Belletristik REZENSIONEN

Vierzig Briefe aus dem Jenseits

Russische Jüdin
Die Reise der Anna Grom
Eine Liebesgeschichte
Deutsch von Dorothea Trottenberg
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2001, 252 S.

Anna Grom ist tot, als sie ihrem Geliebten vierzig Briefe schreibt. Jeden Tag einen. Noch schwebt ihre Seele zwischen den Welten, ist noch nicht fort und nicht mehr hier. Am einundvierzigsten Tag erst wird sich die Seele - in Anlehnung an die griechische Mythologie - endgültig von ihrem Körper lösen. Erst dann können die Toten keinen Kontakt mehr zu den Lebenden halten, dann sind sie endgültig eingegangen ins Totenreich.

Die in Moskau geborene Maria Rybakowa (Jahrgang 1974), war zwanzig Jahre alt, als sie nach Berlin kam, um ihr Glück zu suchen. Dass sie Jüdin ist, spielt in diesem Briefroman keine besondere Rolle. Vieles ist autobiographisch in ihrem Debüt-Roman: Wie ihre Heldin Anna studiert sie in Berlin (von 1994 bis 1997) Altphilologie und trotz ihres Stipendiums muss sie Gelegenheitsjobs annehmen. Anna kellnert, arbeitet in einem Dessous-Laden und versucht sich als Model, immer auf der Suche nach einer Bleibe und einem festen Job. Wählerisch durfte Anna Grom nicht sein. Und sie war es auch, was die Männer anbelangt, nicht. Da war ein impotenter Student aus dem feinen Dahlem, der Wissenschaftler Dr. Schmidt, der Franzose Jacques und da waren zwei Männer gleichzeitig, einer aus dem ehemaligen Osten, einer aus dem Westen, beide mager und hässlich, "eher für den Operationstisch als fürs Bett geeignet".

In dem Institut, in dem Anna Griechisch und Latein studiert, begegnet sie dann dem Doktoranten Ulrich Wilamowitz (doch wohl eine ironische Anspielung auf den berühmten deutschen Altphilologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff?). Sie verfällt zu ihrem altphilologischen Mitstudenten in eine leidenschaftliche Liebe, die von seiner Seite kaum erwidert wird. Die inzwischen dreiundzwanzigjährige Anna entzieht sich dieser ausweglosen Liebe durch den Freitod: Sie erhängt sich.

In ihren "Geisterbriefen" an den "lieben Wilamowitz" schreibt sie ihm von ihrem Leben in Moskau, von dem Wechsel in den Goldenen Westen, von ihrem Leben und ihren Kämpfen in Berlin. Es sei ihr, so resümiert sie, in Berlin nicht besser ergangen als in Moskau, aber auch nicht schlechter. Sie beschönigt nichts, auch nicht sich selbst. Warum, frage ich mich, musste sich diese nicht gerade schöne, aber temperamentvolle, lebenslustige und liebesbereite Frau ausgerechnet in den eigenbrötlerischen, ich-bezogenen Wilamowitz verlieben? Dieser schöne Narziss verbreitet gern die Anekdote, dass der Vater seiner unehelich geborenen Mutter der SS-Führer Heydrich gewesen sei, weil er, Ulrich, ihm auf verblüffende Weise ähnelt. Anna findet Wilamowitz schön wie einen Gott - mit dem makellosen Körper, den hellen Haaren, den hellen Augen und der absolut weißen Haut. Diesem Mann ihres Lebens will sie in ihren vierzig Briefen alles sagen, was er von ihr wissen sollte. Nur wer vergessen ist, ist tot!

Die einen Rezensenten sagen von Maria Rybakowas Liebesgeschichte, sie habe eine Art weiblichen Werther geschrieben, andere halten das Buch für einen Roman im Geiste von Nabokov, wieder andere sehen in Die Reise der Anna Grom eine Liebeserklärung an Deutschland, vor allem an die deutschen Männer.

Fest steht, dass uns die junge Rybakowa eine Menge Stoff zum Nachdenken bietet. Was empfinden Tote oder Körperlose oder Schwerelose oder Geister? (Der Originaltitel des Buches lautet denn auch besser, wie ich finde, "Der Geist der Anna Grom".) Was geschieht auf dem Totenschiff - Anna besteigt es am einundzwanzigsten Tag - , das die Verstorbenen endgültig ins Totenreich befördert? Was erwartet die Toten im Totenreich? Wer mag, kann seine Vorstellungen von dem Unvorstellbaren mit Maria Rybakowas Phantasiewelt vergleichen.

Übrigens: Der Großvater der frischgebackenen Schriftstellerin ist Anatoli Rybakow, der mit seinem Buch "Die Kinder vom Arbat" einen der bedeutendsten stalinkritischen Romane verfasste. Ihr Großvater, so die Enkelin, habe viele Anmerkungen zu ihrem Manuskript gemacht und sie überredet, einige Passagen über die Kindheit ihrer Heldin Anna einzufügen; Rybakow starb 1998. Maria Rybakowa studierte inzwischen an der Yale University in New York, gegenwärtig lebt die Umtriebige in Amsterdam.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 07.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Der Deutsche kommt mit dem Verstand überall hin, der Russe mit den Augen.
Sprichwort der Russischen Juden

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