Belletristik REZENSIONEN

Maschas größter Wunsch: Ein einziger Tag ohne Todesangst...

Litauische Jüdin (Litvakin/Litwakin)
Ich muß erzählen
Mein Tagebuch 1941-1945
Aus dem Jiddischen von  Dorothea Greve
Mit einem Vorwort von Marianna Butenschön

Kindler Verlag, Berlin 2002, 287 S.
 
"Sollte ich hier lebend herauskommen, werde ich mich des Lebens freuen", schwor sich die fünfzehnjährige Mascha Rolnikaite, als am 23. September 1943 das Wilnaer Ghetto liquidiert wird... Am 24. Juni 1941 hatten die Deutschen die litauische Hauptstadt Wilna besetzt, da war Mascha dreizehn Jahre alt. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder und der jüngeren Schwester kam sie, wie alle Wilnaer Juden, ins Ghetto; der Vater kämpfte an der Front. Als man das Wilnaer Ghetto auflöste - Mascha war von ihrer Mutter und ihren Geschwistern inzwischen getrennt - wurde sie ins KZ Strasdenhof bei Riga deportiert, im Herbst 1944 schaffte man sie mit den anderen noch lebenden Lagerinsassen in das KZ Stutthof bei Danzig. Mascha Rolnikaite, damals noch ein Kind, hat alle Ereignisse, lebensbedrohlich die meisten, festgehalten: auf Papierschnipseln und auf Stücken zerrissener Zementsäcke.

"Soviel wir über die Shoa in Polen, Weißrussland, der Ukraine und all den anderen Ländern wissen, in denen Hitlers willige Helfer ihrem blutigen Handwerk nachgingen, so wenig wissen wir über den Untergang der Juden im Baltikum, schreibt Marianna Butenschön in ihrem Vorwort.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2003 war Litauen Länderschwerpunkt - auch mit zahlreichen interessanten Vorträgen. Einer davon beschäftigte sich mit den Litwaken. Litwaken? In Litauen lebten vor dem zweiten Weltkrieg etwa 25 000 Juden, die sich selbst "litwakes" (Litwaken/Litvaken) nannten. Die Geschichte der Juden in Litauen reicht bis ins frühe Mittelalter zurück. Die litauischen Großfürsten hatten die Juden eingeladen, weil sie tüchtige Händler, Handwerker und Finanzfachleute brauchten. Litauens historische Hauptstadt trug wegen ihrer großen jüdischen Gelehrsamkeit den stolzen Titel "litauisches Jerusalem". Deshalb ist "Wilne", wie die Stadt auf Jiddisch hieß, für Juden in aller Welt ein Begriff. "`Wilne´, schreibt Marianna Butenschön, "steht für die einzigartige religiöse und weltliche Kultur, die hier einmal blühte." Der Litwak gilt seit dem 18. Jahrhundert als Verkörperung des wissbegierigen Rationalisten.1831 wurde hier die erste weltliche Mädchenschule eröffnet, 1841 die erste weltliche Schule für Jungen. Die Stadt Wilna rühmte sich ihrer jüdischen Verlage, Bibliotheken und Zeitschriften. Elia Ben Jehuda (1858-1923), der Vater des modernen gesprochenen Hebräisch, stammte aus einem Vorort von Wilna, und auch Dr. Ludwig Zamenhof, der Schöpfer des Esperanto, war ein Litwak. "Das `litauische Jerusalem´ schenkte der Welt nicht nur bedeutende Schriftsteller hebräischer und jiddischer Sprache (...), sondern große Künstler. Jascha Heifetz, der größte Geiger des 20. Jahrhunderts, wurde 1899 in Wilna geboren. Die Bildhauer Mark Antokolskij und Jacques Lipschitz, der expressionistische Maler Chaim Soutine, der französische Philosoph Emmanuel Levinas und der Goncourt-Preisträger Romain Gary stammten aus Litauen, und auch Mark Chagall, geboren 1887 in Witebsk, also im historischen Großfürstentum Litauen, war ein Litwak...."

