang 1942) als Industrie-, Landschafts- und Porträtfotograf gemacht. Ja, die Landschaftsaufnahmen sind beeindruckend. Nachhaltig-beeindruckende Porträtaufnahmen gibt es aber leider keine, ja, nicht einmal Porträtaufnahmen überhaupt, von dem Katholikos aller Armenier (S.145) einmal abgesehen. Industrieaufnahmen finden sich - mit Kränen, Raupenfahrzeugen, Zementfabrik und verrosteten Eisenbahnwaggongs, Fotos, die, wie ein prächtiger Kohlkopf (S. 34) und ein schwarzes Loch (S.37), in einem solchen Bildband aber ganz sicher fehl am Platze sind. Viele Fotos wirken, als seien sie in der Morgen- oder Abenddämmerung aufgenommen oder sind sie einfach nur blaustichig (S.76/82/97/124-125/126-127/154-155)?

Sehr informativ und beeindruckend die Texte von  Tessa Hofmann (Jahrgang 1949), die Neurophilologie (Slawistik / Armenistik) und Soziologie studierte. Sie ist Autorin und Herausgeberin von zehn Büchern zur armenischen Geschichte und Kultur, besonders lesenswert und faktenreich ihr Buch "Die Armenier. Schicksal. Kultur. Geschichte", erschienen im DA Verlag Das Andere, Nürnberg 1993. Für den Bildband Armenien - Stein um Stein kann Tessa Hofmann - die namhafteste Spezialistin für armenische Fragen im deutschen Sprachraum - wahrlich aus dem Vollen schöpfen und kenntnisreich über die soziale, politische und ökonomische Wirklichkeit dieses Landes (nicht nur) der Steine erzählen. Auch wer schon einiges über Armeniens Jahrtausende alte Kultur und über die tragische Vergangenheit des armenischen Volkes weiß, wird garantiert Neues erfahren; denn Tessa Hofmann erzählt über Religion, Sprache, Literatur, Bildende Kunst und das Leben dieses ältesten christlichen Staatsvolkes der Menschheitsgeschichte. Der Bogen an interessanten Informationen  spannt sich von der Mitteilung, dass die Aprikose (dort als Armenische Pflaume bezeichnet) aus Armenien stammt bis hin zur Geschichte des Begriffs Holocaust. Tessa Hofmann schreibt dazu:

"(...) 1895 und 1896 wurden landesweit Massaker an der armenischen Bevölkerung angezettelt. Obwohl dabei 300 000  Armenier getötet oder vertrieben worden sind, blieben diese Staatsverbrechen ohne politische oder juristische Konsequenzen. Damals entstand der Begriff Holocaust, der erst 1957 von jüdischen Autoren auf die nationalsozialistische Vernichtung der europäischen Juden übertragen wurde. Die Lebendverbrennung von dreitausend Armeniern am 29. Dezember 1895, die sich in Urfa vor Massakern in ihre riesige Kathedrale geflüchtet hatten, bezeichnete erstmals die amerikanische Missionarin Corinna Shattuck mit dem aus der Bibel entlehnten Begriff Ganzbrandopfer (griech. `holocausta´).  Die New York Times vom 10. September 1895 und 1898 der französische jüdische Journalist Bernard Lazare umschrieben mit `Holocaust´ den gesamten Massenmord des Jahres 1895. Der Engländer Ducket Z. Ferriman bezeichnete in seinem Buch die Tötung von 30 000 Armeniern im April 1909 erneut als Holocaust, gefolgt von Winston Churchill, der 1920 in seinem Buch `The World Chrisis´ (Bd. 4) die `Massakrierung unzähliger Tausender wehrloser Armenier´ einen `administrativen Holocaust´ nannte."

Der umfängliche Text Tessa Hofmanns, die 1998 die erste Trägerin des Papazian-Kulturpreises war, den ihr die Allgemeine Armenische Wohltätigkeitsunion (Hauptsitz New York) in Anerkennung ihres publizistischen und menschenrechtlichen Einsatzes für das armenische Volk* verlieh - wird ergänzt durch das Gedicht des Dichters Parujr Sewak (1924-1971) "Wir sind nur wenige", die zweite Strophe beginnt: 

Wir sind nur wenige,/doch man nennt uns Armenier./Über andere erheben wir uns nicht./Nur dies lasst uns sagen:/Unser Los war anders./Unser Blut ist zu oft geflossen./Selbst als wir zahlreich waren und stark/haben wir nie ein Volk unterdrückt/in unserem jahrhundertealten Leben./Jahrhunderte kamen, Jahrhunderte gingen./Keines sah uns als Tyrannen. (Im Ostberliner Verlag Volk und Welt erschien 1987 von Parujr Sewak in der Weißen Gedicht-Reihe "Der Schmerz, der weitertreibt".)

Ferner ist von Howhannes Tumanjan (1869-1922) das Märchen "Der unbesiegbare Hahn" abgedruckt und von Jules Crittenden, wohnhaft in den USA, der Text "Vom Ursprung armenischer Dinge" - sehr scherzhaft schreibt er zum Beispiel,  dass es "buchstäblich keinen Aspekt gibt, der nicht den Hammelfettfleck eines armenischen Daumenabdrucks trägt".

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Das armenische Volk hat im November 2005 eine neue Verfassung angenommen. Nach Angaben der zentralen Wahlkommission in der Hauptstadt Jerewan stimmten 93,3 Prozent der Wähler für die von der Regierung vorgeschlagenen Änderungen: Das neue Grundgesetz stärkt die Rechte des Parlaments. Der Präsident verliert u. a. sein Recht, Richter zu ernennen. Die Klagemöglichkeiten der Bürger vor dem Verfassungsgericht wurden erweitert.

 

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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Sagt ein Armer, die Katze habe Leber genascht,
 glaubt es keiner; sagt ein Reicher, ein Mäuschen fraß Eisen, glaubt es jeder.
Sprichwort der Armenier
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