Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN

Ein Land im persönlichen Vergleich...

Über Russland, Burjatien,  die Republik Sacha (Jakutien)
An der Lena flußabwärts
Das Neue Berlin, Berlin 2002, 240 S.

Dietmar Schumann, Auslandskorrespondent beim DDR-Fernsehen, war von 1977 bis 1983 Korrespondent in Moskau und bereiste die Sowjetunion von Brest bis Kamtschatka, vom Nordpol bis an die afghanische Grenze. Nach der Wende wechselte Schumann zum ZDF-Magazin, "Kennzeichen D" und berichtete 1998 im Auftrag des ZDF unter anderem vom Tschetschenienkrieg, über die Goldgräber an der Kolyma, die Kosaken am Terek und über den Untergang des Atom-U-Bootes "Kursk". Im Frühsommer 2002 entstand die Fernseh-Reportage "Blut und Diamanten". Schumann bereiste darin den ostsibirischen Strom Lena von der Quelle bis zur Mündung; den Film sah fast jeder fünfte deutsche Fernsehzuschauer. Auch ich. Als ich jetzt das Buch lese, erinnere ich mich augenblicklich an Afanassi Maximow, den jakutischen Bärenjäger, an Jewgenija Mikojewa, die "Millionärin" in der Diamanten-Prüfstelle von Jakutiens Mirny und an die Litauerin Grazína Venlavaite, die im jakutischen Tit-Ary, dem Ort, an dem sie mit ihrer Mutter verbannt war, einen Kranz für sie niederlegt. Ganz plastisch habe ich diese Menschen vor Augen, ja, ich erinnere mich fast wörtlich an ganze Sätze aus ihrem Munde..., wahrhaftig, das war eine gute Fernsehreportage.

Dass Schumann aus eigenem Erleben über die Sowjetunion und über das Land nach dem Zerfall der Sowjetunion berichten kann, macht das Buch besonders interessant. Er versäumt auch bei keiner persönlichen Begegnung die Frage, wann es demjenigen besser ging - heute oder zu Sowjetzeiten. Die meisten antworten, dass es ihnen unter der Sowjetherrschaft materiell besser ging, dass sie ihr Auskommen hatten, heute reiche es vorne und hinten nicht, viele haben seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Wehmütig erinnern sich die Vertreter der kleinen Völker - der Jakuten, Ewenen, Ewenken - daran, wie sie der sowjetische Staat über den Nördlichen Seeweg mit Lebensmitteln und allen Gütern des täglichen Bedarfs versorgt hatte; heute wüssten ihre Kinder nicht einmal, was Obst sei.... Die Zeit allerdings, die mit Repressalien und Verbannung, GUlag und Erschießung zu tun hatte, die Zeit will natürlich niemand zurück haben.

Unangenehm fällt mir auf, dass Schumann die Unsitte von äußerst merkwürdigen Schreibweisen mitmacht; wer oder was ist Sheremetyevo? Es ist der Flughafen Scheremetjewo bei Moskau. Wozu bei russischen Begriffen die englische Transkription benutzen? Es gibt eine deutsche (und die ist schon schlimm genug...).

Neu für mich, dass die Einheimischen den Fluss, den sie bei ihrer Besiedlung vorfanden, "Jeljnena" genannt hatten, die jakutische Bezeichnung für "Großer Fluss"; erst die Russen machten "Lena" daraus. Wussten Sie, dass Jaroslav Hašek, der tschechische Schriftsteller und "Vater" des braven Soldaten Schwejk, in Irkutsk Bürgermeister war? Und zum ersten Mal erfahre ich davon, dass es in der Nähe der jakutischen Stadt Viljuisk eine Katastrophe gegeben haben soll, die größer gewesen sei, als die von Tschernobyl.

Just am 17. Juli 2002 lese ich diesen Toast von Oxana, die auf der Wetterstation der Insel Dunaj in Jakutien als Köchin arbeitet: "Liebe Freunde! Am 17. Juli 2002 werde ich 50 Jahre alt. Dies wird mein letzter Arbeitstag sein. Ich werde die Insel verlassen und mich zur Ruhe setzen. Ich wünsche mir, daß ihr euch an diesem Tag alle wieder einfindet auf der Insel Dunaj und mit mir gemeinsam meinen Geburtstag und meinen Abschied feiert." Daraus ist ganz sicher nichts geworden... Liebe Oxana, dafür gratuliere ich Ihnen am 17. Juli 2002 aus dem fernen Berlin.

Dietmar Schumanns Buch ist außerordentlich faktenreich, könnte aber stilistisch ausgefeilter sein. Am Schluss des Buches ist zu lesen, dass es zwischen zwei Einsätzen in Afghanistan entstanden ist. Soll das eine Entschuldigung sein? Leider sind die Schwarz-Weiß-Fotos (Ich habe nichts gegen gute Schwarz-Weiß-Fotos) von Gabriele Schumann allzu bescheiden. 

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

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