Hörbuch REZENSIONEN

Ein Kanadier findet bei den Tschuktschen seinen Platz in der Welt

Tschuktsche
Traum im Polarnebel
Lesung
Aus dem Russischen von Arno Specht. Eingerichtet von Ute Pröttel
Sprecher: Manfred Zapatka
Regie: Marie-Luise Goerke
Technik: Nikolaus Esche, Audio Vision Studios, Produktion: Der Hörverlag 2003
Der Hörverlag, München 2003, 4 CDs, Laufzeit: etwa 280 Minuten. Mit Booklet.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz Schön)

Traum im Polarnebel ist als Buch 1968 im Ostberliner Verlag Volk und Welt erschienen. Damals las ich das das zweite, deutsch erschienene Buch von Juri Rytchëu*. Sehnsucht nach Tschukotka erfasste mich... Nun hörte ich Traum im Polarnebel - 36 Jahre später - als Hörbuch, gelesen von dem Schauspieler Manfred Zapatka. Erinnerungen überwältigten mich. Denn: 1980 endlich hatte ich als Ostberliner Journalistin das Tschuktschenland tatsächlich bereist... Die Halbinsel Tschukotka war da noch militärischer Sperrbezirk - wegen der nur durch die 80 Kilometer breite Beringstraße getrennten amerikanischen Nachbarschaft.

Traum im Polarnebel spielt in den Jahren 1912 bis 1920, vor der Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). In einem Küstendorf Tschukotkas im äußersten Nordosten Russlands, in Enmyn, strandet das Walfangschiff "Belinda". An Bord ist auch der Kanadier John MacLennan. Durch ein tragisches Missgeschick wird er schwer an den Händen verwundet. Drei Ureinwohner sollen John (den die Tschuktschen Son nennen), in die russische Stadt Anadyr (heute Tschukotkas Hauptstadt) bringen, weil dort ein russischer Arzt ansässig ist. Doch unterwegs setzt bei John Wundbrand ein. Die drei Ureinwohner Toko (sprich: Tokó), Orwo (sprich: Orwó) und Armol rufen die Schamanin Kelena zu Hilfe. John MacLennan glaubt, sein letztes Stündchen habe geschlagen... Doch die Schamanin rettet ihm das Leben, in dem sie einige Finger an beiden Händen amputiert. Geschickt und gekonnt, wie John später feststellt. Als sie wieder in Enmyn ankommen, hat das Schiff bereits abgelegt, aus Sorge, wieder vom Eis eingeschlossen zu werden. Es bleibt John nichts weiter übrig, als den Winter in Enmyn zu verbringen - um dann, wenn das Eis aufgetaut ist, mit einem vorüber kommenden Schiff zurück in die Heimat zu fahren.

Fand er anfangs "diese Wilden" ein "unsympathisches Völkchen", so lernt er sie bald schon als Freunde schätzen, die in der Not einander helfen und immer füreinander da sind. Auch für John, dem sie lederne Prothesen basteln, so dass er bald schon selbständig essen, sich anziehen und sogar schreiben kann. Fand der Kanadier es hier am Ende der Welt ganz und gar unwirtlich, so kommt er bald schon mit der so ganz anders gearteten tschuktschischen Lebensweise gut zurecht, besonders als er mit seinen Lederprothesen auch zu schießen lernt. Nun ist er kein Schmarotzer mehr, sondern ein Jäger, der sich selbst ernähren kann.

