Belletristik REZENSIONEN

Englisch-russische Liebe im Doppelpack

Fleur
Eine russische Liebe
Aus dem Englischen von Heidi Lichtblau und Johannes Schwab
Knaur Taschenbuch Verlag, München 2005, 621 S.

Wie bin ich nur an dieses triviale Buch geraten? Mich hatte "Eine russische Liebe in Zeiten des Krimkrieges" gereizt - hatte ich doch gerade von Iwan Gontscharow "Für den Zaren um die halbe Welt" gelesen, das ebenfalls in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts spielt.

Fleur beginnt um 1851 mit der Eröffnung der Weltausstellung in London. Viele Ausländer sind deshalb zu Gast in der zu dieser Zeit größten Industriestadt der Welt. Fleur ist eine junge Frau, deren Mutter starb, als sie ein kleines Mädchen war, und deren Vater ihr keinerlei Aufmerksamkeit schenkte; sie hat einen jüngeren Bruder, Richard. Als "übermäßige Schönheit" herangewachsen, hat sie viele Verehrer, keinen ermutigt sie. Sie zieht es vor, allein zu sein und in den Armenhospitälern zu helfen. Eines Tages wird sie, vierundzwanzig Jahre alt, bei einem Ausritt von einigen Männern überfallen, man schickt sich an, sie zu vergewaltigen. Wie vom Himmel gesandt, ist ein schöner, hoch gewachsener Mann  zur Stelle... "Fleur bemerkte, "daß sie in zwei Augen von bemerkenswerter Schönheit blickte. Die goldgrüne Iris hatte einen dunklen, rauchblauen Rand (...) Der Mund war empfindsam und sehr ausdrucksvoll; an den Winkeln jedoch drückten feine Falten eine tiefe Trauer aus." Dieser bemerkenswerte Schönling ist Graf Kirow, Sergej Nikolajewitsch(..."wie wundervoll russische Namen klingen".) aus St. Petersburg. Er ist persönlicher Adjutant des Zaren, von ihm höchstpersönlich zur Weltausstellung gesandt. Fleur und Kirow sehen sich einige Male wieder, und es knistert zwischen ihnen gewaltig - bis Graf Kirow nach kühlem Abschied eines Tages abreist.

Bei Fleurs Tante hatte während der Weltausstellung ein anderer Russe Quartier gefunden: Polotski, ein "achtbarer Handelsherr". Von diesem sympathischen Russen werden Fleur, ihr Bruder Richard und ihr Vater nach St. Petersburg eingeladen. Zwei Jahre später nehmen sie die Einladung an. Vater Ranulph ist Orchideenspezialist und will in Sibirien die legendäre "Sibirische Orchidee" finden. Fleur und Richard wohnen bei den Polotskis ("Die Russen sind ungemein herzliche Menschen."), die eine achtzehnjährige Tochter haben, Ludmilla. Der Engländer Richard und die Russin Ludmilla werden bald schon in heißer Liebe entbrennen... Auf dem Schiff hatten die drei Hamiltons - welch ein Zufall - den jüngeren Bruder Sergej Kirows, Graf Peter, kennen gelernt. Natürlich begegnen sich Fleur und Sergej Kirow wieder, und wieder knistert es gewaltig. Soll es nur tüchtig knistern, wie es die Autorin - sie hat Englisch und Geschichte studiert - ausgehen lässt, wird nicht verraten... Ein sehr ärgerlicher Fehler ist in allen Verlagstexten zu entdecken; denn da steht, dass Fleur nach St. Petersburg entgegen den Willen ihrer Eltern  reist. Aber: Die Mutter ist tot, und der Vater reist selbst mit!

Erst ab Seite 271 ist hier und da von den Umständen die Rede, die zum Krimkrieg führen. Bis der Krimkrieg - der Krieg, den das Osmanische Reich und an seiner Seite Großbritannien und Frankreich (seit 1855 auch Sardinien) 1853/54-56 gegen Russland führten - dann wirklich ausbricht, sind wir auf Seite 379. Die Engländerin Fleur gerät zwischen alle Fronten und wird zu einer unentbehrlichen Helferin in den Lazaretten. Mit kriegerischen Verwicklungen spart Cynthia Harrod-Eagles nicht, denn schließlich sind die Hamiltons als Engländer in Russland...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 24.10.2006 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 03.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Jagt man einer Neuigkeit nach, beträgt ihr Wert einhundert Rubel,
hat man sie erfahren, ist sie nur noch eine Kopeke wert.
Sprichwort der Russen

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