Belletristik REZENSIONEN

"Geld ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr."

Russe
Das Maß der Freiheit
Lebensgeschichte eines russischen Millionärs
Deutsch von Rosemarie Tietze
Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2000, 190 S.

Bisher kannte ich Tellerwäscherkarrieren vorrangig aus Amerika. Nun kennt man auch eine aus Russland.

Alexander Panikin scheint geschäftstüchtig auf die Welt gekommen zu sein. Bereits im Kindesalter spekulierte er mit Eintrittskarten für Fußballspiele. Während seines Studiums der Theaterökonomie begann er - noch zu Sowjetzeiten - nebenher mit der Heimproduktion von Gipsmasken und billigem Modeschmuck. Später stellte er - noch immer in Heimarbeit, aber längst schon mit "Angestellten" - Babyschuhe her und Wollmützen, all das, was es im sowjetischen Handel nicht zu kaufen gab. Als während der Perestroika private Initiativen erlaubt und erwünscht waren, begann Panikin 1988 eine Textilfabrik aufzubauen.

Es ist gleichermaßen spannend wie kurios, was Panikin an Bürokratie und Milizwillkür erlebte; einmal landete er sogar in der berüchtigten Petrowka, aber man konnte ihm nichts nachweisen. Der größte Bluff, so finde ich, ist seine Idee, 1990 nach Berlin zu reisen, hier eine Art Scheinfirma zu gründen, um mit dieser Auslandsfirma dann ein Joint Venture mit sich selbst und seiner eigenen Firma in Russland zu bilden. Dadurch konnte er die dringend benötigten modernen Maschinen für seine Textilfirma anschaffen, die er dann auch auf Kopeke und Pfennig bezahlte. Heute ist sein Textilunternehmen "Paninter" mit mehr als zweitausend Beschäftigten Russlands größter Bekleidungskonzern.

Bei der Millionärskarriere Panikins - das sei hier ausdrücklich gesagt - handelt es sich nicht um eine kriminelle Karriere, obwohl natürlich einiges am Rande der Legalität abgewickelt werden musste, vorbei an Baugenehmigungen zum Beispiel. Ungezählte Male war Panikin nahe dem Ruin. Dennoch ließ er sich nie unterkriegen. In manchen äußerst kritischen Situationen - als die neu erbaute Fabrik abbrannte zum Beispiel - hat ihm wohl nur sein fester Glaube an Gott die nötige Courage gegeben, um weiterzumachen, sich seinen Traum vom ersten privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen zu erfüllen. Geld ist für Panikin - so schreibt er glaubwürdig - nur ein "abstraktes Instrument zur Erlangung eines großen Maßes an Freiheit". Seine Gewinne investierte er stets sofort wieder in andere Projekte. Damit mussten sich auch seine Tochter und seine beiden Frauen abfinden.

Erholsam, mal kleine Klagen über die Angestellten und deren russische Schlamperei zu lesen. Panikins Mitarbeiter sind pünktlich, arbeitsam und saufen nicht während der Arbeitszeit. Wenn tatsächlich alles so war, wie es Panikin beschreibt (und ich zweifle daran nicht), dann darf man hier einen Millionär bewundern, einen, der menschlich-sympathisch daherkommt, kein Risiko scheut und dem sein Reichtum weder in den Schoss gefallen noch zu Kopf gestiegen ist. Beeindruckend die Szene, als bei ihm eine Haussuchung stattfindet und die Beamten total verblüfft sind über die mehr als karge Einrichtung seiner Wohnung.

Als man es schon überaus erstaunlich findet, dass einer mit Nichts und aus dem Nichts eine große Textilfabrik aufbaut,  lesen wir dann noch über Panikins Gut im Dorf Sawidowa, unweit der Stadt Klin, das er völlig heruntergekommen, erworben hatte. Gegenwärtig ist das Gut "die Variante eines typisch russischen Landsitzes: eine Reihe großer Häuser zum Wohnen, Gästehäuser, Sportanlagen und Wirtschaftsgebäude. Alles sorgfältig in die Natur der Umgebung eingebunden, mit Parks, Blumenbeeten, Gärten. (...) Jetzt steht noch das Schwierigste bevor, die längst vergessene Atmosphäre russischer Landgüter wiederaufleben zu lassen." Inzwischen fließt aus Sawidowa Milch und Sahne nach Moskau: "Von hier gelangt inzwischen Milch ohne Konservierungsstoffe und Zusätze gleich nach dem Melken in die Moskauer Geschäfte. Milch und Kefir, Sahne und Sauerrahm aus unserer Molkerei bringen den Menschen das zurück, wonach ich selbst auch immer gesucht habe, nämlich den aus der Kindheit bekannten Geschmack richtiger Milch." Der Millionär Panikin kann und will seine ländliche Herkunft nicht verleugnen... In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, ist sein Credo: "Geld ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr."

Dem Buch vorangestellt sind diese Worte von Michail Gorbatschow: "Das Buch meines Freundes Alexander Panikin ist ebenso eindrucksvoll, überraschend und interessant wie er selbst (...)." Das Vorwort zum Buch "Das Maß der Freiheit" schrieb kein Geringerer als der hochgeschätzte russische Schriftsteller Andrej Bitow (z. B. "Puschkins Hase"), den beiden Textteilen dienen als Motto Worte des weltberühmten russischen Liedersängers Wladimir Wyssozki, übersetzt hat das Buch Rosemarie Tietze - die sonst Nabokov übersetzt, Dostojewski, Jewgeni Popow und andere bedeutende russische Autoren; gerade hat sie - in München lebend - von Andrej Bitow die "Armenischen Lektionen" neu übersetzt. Sie wurde 1990 mit dem Stuttgarter Literaturpreis und 1995 mit dem Johann-Heinrich-Voss-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet. Ich gestehe: Ich entschloss mich, Panikin zu lesen, als ich hörte, dass Rosemarie Tietze das Buch Das Maß der Freiheit übersetzt hat. Es hat sich gelohnt: sowohl wegen des tabulos geschriebenen Originals von Alexander Panikin, dem ersten legalen Unternehmer Russlands,  als auch wegen des auffallend guten Deutschs der Übersetzung von Rosemarie Tietze.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

Weitere Rezensionen zum Thema "Russische Wirtschaft im Umbruch":

  • Jürgen Roth, Der Oligarch.
  • Benno und Petra Zielecinski, Die Fleischfabrik. Ein Russlandreport.

Am 10.02.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 07.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Modeschmuck -
aus Stroh:
Ketten, Broschen,
Ohrringe...

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