Belletristik REZENSIONEN

Nicht ganz ohne Klischees...

Russin
Eine Liebe fürs ganze Leben
Erzählung
Aus dem Russischen von Angelika Schneider
Diogenes Verlag, Zürich 2003, 147 S.

Leider erschien Viktorija Tokarjewa (geboren 1937) weder zum ersten noch zum zweiten angekündigten Termin des 3. Internationalen Literaturfestivals in Berlin. Es wurde von Passschwierigkeiten gemunkelt... Schade, ich hätte gern die Autorin kennen gelernt, die sich in einem Interview nicht zu sagen scheute, dass es im heutigen Russland höchstens fünf gute Autorinnen gäbe, nämlich die Petruschewskaja, die Tolstaja, die Ulitzkaja, die Marinina und - sie selbst. Als ihren Lehrmeister gibt die Tokarjewa Anton Tschechow an und nennt den Ausspruch von ihm "Kürze ist die Schwester des Talents" als Divise ihres Schaffens. Hat sie deshalb noch keinen Roman geschrieben? Dabei bräuchte sie ihre Geschichten nur ein bisschen zu verdünnen und schon würden Romane draus (hat einmal ein Schriftstellerkollege über ihre Erzählungen gesagt). Übrigens: Der Zürcher Diogenes Verlag hat vor etwa zehn Jahren die deutschen Rechte ihres Gesamtwerks gekauft.

In ihrem zuletzt ins Deutsche übersetzten Buch Eine Liebe fürs ganze Leben wird die Lebensgeschichte der Russin Irina Iwanowna Gusko erzählt, die in Baku, Aserbaidshans Hauptstadt, lebt. "Baku war - in den damaligen, jetzt schon weit zurückliegenden Sowjetzeiten - eine internationale Stadt, in der alle Völker miteinander in Frieden und Brüderlichkeit lebten." Irina heiratet jung - den wenig attraktiven, Sex besessenen Wolodka Sidorow vom politikwissenschaftlichen Institut; neun Monate später wird der Sohn Sascha geboren. Irina studiert und arbeitet schließlich als Lehrerin. So gehen zehn Ehejahre ins Land, Wolodka hat schließlich eine Armenierin als Geliebte. Irina versucht, ihre Ehe mit einem zweiten Kind zu kitten, vergeblich, Wolodka verlässt Frau und Kinder und zieht zu seiner Geliebten. Da ist Irina zweiunddreißig Jahre alt und muss nun den Lebensunterhalt für sich und die beiden Kinder allein verdienen. Irina erweist sich als stark und zäh, auch als starrsinnig und dominant, auch  anderen gegenüber ist sie unerbittlich. Als Irina sich schon damit abgefunden hat, dass das Thema Liebe für sie abgehakt ist, tritt der um sechs Jahre jüngere, schöne Aserbaidshaner Kjamal in ihr Leben --- der nach Erdbeeren riecht.  Er wird Irinas große Liebe und sie die seine. Doch dann findet Kjamals Mutter eine passende Frau für ihren Sohn, und Kjamal - traditionsgemäß gehorsam - heiratet. Irina ahnt nichts. Beide treffen sich weiterhin regelmäßig. Da ist Irina inzwischen zweiundvierzig Jahre alt und Kjamal sechsunddreißig; seine Frau zwanzig. Gut gehen, kann das natürlich nicht...

Der literarische Stern der Tokarjewa ging 1964 auf, da war sie gerade siebenundzwanzig Jahre alt. Die Erzählung, mit der sie sozusagen über Nacht berühmt wurde, hieß "Ein Tag ohne Lügen". Darin beschließt der Held, ein Lehrer, mit der Gewohnheit ideologischer Lügen zu brechen und einen ganzen Tag nur die Wahrheit zu sagen. Fürderhin wurde das eigentliche Thema der Tokarjewa jedoch die Beziehungen zwischen den Geschlechtern.

In ihren neuen Buch Eine Liebe fürs ganze Leben geht es zwar auch um Liebesglück und Liebesunglück zwischen Mann und Frau, aber doch auch um das Unglück des heutigen Russland. Lebten zu Sowjetzeiten Russen, Armenier und Aserbaidshaner friedlich miteinander, gehen sie im Gefolge von Perestroika und dem beginnenden Zerfall der Sowjetunion mörderisch gegeneinander los. Alle "Ungläubigen" sind aufgefordert, ihre Heimat zu verlassen. Auch die Russin Irina. Irina wird überfallen und zusammengeschlagen, und sie erfährt von Kjamals Doppelleben. "Der Verrat der Stadt und der Verrat Kjamals" - beides zusammen ist zuviel für die Heldin. Und so folgt sie ihren inzwischen verheirateten Kindern ins Mafia verseuchte Moskau. Durch eine ungetreue Bank verliert sie alle ihre Ersparnisse. Kjamal taucht wieder auf, braucht ihre Hilfe. Da man ohne Liebe "wie auf Krücken lebt", hält sie inmitten von Chaos und Bürgerkrieg an dem Aserbaidshaner Kjamal fest, denn "Die Liebe, wenn sie echt ist, bleibt für immer in einem Menschen." Eine Liebe fürs ganze Leben? Das ist denn doch ein irreführender Titel. Aber interessant ist die Erzählung der Tokarjewa - wegen des starken Charakters der Heldin, wegen ihrer, ach, auch so alltäglichen Kümmernisse ("Ihr Leben war einfach und schwierig zugleich, wie übrigens bei allen Menschen.") und wegen der realistischen Schilderung der russischen Gegenwart.

Eine Liebe fürs ganze Leben ist schwungvoll geschrieben und hat schöne Passagen, zum Beispiel, wenn die Tokarjewa über die unfreiwillige Ehe Kjamals sagt, sie sei kein Mozart-Duett wie die Liebe mit Irina, diese Ehe sei allenfalls ein Flohwalzer... Aber es finden sich durchaus auch Klischees: Die Männer sind verantwortungslos, kindlich, sentimental, die in der Frau nichts als die Mutter suchen. (Irina traut voll und ganz nur noch einem einzigen Mann: dem Franklin auf den Dollarnoten.) Und da sind die Frauen, hingebungsvoll und tapfer zugleich, die mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen, einen geradezu selbstgenügsamen und gesunden Menschenverstand haben.

Die Tokarjewa - sie studierte an der Filmhochschule das Drehbuchschreiben - sollte, wenn sie schon auf die anfänglich genannten fünf Namen besteht, in Zukunft außerdem Svetlana Vasilenko im Auge behalten, deren "Närrin" einst auch ein Filmszenarium war.  Die neunzehn Jahre Jüngere Vasilenko  könnte der Tokarjewa durchaus den Rang ablaufen...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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  • Anatoli Pristawkin, Schlief ein goldnes Wölkchen.(Über den Krieg in Tschetschenien)
  • Roman Senčin, Minus.(Über Konflikte in Tuwinien und Kasachstan)
  • Andrej Wolos, Churramobod. (Über den Bürgerkrieg in Tadshikistan)

Am 31.03.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 08.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Den Lügner jage bis vor sein eigenes Haus.
Sprichwort der Aserbaidshaner

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