Belletristik REZENSIONEN

Hinkende, stinkende Horrortaube als Friedenstaube

Litauer
Friedenstaube
Sieben Wilnaer Geschichten
Aus dem Litauischen von Klaus Berthel
ATHENA-Verlag, Oberhausen 2001, 117 S.

In seiner Vorbemerkung schreibt Ričardas (sprich: Ritschardas) Gavelis, dass er, nachdem er ein Jahr lang keine Kurzprosa mehr geschrieben habe, das magische Bedürfnis verspüre, sich diesem Genre erneut zu zuwenden. In den vorliegenden sieben Geschichten findet sich krass Realistisches und komplett Surrealistisches. Realistisch leider der Tod von Silberauge durch hemmungslose Mafiosi, die ihm und seiner Geliebten von Wilna (Vilnius) bis nach Paris nacheilen, eher surrealistisch die Geschichte von dem Besitzer einer Tankerflotte, der buchstäblich allmächtig wird, als er entdeckt, dass er sich mittels seines Computers in die Hirne aller Mitmenschen einschleichen und ihren Willen fernsteuern kann.

In der mich am nachhaltigsten beeindruckenden Geschichte "Aufzeichnungen aus Selbstachtung" führt ein Bullterrier ein Tagebuch über die Taten und Missetaten seines von ihm verehrten Herrchens Vytautas, der geradezu aufopferungsvoll als Killer, Quäler und Erpresser tätig ist. "Das Zerbeißen eines Oberschenkels oder einer weiblichen Brust", lässt uns der schreibende Hund wissen, "ist nicht Leidenschaft um ihrer selbst willen"; doch auch der treu ergebene Hund kann Vytautas nicht retten, als es ihm (endlich) an den Kragen geht. Die sieben Wilnaer (warum Wilna und nicht Vilnius?) Geschichten zeigen diese Realität mit surrealen Zügen. In seiner Vorbemerkung schreibt der Autor, dass seine Friedensstaube traurig-sarkastisch gemeint ist, "denn es gibt keine Eintracht unter Wilnas Fliederbäumen". Und alles geschieht "unter den gespenstischen Blicken von siechenden, hinkenden Stadttauben, Sendboten eines Friedens, der keiner ist". Die Horrorgeschichten von Gavelis, dem geschickten Erzähler, geben einen tiefen Einblick in das Litauen von heute, einem Land, das um 180 Grad auf die westlichen Errungenschaften umgeschwenkt ist, ohne dass die Menschen auf die Schattenseiten des Kapitalismus vorbereitet waren.

Gavelis thematisiert die Probleme des postkommunistischen Litauens in allegorischer und kafkaesk-surrealer Form: Es geht um die Umtriebe der Mafia, um die langen Schatten der stalinistischen Vergangenheit, um geistig-moralische Desorientierung, um neue Armut und neue Reiche, um die Verlockungen und die Abgründe der Macht. Seine Themen findet Gavelis vor Ort in Vilnius*, denn: "Vilnius kann man nicht entfliehen!" So lautet schon 1989 ein Kernsatz in seinem Roman "Vilnius-Poker". Die litauische Literaturwissenschaftlerin Loreta Mačanskaitė schreibt über diesen zu einem Bestseller gewordenen Roman: "In Vilnius-Poker demontierte Gavelis mit dem Mut des Verzweifelten und mit zynischer Ironie die Mechanismen totalitärer Gewalt. Mit drastischen politischen Mitteln schilderte er den geistigen Zersetzungsprozess und riss dem "Homo sovieticus" die Maske herunter, hinter der sich Angst, Sadismus, sexuelle Perversion und Wahnsinn verbergen. Der Konflikt basiert auf dem Kampf mit `ihnen´, dem metaphysischen Bösen mit seinen tausend Gesichtern. Ein vom Sowjetregime unterdrücktes Individuum, das seine Fähigkeit zum Denken allerdings nicht eingebüßt hat, fungiert als analytisches Gewissen, gekennzeichnet von den pathologischen Symptomen des Opfers. (...) Die vier Spieler erzählen jeder auf seine Art die gleiche tragische Geschichte; so gleicht der Roman einer Art literarischen Pokerspiel." In der Sowjetzeit war Ričardas Gavelis kaum geduldet. "Eine Zeitlang herrschte völliges Desinteresse an meinem Werk", sagte Gavelis in einem Interview. "Nach dem Vilnius-Poker habe ich Ruhm geschmeckt (...). Danach lehnte ich alle Interviews und jede Werbung ab. Ich habe alles probiert, deshalb wünsche ich mir nun keines der beiden Extreme: weder Ruhe noch zuviel Aufmerksamkeit." Bedauerlich, dass "Vilnius-Poker" noch nicht ins Deutsche übersetzt ist...

Gavelis´ Friedenstaube ist Band 1 der "Literatur aus Litauen" des kleinen ATHENA-Verlages in Oberhausen. 2001 startete der Verlag diese Reihe, in welcher er wichtige litauische Autoren in deutscher Übersetzung präsentiert. Die Reihe wird mit zwei litauischen Büchern pro Jahr weitergeführt werden. Verdienstvoll. Fürwahr. In der Anthologie litauischer Gegenwartsautoren ist ein Textauszug aus dem Roman "Vilnius-Poker" abgedruckt. Die Bücher von Ričardas Gavelis wurden ins Englische, Lettische, Polnische, Finnische und Deutsche übersetzt.

Gavelis, der studierte Physiker, galt als der profilierteste Autor unter den litauischen Schriftstellern. Wie hatte ich mich auf eine Begegnung zum Literaturfestival in Berlin gefreut. Aber Ričardas Gavelis starb plötzlich und unerwartet am 18. Januar 2002. Sein Werk besteht aus vier Erzählbänden, sechs Romanen, Theaterstücken und Kinoszenarien.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Nach der endgültigen Entscheidung der EU-Kulturminister in Brüssel bereitet sich Vilnius auf das Jahr als "Kulturhauptstadt Europas" 2009 vor. Litauen begeht dann zugleich das tausendjährige Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung. Die Hauptstadt will ihren Auftritt unter das Motto "Kreativität und Lebendigkeit" stellen und die vielfältigen Beziehungen zu Europa darstellen, angefangen von Architektur und Bildung über Musik und Theater bis hin zu neueren Disziplinen wie Film und Fotografie.

 

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Am 10.02.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 01.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

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