Von den 250 000 litauischen Juden sind 94 Prozent umgebracht worden, mehr als in jedem anderen von den Deutschen besetzten Land. Überlebt haben nur die rund 15 000 Litwaken, die sich in die Sowjetunion retten konnten, und ein Teil derjenigen, die am 14. Juni 1941 von den Russen aus Sowjetlitauen nach Sibirien deportiert worden waren. Mascha Rolnikaite verlor 49 Angehörige, darunter ihre Mutter und ihre beiden jüngeren Geschwister. Ihr Tagebuch erschien bereits 1967 in der DDR, in einer Übersetzung aus den dem Russischen. Zensiert. Denn das sowjet-litauische Institut für Parteigeschichte hatte Einwände: "Das Buch sei nicht von der richtigen Klassenposition aus geschrieben, die Ghettopolizei und der Judenrat würden viel zu positiv beurteilt, der Lehrer Jonaitis sei wohl eine symbolische Figur, und über die sowjetischen Partisanen berichte die Autorin `ungenau´. Im Buche fehle es `an echten Kämpfern, Kommunisten und Organisatoren des antifaschistischen Kampfes im Ghetto´. Die Deutschen seien nicht `Deutsche´, sondern `Hitlerleute´, `deutsche Faschisten´ oder `Faschisten´ zu nennen, die Russen nicht `Russen´, sondern `Rotarmisten´ oder `sowjetische Soldaten´", so Marianna Butenschön in ihrem Vorwort. Der physischen Vernichtung durch die Nazis war der geistige Genozid durch die Sowjetmacht gefolgt: das Verbot alles Jüdischen, das Verschweigen des Holocaust, der Verlust der Sprache und des Glaubens, der Sitten und Gebräuche, des historischen Gedächtnisses. Die Kinder und Kindeskinder der Litwaken haben das Jiddische nicht mehr erlernt, ihre Muttersprache wurde das Litauische. Die Schriftsteller Violeta Polčinskaiė (geboren 1943), Alfonsas Bukontas (geboren 1940) und Icchokas Meras (geboren 1934), die als jüdische Kinder von Litauern gerettet wurden, schreiben litauisch.

Erst Ende der achtziger Jahre wurde eine  bescheidene jüdische Renaissace möglich... 1993 denn konnte ich bei meiner Reise durch das Baltikum in Wilna schon mit einem Vertreter der Jüdischen Gemeinde sprechen und mit einem Dozenten des Judaistik-Zentrums der Universität Wilna. Nach der letzten gesamtsowjetischen Volkszählung von 1989 lebten noch 12 300 Juden in Litauen, die meisten davon Zugereiste aus Russland und der Ukraine. Inzwischen ist ihre Zahl auf 4 000 gesunken, aber davon sind nur noch ein paar hundert "litwakes".

Eine davon ist Mascha Rolnikaite (litauisch: Maša Rolnikaitė, jiddisch: Mascha Rolnik, russisch: Marija Grigorjewna Rolnikaite) wurde am 21. Juli 1941 als Tochter des Rechtsanwalts Hirsch Rolnik (litauisch: Hiršas Rolnikas) in Klaipda/Memel geboren. Aufgewachsen ist sie in der Kleinstadt Plungė in Nordwest-Litauen. Der Vater, der in Leipzig mit einer Arbeit über das Verfassungsrecht der baltischen Staaten zum Dr. jur. promovierte, hatte für seine vier Kinder (Maschas ältere Schwester Mira wurde bis Kriegsende von einem Pfarrer in Wilna versteckt.) ein deutsches Kindermädchen engagiert. Er selbst sprach fließend Deutsch und liebte deutsche Sprichwörter, die Mascha Rolnikaite noch heute auswendig weiß. Nachdem Wilna, das seit 1920 polnisch besetzt war, Ende 1939 wieder litauisch geworden war, zog die Familie 1940 dorthin.

