Belletristik REZENSIONEN

Über Frauen, die sich das Leben schön lügen...

Russin
Die Lügen der Frauen
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Carl Hanser Verlag, München/Wien 2003, 167 S.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Christa aus Luxemburg.)

Die Lügen der Frauen besteht aus sechs Geschichten, die durch Shenja zusammengehalten werden; sie, die Gewährsperson, ist voller Mitgefühl, fungiert als Beichtmutter. Sie ist eine Frau, zu der man schnell Zutrauen fasst.

In "Diana" ist Shenja mit ihrem dreijährigen Sohn zur Erholung aufs Land gefahren. Sie ist noch jung, arbeitet an ihrer Dissertation mit dem Thema "Poetische Gemeinsamkeiten von Dichtern modernistischer Strömungen und Symbolisten". Schon in der ersten Nacht zieht die schöne, rothaarige Engländerin Ireen auf der Terrasse des gemeinsamen Urlaubshauses Shenja ins Vertrauen. Sie erzählt, dass ihr eine Kartenlegerin geweissagt hatte, dass ihre ersten vier Kinder sterben würden, erst das fünfte am Leben bleibe. Shenja (und der Leser) hört bestürzt die traurige Geschichte, wie das erste Kind an Nabelschnurverschlingung stirbt, das zweite, die schöne Diana, an Fieber, und auch die Zwillinge dahingerafft werden... Erst eine Freundin, die nachgereist kommt, klärt Shenja auf, dass Ireen lügt. Lügt sie? Erfindet sie sich eine Lebensgeschichte? Erfinden ist nicht lügen. Oder?

In den anderen Erzählungen der Ulitzkaja erschwindelt sich Nadja den großen Bruder Jurotschka, die dreizehnjährige Dascha eine irrsinnige Affäre mit ihrem Onkel, einem Künstler; in "Eine Naturerscheinung" liest Anna der begeisterungsfähigen Mascha eigene Gedichte vor, die in Wahrheit von Anna Achmatowa stammen. Shenja übrigens ist eine ehemalige Doktorandin von Anna Weniaminowna, der Literaturprofessorin. Sie weiß, in der Lüge von Anna steckt mehr Sehnsucht als Geltungsbedürfnis, mehr Traum als Betrug. Ein Ausschnitt des feinsinnigen Gesprächs zwischen der Literaturprofessorin und ihrer ehemaligen "Schülerin" sei hier zitiert: "`Ein Mann ist etwas Wunderbares, aber wozu so etwas zu Hause halten?´ fragte Anna Weniaminowna mit besagtem Lächeln ihre ehemalige Doktorandin Shena, eine ebenfalls nicht mehr junge Frau, in Bezug auf die Wirrungen ihres komplizierten Liebeslebens, und diese erwiderte prompt: `Anna Weniaminowna, ich hole mir ja auch Bügeleisen, Kaffeemaschine und Mixer nicht jedesmal von der Nachbarin, sondern hab mir eigene angeschafft. Warum soll ich mir einen Mann borgen?´- `Shenetschka! Wie können Sie einen Mann mit einem Bügeleisen vergleichen? Ein Bügeleisen wird dann warm, wenn Sie wollen, ein Mann dagegen nur, wenn er es will!´ parierte Anna Weniaminowna."

Wie immer spielen bei der Ulitzkaja Männer nur Statistenrollen. Sie kommen durchaus vor, aber es geht nicht um sie (wie bei "Sonetschka" und "Reise in den siebenten Himmel").

Eines schönen Tages kehrt Shenja der Wissenschaft den Rücken, pfeift auf ihre Monographie und die noch unverteidigte Doktorarbeit und wechselt zum Fernsehen. Dadurch erhält sie das Angebot, für einen Schweizer Regisseur über russische Prostituierte in der Schweiz zu recherchieren. Shenja reist also in die Schweiz und trifft sich mit vielen russischen Mädchen, die auf den Strich gehen. Alle erzählen ihr die gleiche Lebensgeschichte: Der Vater, meist ein Kapitän, sei früh verstorben, der Stiefvater habe sie vergewaltigt, der Verlobte habe sie an einen Zuhälter verraten. Und alle wird ein reicher Bankier bald heiraten. Ein Film wird zur eigenen tragischen Lebensgeschichte!

Im letzten Drittel des Buches wird Shenja, bisher immer Zuhörerin und Beobachterin, inzwischen in die Jahre gekommen, vom Schicksal umgeworfen: Nach einem schweren Autounfall ist sie gelähmt. Sie, die für alle Lebenslügen Verständnis hatte, sieht sich nun nur noch als ein "lästiges Stück Fleisch", das sie am liebsten über die Balkonbrüstung werfen würde.

"Die Kunst zu leben" ist die letzte und gewichtigste der sechs Erzählungen, mit denen Ljudmila Ulitzkaja ihre Heldin Shena von den achtziger Jahren bis heute begleitet. Und es ist die einzige Geschichte, in der nicht gelogen wird. Nachdenkenswert, wer in diesem Buch das letzte Wort hat. Es ist Shenjas Bekannte Galja, die sich nach dem Ende der Sowjetunion plötzlich Chawwa nennt, um im jüdischen Glauben ihr Heil zu suchen. Da sie dies schon davor mit verschiedenen Sekten und Religionen versucht hatte, nahm Shenja sie nie für voll. Während Chawwa Shenja die Füße wäscht, zitiert sie feierlich aus der Thora: "Jeder Tag ist neu." Und tatsächlich eines neuen Tages kehrt Shena ins Leben zurück, erlernt auch unter den neuen Umständen die Kunst zu leben.

Zur Frankfurter Buchmesse 2003 wurde die Ulitzkaja gefragt, ob Jungen und Männer anders lügen? "Ja", hatte sie geantwortet. "Jungen und Männer lügen immer zu einem bestimmten Zweck: um einer Strafe zu entgehen, um eine Untat zu verheimlichen. Männer vermögen nicht, sich das Leben schön zu lügen."

In der russischen Gegenwartsliteratur fällt die starke Rolle der Erzählerinnen auf. Neben der Ulitzkaja gehören Tatjana Tolstaja, Viktorija Tokarjewa und Ljudmila Petruschewskaja zu den wichtigsten Namen. Dazu kommen Krimi-Autorinnen wie Polina Daschkowa, Alexandra Marinina oder Darja Donzowa.

Die Ulitzkaja - 2001 erhielt sie den russischen Booker Preis - begann spät zu schreiben: Mit Vierzig veröffentlichte sie ihren ersten Erzählungsband und wird sogleich als "Erzählwunder" gefeiert.  Und sie ist fast Fünfzig als sie in Deutschland entdeckt wird. Inzwischen sind Bücher von ihr in siebzehn Sprachen übersetzt, auch in französisch, italienisch und chinesisch...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 31.03.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 09.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Wenn eine Frau will, kann sie sogar aus einem Esel einen Mann machen.
Sprichwort der Russen

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