Belletristik REZENSIONEN

Das A und O ist die Sprache und --- das Herz...

Russlanddeutsche 
Häuser überall verstreut
Sprachlose Gedichte
Übertragung aus dem Russischen von Elisabeth Ekkart und Rolf Ihmels
Ekkart-Verlag, Osnabrück 2001, 143 S.

Häuser überall verstreut / und in jedem / - lebt, liebt, leidet, schafft, / - wird geboren und stirbt der Mensch.

Alltag... 

Das Alltägliche, "Das menschliche Leben", wie der Verlag schreibt - die Liebe zu den Töchtern, zu den Enkeln und zum Ehemann, mit dem die Dichterin über dreißig Jahre verbinden, die Sehnsucht nach der Heimat und den Daheimgebliebenen, die Zuneigung zu den Verwandten, zum Bruder, zur Schwester, zur Tante - das macht die Gedichte der Russlanddeutschen Valentina Babak aus. Ein bisschen möchte man sie wegen ihrer anrührenden Schlichtheit mit den Gedichten Eva Strittmatters vergleichen... Valentina Babak, in Kisel (Gebiet Ural) 1949 geboren, ist von Beruf Erzieherin.  Ihre Gedichte, behauptet Elisabeth Ekkart, seien ein untrennbarer Bestandteil ihres Lebens, sie schreibe seit 1978.

Die 1966 in Karaganda (Kasachstan) geborene Verlegerin, Herausgeberin und Übersetzerin Elisabeth Ekkart ist ebenfalls Russlanddeutsche, die 1989 mit Ehemann und Tochter in die Heimat ihrer deutschen Vorfahren zurückkehrte. Von 1990 bis 1996 hat sie in Osnabrück Sprach- und Literaturwissenschaft studiert und sich zusammen mit ihrem neuen Ehemann Rolf Ihmels mit einem Übersetzerbüro (Russisch / Deutsch) und dem Ekkart-Verlag selbständig gemacht. Als seinen Untertitel wählte der Verlag "Bücher, die berühren" und veröffentlicht "gefühlsbetonte" Lyrikbände, Belletristik und Sachbücher (Neuerscheinung im März 2002: Rolf Ihmels, "Ökosologie. Wege zum Frieden in der Spirale der Zeit"). 

Die Verse Valentina Babaks  - gewidmet ihren Kindern und Enkelkindern - sind Elisabeth Ekkart zufällig in die Hände gefallen. Sie hat die einundvierzig von ihr ausgewählten Gedichte nach Kindheit und Jugend / Liebe und Kinder / Natur und Heimat und Lebenserkenntnisse "geordnet". "Da diese Gedichte", so Elisabeth Ekkart, "die Lebensabschnitte eines jeden Menschen darstellen und sich viele, die in vielen Häusern leben, damit identifizieren können, wählte ich den Titel Häuser überall verstreut. Es stimmt, die Gedichte lassen nicht nur nachdenken über russlanddeutsches Schicksal, sondern regen auch zum Überdenken des eigenen Lebens an. Warum aber lautet der Untertitel "Sprachlose Gedichte"? Weil die Autorin - seit 1993 mit ihrem Mann und den zwei Töchtern in Hagen am Teutoburger Wald lebend - die deutsche Sprache nicht gut genug beherrscht, um deutsch zu dichten? Jedenfalls sind ihre Verse zweisprachig russisch/deutsch abgedruckt - ins Deutsche übertragen von Elisabeth Ekkart und Rolf Ihmels. "Der Übersetzer von Prosa", lässt der in Frankreich lebende, einst russische Andrë Makine einen seiner Buchhelden sagen, "ist Sklave des Autors, der Übersetzer von Gedichten ist sein Rivale." Manchmal erscheinen mir die deutschen Nachdichtungen von Ekkart und Ihmels - dem auch die ansprechende Umschlaggestaltung zu danken ist - ein wenig gar zu frei...

Sehr interessant im ANHANG die Ausführungen Elisabeth Ekkarts zur inneren und äußeren Integration der Russlanddeutschen. Immer wieder fragte auch ich mich,  jahrelang Mitglied des "Kuratoriums zur kulturellen Unterstützung deutscher Minderheiten im Ausland" und später dann auch als Mitarbeiterin in diesem Kuratorium tätig, warum so viele Russlanddeutsche - endlich in der angestammten deutschen Heimat - sich von den deutschen Mitbewohnern abschotten, lieber unter sich sind und sich nicht ernsthaft bemühen, die deutsche Sprache zu erlernen. Elisabeth Ekkart schreibt: "Da es uns im russischen Machtsystem nie erlaubt war, unsere eigenen Gefühle zu leben, haben wir dort mit allen Mitteln versucht, unsere nationale Identität als Deutsche zu bewahren und uns isoliert. Dies war notwendig, um zu überleben. Dieses Verhaltensmuster haben wir von Generation zu Generation immer wieder übernommen. Dieses zu durchbrechen, ist vielleicht die schwierigste Aufgabe, weil wir dieses Verhalten auf die jetzige Situation immer wieder übertragen und uns so verhalten, als ob wir weiter in Russland wären." Elisabeth Ekkart stellt am Schluss ihres Beitrages die Frage: "Kann man aber das, was man wirklich denkt und fühlt, ohne Sprachkenntnisse mitteilen? Wir müssen erkennen, dass Integration, nur dort geschehen kann, wo eine gefühlsmäßige Verbindung mit der Umgebung hergestellt wird." - "Eine wirkliche Integration kommt aus dem Herzen", sagt Elisabeth Ekkart an anderer Stelle, und: "Am Anfang  des Integrationsprozesses stehen finanzielle, sprachliche und berufliche Schwierigkeiten im Vordergrund, die Emotionen werden verdrängt (...)  Zur inneren Integration kommt es häufig gar nicht, und deswegen fühlen sich viele, auch nach vielen Jahren, immer noch entwurzelt." 

Bei aller Anerkennung des engagierten Ekkart-Verlages (www.ekkart-verlag.de) kann doch nicht übersehen werden, dass sich zahlreiche Fehler eingeschlichen haben - nicht nur Druckfehler. Hier und da hätte ein Blick in den Duden genügt (allein dreimal an prägnanter Stelle "zietiert"). Meist aber wäre es gut gewesen, ein deutscher Muttersprachler hätte die Endredaktion vorgenommen.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 20.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Die Ahle ist im Sack nicht zu verbergen.
Sprichwort der Russlanddeutschen

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