Maschas Tagebucherzählung beginnt am 22. Juni 1941, am Tag des Krieges. In den Kriegswirren verliert Dr. Rolnikas die Familie aus den Augen, seine Frau und seine Kinder kommen ins Große Ghetto, dem Lager der Arbeitsfähigen. In "Zum Geleit" versichert Mascha Rolnikaite (im Mai 2002), dass die beschriebene blutige Wahrheit ausschließlich auf dem beruht, was sie selbst gesehen, gehört und erlebt hat. Sie war eine gute Beobachterin - das über Nacht erwachsen gewordene Kind. Die Beschreibung des 6. September 1941 - binnen fünf Minuten müssen die Wilnaer Juden ihre Wohnungen verlassen - gehört zu ihren mir unvergesslichen Schilderungen des Tagebuchs. Die zwei Jahre im Ghetto - "Lieber Gott, gibt es denn keine Rettung?" - sind eine Monotonie des Grauens (und der Gewöhnung). Doch der schlimmste Tag in Maschas Leben (bis heute) ist der 23. September 1943 als das Wilnaer Ghetto liquidiert und sie von der Mutter und den kleinen Geschwistern getrennt wird. "Tut es weh, wenn man erschossen wird", fragt die kleine Schwester Rajek...

Das Tagebuch Ich muss erzählen ist inzwischen in 18 Sprachen und 24 Ausgaben erschienen. Die vorliegende Ausgabe ist die in sorgfältiger Kleinarbeit wiederhergestellte Fassung des Urtextes. Mascha Rolnikaite hat in Moskau das Maxim-Gorki-Literaturinstitut absolviert und nach St. Petersburg geheiratet. Dort ist sie Mitglied des Schriftstellerverbandes und schreibt auf Russisch. Bis heute hatte Mascha Rolnikaite "den starken Wunsch, dass die Menschen nach dem Krieg erfahren sollten, wie Hitlers Helfer unser Volk vernichtet haben. Es soll nicht pathetisch klingen, wenn ich sage, dass dieser Wunsch mich mein Leben lang begleitet hat und mit der Zeit sogar noch stärker geworden ist. Deshalb handeln auch meine späteren Bücher, obwohl sie nicht dokumentarisch und autobiographisch sind, von dieser Zeit". Ich lese fünfundzwanzig Jahre später noch einmal ihren Roman "Gewöhn dich ans Licht" (Verlag Volk und Welt, Berlin 1977). War ich damals ganz auf Noras Schicksal fixiert - ein dreizehnjähriges jüdisches Mädchen, das auf "gute Menschen" angewiesen ist, die sie verstecken - so haben mich diesmal viele Einzelheiten bewegt, zum Beispiel die Tatsache, dass sich viele Menschen, wenn auch aus berechtigter Angst, damit trösteten, dass sich schon "jemand anders" finden würde, der hilft:  "Sie konnte nur solange die Wärme spüren, wie sie auf der Schwelle stand. Und der Mann, der ihr den Riegel vor der Nase zuschob - sie blieb noch eine ganze Weile stehen in der Hoffnung, daß er sich eines Besseren besinnen würde - , brummte mißmutig: `Sind wir denn die einzigen? Soll doch jemand anders sie einlassen, der nicht so nahe an der Landstraße wohnt. (...) Sie hatte dieses `Soll-doch-jemand-anders´ nicht bloß in jener Nacht erlebt oder gehört. Die Leute rechtfertigten sich nicht mit ihrer Angst, sie hatten sogar Mitleid. Aber: `Soll doch jemand anders´..."

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de


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  • Iccokas Meras, Remis für Sekunden. (Litauen)
  • Anika Walke, Jüdische Partisaninnen. Der verschwiegene Widerstand in der Sowjetunion. (Belorussland und Ukraine)
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Am 10.02.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 03.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Juli 1941: Litauische Juden
werden von der litauischen Heimwehr, die mit
der deutschen Wehrmacht kollaboriert,
aneinandergefesselt und abgeführt.

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