Hörbuch REZENSIONEN

Ein Ritter von der traurigen Professorengestalt

Gebürtig aus Russland
Pnin
Lesung
Aus dem Russischen von Dieter E. Zimmer
Sprecher: Ulrich Matthes
Ton und Schnitt: Heinz-Dieter Probst, Regie: Ralph Schäfer, Produktion: Sender Freies Berlin 2001
Der Audio Verlag, Berlin 2002, 6 CDs, Laufzeit: etwa 423 Minuten. Mit Booklet.

(Rezensiert entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz Schön.)

Vladimir Nabokov schrieb Pnin etwa zeitgleich mit "Lolita", dem Skandalroman über die pädophile Liebe des Humbert Humbert zu seiner dreizehnjährigen Stieftochter. Gar nicht so einfach sich vorzustellen, wie Nabokov diese beiden in Inhalt und Schreibart so ganz unterschiedlichen Romane parallel zueinander verfassen konnte. Nach "Die Venezianerin" und "Lolita" ist Pnin Nabokovs dreizehnter Roman, für mich eine literarisch-stilistische Offenbarung. Dass Nabokov so humorvoll-heiter sein kann, hätte ich mir nach der Lektüre jener beiden anderen Bücher nicht vorstellen können.

Mit Timofey Pavlovich Pnin hat Nabokov einen liebenswert-schrulligen älteren Herrn "erschaffen" - mit kahlem Kopf, Brille, auffälligem Gebiss, russischer Kartoffelnase und spindeldürren Beinen. Er ist - wie Nabokov - Exilrusse, der - wie Nabokov - an einem amerikanischen College, dem Waindell-College im Staat New York, eine "praktisch tote Sprache" lehrt, nämlich seine russische Muttersprache. Professor Pnin gilt als Campus-Original. Nur wenige - zum Beispiel sein Mentor Dr. Herman Hagen, der Leiter der Germanistik-Abteilung - haben Sinn und Verständnis für seine absonderliche Art, für seinen altertümlichen Charme, wissen seine Gelehrsamkeit und seine menschliche Anhänglichkeit zu schätzen. Als wir Leser diesen Ritter von der traurigen Professorengestalt kennen lernen, ist er - 1898 geboren - zweiundfünfzig Jahre alt und sitzt im falschen Zug, was nur eines der vielen Missgeschicke ist, denen Pnin ständig ausgesetzt ist. Trotzdem - und der Leser ist mit ihm erleichtert - kommt Pnin noch rechtzeitig zu seinem Vortrag in einem Frauenklub und zum Diner: zu Obstsalat als Magenöffner, Pfefferminzgelee zum anonymen Fleischgericht, Schokoladenpudding zum Vanilleeis.

Urkomisch auch die Umstände und der tapsige Pnin selbst. Als barscher Untermieter erst geschmäht, dann als tiefsinniger Gesprächspartner geschätzt; oder Pnin im Kampf mit der englischen Sprache, die er - zum Gaudi seiner Studenten nur sehr gebrochen-eigenwillig mit ganz und gar unverkennbarem russischem Akzent spricht; oder Pnin, fasziniert von der amerikanischen Technik, von der er absolut nichts versteht; oder Pnin während des Besuchs seiner früheren Frau, einer Psychotherapeutin und miserablen Dichterin, die ihn immer nur ausgenutzt hat, und dies auch als Liza Wind weiterhin zu tun gedenkt; oder Pnin mit Lizas malbegabtem Sohn Viktor; oder Pnin unter Exilrussen im Sommerurlaub "Auf den Tannen"; oder Pnin bei dem Versuch, ein guter "amerikanischer" Gastgeber zu sein...

Am Schluss des tragikomischen Romans, dessen sieben Kapitel auch sieben in sich abgeschlossene Kurzgeschichten sind, schreiben wir das Jahr 1956. Professor Pnin verliert nach neun Jahren als Assistenzprofessor seine Anstellung. Wie von Nabokov schon gewöhnt, hören wir auch einen kleinen informativen Vortrag über Schmetterlinge - schließlich ist der Autor gleichzeitig ein anerkannter Schmetterlings-Fachmann - und natürlich findet Nabokov Gelegenheit, "Psycho-Eseleien" ausgiebig zu verspotten, als er Liza und ihren zeitweiligen Gatten porträtiert. Bei der Porträtierung Viktors trifft ähnlich bissiger Spott die abstrakte Kunst.

So heiter Buch und Hörbuch anfangs erscheinen - Marcel Reich-Ranicki nannte Pnin ein "Wunderwerk des Humors" - so heiter ist das ganze gar nicht; denn schließlich ist Pnins Leben eine einzige Serie von Verlusten: der Heimat, der Jugendgeliebten, der Frau, der Stellungen, der Behausungen. "Auf den Tannen" erinnert ihn eine gesprächige Mit-Urlauberin an seine Jugendliebe Mira Bjelotschkin, die im Konzentrationslager Buchenwald von den Nazis umgebracht worden ist.  Pnin hatte sich vorgenommen, nie an Mira zu denken, nicht weil er sie noch immer liebte, bereits der Bürgerkrieg 1918/22 hatte sie auseinander gebracht, sondern weil ihr Tod für ihn undenkbar war. Von und über Pnin berichtet ein Ich-Erzähler, der Pnin 1911 als dreizehnjährigen Jungen das erste Mal begegnet sein will und einige Ähnlichkeit mit Nabokov hat.

Pnin - von Dieter E. Zimmer neu ins Deutsche übertragen - zeichnet eine stilistisch-brillante Sprache aus, ohne je gestelzt oder bemüht zu wirken. Wunderbar heraus gearbeitet wird das Feuerwerk von Wortschöpfungen, "sprachverliebten Beschreibungen" des "größten Wortmagiers seines Zeitalters" (Time Magazine) durch Ulrich Matthes - zum Beispiel bekannt aus "Aimé und Jaguar" - der den Roman liest und --- spielt. Wie er Pnins russisch akzentuiertes, abenteuerliches Englisch liest, ist ein Hörgenuss und gelingt zum Sprachporträt. Er hat sich wirklich kundig gemacht. Zum Beispiel spricht er das unverkennbare russische R, wie es zu sprechen ist... Dieses Verantwortungsgefühl gegenüber Sprache kommt sicherlich auch daher, dass Ulrich Matthes (geboren 1959), bevor er Schauspielunterricht nahm, Germanistik und Anglistik studierte. Das hier ist eine Lesung, kein Hörspiel; Matthes setzt nur Akzente. Deshalb lacht, stöhnt, gähnt... er auch nur da, wo es angebracht ist, "schauspielert" er neben Pnin nur noch zwei handelnde Personen, die kurze Auftritte haben. Dennoch: Pnin ist eine von einem Schauspieler gestaltete Lesung, an keiner Stelle überzogen oder gar peinlich, was auch ein Verdienst von Ralph Schäfer ist, der Regie zu diesem siebenstündigen Hörbuch führte. Was die Zeitschrift "Wostok" damit meint, wenn sie schreibt, dass die Intonation und Interpretation eine einzige Tortur für den Hörer ist, dem nur bleibt, das Gerät abzuschalten, entzieht sich meiner neugierigen Kenntnis...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 30.06.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

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