Belletristik  REZENSIONEN

Sirin ist Nabokov

Gebürtig aus Russland
Die Venezianerin
Aus dem Russischen übertragen von Gisela Barker
MANESSE Bibliothek der Weltliteratur
Manesse Verlag, Zürich 2001, 88 S.

Wladimir Nabokov   ist gerade einundzwanzig Jahre Jahre alt, als Anfang 1921 in der russischen Tageszeitung "Rul" (Das Ruder) in Berlin seine erste Kurzgeschichte erscheint - Die Venezianerin; er veröffentliche sie unter dem Pseudonym W. Sirin. Die Familie Nabokov ist 1919 vor der russischen Revolution nach Berlin geflüchtet. Vladimir Nabokov schrieb im Berliner Exil innerhalb der folgenden fünfzehn Jahre sieben Romane; Deutsch lernte er während dieser Zeit nicht. Wozu auch? Vom Zahnarzt bis zum Tabalhändler konnte man unter Landsleuten verkehren. 1923 wurden in Berlin mehr russischsprachige Bücher verlegt als in Moskau.

Schon in der ersten Veröffentlichung Die Venezianerin spielt Nabokovs Tennisleidenschaft eine Rolle, die uns in fast allen seinen späteren Werken wieder begegnen wird und: Schon in dieser ersten kleinen Geschichte "blinkten die sanftmütigen, aber etwas irren Augen von Simpson wie ermattete, himmelblaue Schmetterlinge". Die farbenprächtigen  Schmetterlinge hatten schon den siebenjährigen Vladimir fasziniert. Die Leidenschaft für die hoch entwickelten Insekten mit vollständiger Metamorphose und ihren etwa hundertzwanzigtausend Arten hielt bis an Nabokovs Lebensende an.

Die Venezianerin - erschienen in der Reihe MANESSE . indigo ("Alle Titel sind unterhaltsam zu lesen und schön zu verschenken.") - hat eine einfache Geschichte: Frank hält sich mit seinem Freund Simpson - beide sind Studenten - auf dem Schloss seines Vaters, eines Obersten, auf. Dort sind zur gleichen Zeit auch der Gemälderestaurator Major und seine schöne Gattin Maureen zu Gast. Der Oberst ist ein enthusiastischer Gemäldesammler. Gegenwärtig gilt die Begeisterung aller Anwesenden (Frank ausgenommen: "Malerei ist mir  ein Greuel.") dem Porträt einer jungen Venezianerin aus dem 16. Jahrhundert. Erstaunlich ist die verblüffende Ähnlichkeit zwischen ihr und Maureen. Im Laufe der Geschichte kommt der Oberst dahinter, dass zwischen seinem Sohn Frank und der Frau seines Freundes Major "etwas läuft", er stellt den Sohn zur Rede. Anderntags sind beide verschwunden. Frank hinterlässt einen Brief, in dem er gesteht, dass er ohne Maureen nicht leben kann. Dieses einfache, schon ungezählte Male geschehene und beschriebene Ereignis ist aber ganz und gar nicht einfach erzählt. Und was sich am Ende herausstellt, ist ganz und gar unerwartet und veranlasst den Vater zu dem Satz "Ich bin stolz auf meinen Sohn."

Sirin - ein neuer Autor? Die russisch-literarische Emigrantenwelt horchte auf...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 08.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Der letzte Erfolg ist besser, als der erste.
Sprichwort der Russen

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