Als Johns bestem Freund Toko ein Unglück widerfährt, und er stirbt, beschließt er, endgültig auf der Halbinsel und in der bei Schneesturm ächzenden Jaranga zu bleiben. Wohl auch wegen Tokos Frau Pylmau (sprich: Pylmá-u) und ihrem kleinen Sohn Jako (sprich: Jakó), für die er sich als bester Freund Tokos verantwortlich fühlt, und denen er schon längere Zeit sehr zugetan ist. John Mac Lennan, einst froh, dass er nicht in dieser Einöde, sondern weit weg geboren wurde, fühlt sich in der weiten Landschaft unter den einfachen, im Alter zur Weisheit neigenden Einheimischen mit ihrem schlichten Wesen und göttlichem Glauben wohl, manchmal sogar glücklich. Das Glück, kennt John inzwischen ein tschuktschisches Sprichwort, geht nur zu dem, der ihm entgegengeht. Wer, so grübelt er, an die Heimat denkend, könnte sagen, was das wahre Leben ist, und er denkt:" (...) daß das Volk der Tschuktschen keineswegs so einfältig sei, wie er angenommen hatte: Es besaß einen eigenen Kalender und eigene Vorstellungen über die Bewegung der Himmelskörper. Sein medizinisch-chirurgisches Können war sogar über jedes Lob erhaben. John lächelte jetzt bei dem Gedanken (...), daß er Toko einmal mit Armol verwechselt hatte und daß ihm alle Tschuktschen gleich auszusehen schienen. Nein, sie besaßen eine eigene, ihren harten Lebensbedingungen angepaßte Kultur und hatten sich in einer Umgebung, in der ein Raubtier zugrunde gehen konnte, beste menschliche Eigenschaften bewahrt."

Bald schon wird Pylmau und John ein kleines Mädchen geboren. Sie nennen es Tynewirineu-Mary; Mary heißt Johns Mutter. John weiß nun: "Ich habe meinen Platz in der Welt gefunden." Doch in einem furchtbaren winterlichen Hungerjahr stirbt die kleine Tochter. Wir erleben Pylmau und John noch, wie ihnen zwei weitere Kinder geboren werden: Bill-Toko und Sophie-Ankanau. John sieht sich als Stammvater fremdartiger Tschuktschen. In sein Tagebuch schreibt er: "Der Mensch atmet, liebt, ißt und trinkt und genießt die Wärme in diesem Reich des Frostes und der eisigen Stürme. Eine einfache wärmende Flamme und der warme Hauch der Häuslichkeit haben hier einen Wert wie nirgendwo sonst auf der Welt." Dabei bleibt es auch, als ihn seine gealterte Mutter zurück in die alte Heimalt holen will...

Am Schluss des Buches ist auch hier "am Ende der Welt" von Revolution und Bolschewiki die Rede. Bald wird Schluss damit sein, dass es keine Behörden, keine Oberen gibt, dass jede Siedlung für sich und mit sich allein auskommen darf...

Es fällt einem nicht schwer, Manfred Zapatkas angenehmer Stimme fast fünf Stunden lang zu lauschen. Er liest eindrucksvoll und hebt nur selten (aber dann gekonnt) ein Wort oder eine Situation stimmlich hervor. Erfreulich auch, dass Orte und Namen richtig betont und ausgesprochen werden (bis auf Uëlen, sprich: U-e-len, das auch im Buch falsch Uellen heißt). Manfred Zapatka wurde 1942 in Bremen geboren, ist bekannt als Theater- und Filmschauspieler, der mit bedeutenden Regisseuren zusammenarbeitete. Die Übersetzung aus dem Russischen (wie schon die des Buches des Ostberliner Verlages Volk und Welt) stammt auch beim Hörbuch von Arno Specht und wurde geschickt unwesentlich gekürzt.

Nicht zu verstehen ist, warum im Booklet die Veröffentlichungen Juri Rytchëus nur bis 1980 angegeben sind. Danach folgten z. B. noch so wichtige Werke wie "Unna" (1997), "Im Spiegel des Vergessens" (1999), "Die Reise der Anna Odinzowa" (2000), "Der letzte Schamane" (2002).


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Juri Rytchëu wurde 1930 in Uëlen auf Tschukotka geboren und starb mit 78 Jahren in St. Petersburg im Mai 2008.  

 

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Am 10.06.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Torbasen -
wasserundurchlässige

Winterstiefel:
meist aus Robbenfell,
verziert mit
Rentierleder.

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