Belletristik REZENSIONEN

"Liebe auf den ersten Fick..."

Russin
Die Reise
Aus dem Russischen von Annelore Nitschke
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1997, 195 S.
 
Im Grunde sei ein Werk groß, schreibt Vera Narbikova in ihrem Roman Die Reise, wenn man es mit eigenen Worten nacherzählen kann.

Nun denn: Kissa ist mit Alexander Sergejewitsch verheiratet. Sie wohnen zusammen mit Kissas Bruder Serjosha in einer Wohnung in Deutschland. Alexander Sergejewitsch erteilt Russischunterricht, Serjosha arbeitet als Ingenieur; Kissa schreibt Gedichte, Geld verdient sie damit nicht. Kissa - die "Wenn ihr ein Gedicht nicht gelang, (...) mehr litt, sogar mehr noch als am Leben, wenn ihr etwas im Leben nicht gelang." - ist mit zwanzig Jahren schon das zweite Mal verheiratet und wird bis zum Schluss des Buches neun Seitensprünge machen, ziemlich "viel für eine verheiratete Frau". Einer der Seitensprünge ist der deutsche Herr Iw. der kein Russisch versteht und sich seinen Lebensunterhalt damit verdient, dass er Vögel zurichtet, die für ihn wer weiß wo in der Welt Diamanten aufpicken, um sie ihm kostenlos nach Deutschland in seine (unaufgeräumte) Wohnung zu bringen. Herr Iw. bleibt nicht nur ein Seitensprung, sondern wird Kissas Geliebter. Kissa, für die es nichts Höheres gibt als Verse, betrügt also regelmäßig ihren Mann und  - auch ihren Geliebten; sie ist eine Liebes- und Ehebrecherin. Warum ist sie das? Ihr Widerspruchsgeist ist schuld - ergibt sich aus den sechs Seitensprung-Geschichten des Romans, die Kissas Verhalten analysieren und offenbaren, dass es ihr weniger um Liebe, mehr um Sex geht. Wichtig vielleicht: Alle Männer, mit denen sie ins Bett geht, schreiben Gedichte, der eine gute, der andere schlechte... Manchmal erfährt sie von der lyrischen Seite ihres Sex-Partners erst nach dem Beischlaf; sie sucht sich als Partner also nicht gezielt Dichter aus, sondern reißt die Poeten zufällig auf und dann gibt es "Liebe auf den ersten Fick".

Das wäre der Inhalt,  nacherzählt mit eigenen Worten. Ist der Roman der Narbikova nun groß?

Man wird der Narbikova, finde ich, gar nicht gerecht, wenn man nur die Handlung nacherzählt. Denn die Autorin denkt im Zusammenhang mit ihren Seitensprüngen auch über das Leben nach und über den Tod, über die Zeit, das Geld, über Propheten und Juden, den Schlaf, die russische Seele, über Tschernobyl, über Sorokin, Prigow und den Konzeptionalismus, den sie eine "Hymne auf die Scheiße" nennt. Handlung und Überlegungen sind bei der Narbikowa unverhohlen in erotischem, ja, obszönem Vokabular geschildert. An einer Stelle des Buches schreibt die Autorin, das Kissa - diese vollkommen östliche Frau, die zugleich vollkommen europäisch war - und ihr Bruder Serjosha untereinander nie die Wörter: vögeln, Schwanz, Möse, ficken, Fick... verwenden. Warum dem Leser gegenüber? Will die Narbikowa - um die vierzig Jahre alt - den heutigen männlichen russischen Autoren (Sorokin, Limonow) in nichts nachstehen?

Ein Satz aus Narbikovas Die Reise wäre mein Wahlspruch gewesen, als ich als Journalistin regelmäßig kreuz und quer durch die Sowjetunion reiste: "Die Elektrifizierung des ganzen Landes ist natürlich gut, aber lieber säße man bei Kerzenschein auf einem sauberen Klo."

"Was hier [in Narbikovas Roman] rasant und überzeugend zusammenkommt, ist noch nie zusammengekommen." (Ilma Rakusa in "Von Ketzern und Klassikern"). Valeria Narbikowa, 1958 in Moskau geboren, ist Malerin und Schriftstellerin. Sie studierte am Maxim-Gorki-Literaturinsitut bei dem sehr bekannten Andrej Bitow und veröffentlichte, 1988 in der Zeitschrift "Junost" (Jugend) ihre erste Liebesgeschichte "Das Gleichgewicht des Lichts der Tages- und der Nachtsterne", die zum besten Roman des Jahres erklärt wird. Ihr französischer Verlag prophezeit ihr "einen skandalösen Ruf und frenetischen Beifall" und die nächsten Veröffentlichungen rechtfertigen die Verblüffung und den Beifall, den ihre Bücher in Russland und in Westeuropa auslösen. Wer Die Reise gelesen hat, wird auch ihre anderen Bücher lesen wollen:: "Das Gleichgewicht des Lichts der Tages- und der Nachtsterne" (deutsch1993; "Ach, was für ein wildes, leidenschaftliches, draufgängerisches, freches, poetisches Buch - dieser Wurf über die Liebe", schreibt Ilma Rakusa in der "Zeit"), die Erzählung "Wettlauf. Lauf." (deutsch1994; erstaunlich "Vera Narbikowas sinnliche Beziehung zur Sprache, der überraschend einfache Stil, die geistreichen Pointen, die Leichtigkeit ihrer Kapriolen, bei denen sie die deprimierende Wirklichkeit aus luftiger Höhe betrachtet", schreibt Hans-Peter Klausenitzer in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung") und den Roman "Flüstergeräusch" (deutsch 1995; Dieses Buch "versucht, ohne falsches Pathos, im Wissen darum, daß dies so existentiell wie lächerlich ist, über die großen einfachen Dinge nachzudenken -  und stellt sich damit bei aller Differenz und Originalität überraschend klar in die Tradition der `großen russischen Literatur´."

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 03.02.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 08.01.2017.

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