Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN

Haben die sibirischen Völker ihre Zukunft schon hinter sich?

Östlich der Sonne
Vom Baikalsee nach Alaska
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg 2003, 369 S.
Über Sibirien, die Republik Sacha (Jakutien), die Burjaten, Tschuktschen, Asiatischen Eskimos (die amerikanischen Eskimos und nordamerikanischen Indianer)

"Land östlich der Sonne" nannten die russischen Eroberer im 16. Jahrhundert jenen geheimnisvollen hintersten Teil Sibiriens, der sich vom Fluss Lena bis zum Stillen Ozean erstreckt. Durch dieses raue unermesslich weite Land zogen vor vielen tausend Jahren die Vorfahren der nordamerikanischen Indianer vom Baikalsee bis nach Alaska. Klaus Bednarz, heute Chefreporter des WDR, reiste 2001 mit einem Kamerateam auf ihren Spuren. Seine Route umfasste mehr als zehntausend Kilometer, entlang der gewaltigen Lena, durch Taiga (sprich: Taigá) und Tundra und schließlich über die Beringstraße, die Meerenge zwischen Russland und Amerika. "Es ist das verwegenste, ambitionierteste Projekt, das ich je an Angriff genommen habe", gesteht Bednarz, der langjährig Moderator des ARD-Politmagazins "Monitor" war und von 1982 bis 2003 elf Auszeichnungen erhielt, u. a. zum Internationalen Film- und Fernsehfestival in Jalta. Klaus Bednarz faszinierte die Tatsache, dass vor etwa zwölf Jahrhunderten die ersten Menschen - über die  damals nicht vom Meer bedeckte Beringstraße - nach Nordamerika kamen, also Amerika einst von Sibiriern besiedelt wurde. Und der Autor konstatiert, dass sich die Bewohner Sibiriens und Alaskas bis heute sehr ähnlich geblieben sind.

Bednarz hat sowohl seine Fernsehdokumentation als auch sein Buch in drei Teile untergliedert:

- Die erste Etappe der Reise führt von der Quelle der Lena, dem mächtigsten Strom Sibiriens, bis zu ihrer Mündung im Nordpolarmeer - das sind 4 400 Kilometer. Auf dieser Reise geht er einen Tag lang zu Fuß durch die Taiga, besucht die Felsbilder von Schischkino, macht Bekanntschaft mit Jakutsk, begegnet er Jakuten, den "Türken Sibiriens"...

- Die zweite Etappe reicht von der Lena durch das ostsibirische Bergland bis zum Stillen Ozean. Es ist eine beschwerliche Winterreise auf der "Straße des Todes", wie die unbefestigte und vereiste 2 200 Kilometer lange Piste durch die Taiga genannt wird. Sie wurde zur Stalin-Zeit mit Schippen und bloßen Händen von Häftlingen gebaut, hunderttausende ließen dabei ihr Leben. (Tomasz Kizny berichtet über die Lager an der Kolyma in seinem hervorragenden Bildband "GULAG".)

- Die dritte Etappe führt von den Tschuktschen und Asiatischen Eskimos auf der äußersten Nordostspitze Sibiriens über die Beringstraße bis zu den Küstenindianern im Süden Alaskas.

Klaus Bednarz beginnt sein Buch mit der Charakterisierung von Bootsman, Valet und Susanna; es dauert ein Weilchen, bis man dahinter kommt, dass diese drei keine Menschen, sondern Hunde, sibirische Laikas, sind. Jedenfalls erreicht Bednarz, dass man von Anfang an gefesselt ist. Und so bleibt es bis zum Schluss, als uns der Autor mit der Frage entlässt, wie in Sibirien, diesem geschundenen Land, ein neues Gleichgewicht von Mensch und Natur hergesellt werden kann. Bednarz ist ein einfühlsamer Reporter, der von seinen Gesprächspartnern interessante Antworten bekommt, weil er sachkundige Fragen stellt. Über das, was er sieht, berichtet er geradezu packend - von den malerischen sibirischen Landschaften und von den meist aufgeschlossenen Menschen, die hier unter widrigen klimatischen und materiellen Bedingungen ausharren. Da ist Semjon Ustinow, der Bärenforscher. Bären, erzählt er, wüssten schon im Voraus, ob ein Winter streng werde oder nicht, und legten dementsprechend ihre Höhlen an. Da ist Wladimir Makarow, der Züchter von Jakuten-Pferden, die selbst bei 60 Grad unter Null noch in freier Natur zurecht kommen. "Geschöpfe Gottes, Gesandte des Himmels", nennt er sie. Da ist Aljoscha, der Walfänger, der sagt: "Wir verehren den Wal, wir feiern ihn mit Liedern und Tänzen. Und natürlich gehört auch die Waljagd zu unserem Leben." Klaus Bednarz gelingen von allen Begegnungen - ohne Ausnahme! - eindrucksvolle Porträts.

Ich war 1975 in Burjatien (Über die Burjaten, Adygen und Karelier berichte ich in meinem Buch "Zwischen Weißem Meer und Baikalsee", Verlag Neues Leben 1981) und 1981 auf Tschukotka (über die Tschuktschen, Asiatischen Eskimos, Südosseten und Karakalpaken erzähle ich in meinen Buch "Diesseits und jenseits des Polarkreises", Verlag Neues Leben 1985). Wenn ich Bednarz lese,  kann ich fast nicht glauben, dass wir dieselben Territorien bereist haben. Die sibirischen Völker sind wahrlich vom planwirtschaftlichen Regen in die marktwirtschaftliche Traufe gekommen. Auf vielen Seiten schildert Bednarz Niedergang und Verfall. "Wir haben die Zukunft hinter uns", sagt ein Mann aus Tiksi, dem Tor zum Eismeer: Zu meiner Reisezeit ein bedeutender Umschlagplatz, bei Bednarz eine Geisterstadt. Bei Bednarz liest sich der Verfall z. B. so: "Zu Sowjetzeiten, so Anatolij, wurde das Dorf, das praktisch nur aus Wetterstation und dem Außenposten der Naturparkverwaltung besteht, `königlich´ versorgt. Regelmäßig wurden über den Baikalsee Lebensmittel und andere wichtige Güter gebracht, Diesel etwa für die Fahrzeuge und Boote. Die Kinder waren kostenlos in einem Internat in Irkutsk untergebracht, mehrmals im Jahr kam per Schiff ein Arzt vorbei. Strom erzeugte der dorfeigene Generator, und für ständigen Kontakt mit der Außenwelt - die nächste Stadt, Irkutsk ist immerhin 400 Kilometer entfernt - sorgte ein Funkgerät. Und im Notfall - bei Krankheit, einer schwierigen Geburt, einem Unfall - wurde ein Hubschrauber geschickt. Heute, so Anatolij, würden keine Lebensmittel mehr gebracht, auch kämen keine Schiffe mit Diesel und anderen Versorgungsgütern. Sogar die medizinische Betreuung sei eingestellt. Und die Kinder könnten nicht mehr zur Schule gehen, da für die Unterbringung im Internat nun bezahlt werden müsse. Das altersschwache Funkgerät breche ständig zusammen, und wenn man im Notfall einen Hubschrauber anfordere, laute die erste Frage: `Welche Organisation bezahlt den?´" Der staatliche Wetterdienst und die Naturschutzverwaltung seien `so gut wie pleite´, und für private Unternehmen lohne der Transport in diesen entlegenen Winkel der Welt nicht. `Kapitalismus eben!´"

Die postsozialistische Tristess verlassener Städte und verfallener Industrieanlagen ist jedoch nur das eine. Das andere Gesicht Sibiriens sind noch immer unberührte Flüsse und Gebirge, die weiten Wald- und Sumpflandschaften in denen sich Bären, Wölfe, Rentiere und Elche tummeln. Und da ist die Vielfalt der Völker. Bednarz besucht das jakutische Sonnenfest, fährt mit tschuktschischen Walfängern zur See, lernt ewenkische Rentierhirten kennen. Apropos tschuktschische Walfänger... Auch ich fuhr auf meiner Reise zu Sowjetzeiten mit einem Walfangschiff, um dabei zu sein, wenn einer der einhundertsiebzig Grauwale gefangen wird, die die Internationale Walfangkommission den Tschuktschen und Asiatischen Eskimos zugestanden hatte. Damals wunderte ich mich sehr, daß nur Russen auf dem Schiff arbeiteten. Aus meinem Interview mit dem Kapitän Leonid Wotrogow:  "Warum arbeiten keine Tschuktschen und Eskimos auf Ihrem Schiff?" - "Die gesamte Mannschaft des Walfängers `Swjosdny´ muß aus dem Heimathafen Wladiwostok stammen und dort gibt es leider keine Vertreter dieser Völkerschaften, die die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen. Daß der örtlichen Bevölkerung der Walfang erlaubt ist, heißt ja nicht gleichzeitig, daß sie den Walfang auch selbst ausüben muß. Unser Schiff ist sozusagen das `Dienstleistungsschiff`´ für die Versorgung der örtlichen Bevölkerung mit Walfleisch."- "Sind die Küstentschuktschen und Eskimos nicht daran interessiert - eventuell mit ihren herkömmlichen Fangmethoden -, selbst Wale zu jagen?" - "Es liegt eine Anfrage der sowjetischen Eskimos vor, ihnen - mit ihren althergebrachten Methoden - den Fang von Grönlandwalen zu gestatten, wie es den Eskimos von Alaska und Kanada erlaubt ist." - "Was behagt den Eskimos denn am Grauwal nicht?" - "Der Grauwal heißt in ihrer Sprache `Teufel´. Er ist zu schnell, zu gefährlich. Ihn kann man nur mit moderner Technik jagen." Aljoscha, der heutige Waljäger, sagt denn auch zu Klaus Bednarz: "Lorino [ein Ort an der tschuktschischen Küste] zum Beispiel darf in jedem Jahr einen der riesigen Grönlandwale sowie achtundvierzig Grauwale erlegen. `Für ein so großes Dorf viel zu wenig, aber immerhin... ´ Früher nämlich, zu Sowjetzeiten, durften die Männer von Lorino überhaupt nicht auf Waljagd gehen. Da hat die sowjetische Walfangflotte [Uns wurde damals glaubhaft versichert, das nur noch einem einzigen Walfangschiff, der  "Swjosdny" , die Jagd auf Wale erlaubt sei.] mit riesigen Schiffen die Wale `einfach abgeknallt´ und dann an den Strand von Lorino geschleppt, wo sie die Tschuktschen zerlegen und ausnehmen mussten. `Sie haben uns Jäger zu Schlächtern gemacht.´" Ganz so hatte ich das damals nicht gesehen...

Klaus Bednarz hat auf seiner wochenlangen strapaziösen Reise viel Berichtenswertes erlebt, aber er hat auch vor und nach seiner Reise intensiv recherchiert. Trotzdem überschüttet er den Leser nicht mit Informationen, sondern lässt diese meist durch seine Gesprächspartner mitteilen, die dem sympathischen, wissbegierigen deutschen Journalisten meist sehr offen antworten. Bednarz schildert wahrheitsgetreu, was er sieht und hört, und man spürt sein warmes Gefühl, das er den sibirischen Menschen entgegenbringt.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 03.02.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Täschchen:
von Tschukota
aus
Rentierfell.
 

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