Belletristik REZENSIONEN

Anbeter "einer einzigartigen Stadt"

Georgier
Niemals hat der Dichter eine Schönere erblickt...
Über die alte Stadt Tbilissi, Metropole Georgiens, mit ihren Festen, Bädern, Bräuten und Aschugenliedern
Mit 33 Bildern aus dem alten Tbilissi von Oskar Schmerling
Herausgegeben von Leonhard Kossuth
Übersetzt von Kristiane Lichtenfeld. Mit Nachdichtungen von Leonhard Kossuth und Kristiane Lichtenfeld
Nora Verlagsgemeinschaft, Berlin  2007, 199 S.
 
Obgleich er ein Dichter sei, halte er nichts von Pfuscharbeit, bedeute ihm jedes Detail viel, schreibt Iosseb Grischaschwili (1889- bis 1965) in Niemals hat der Dichter eine Schönere erblickt... Und da ich, die ich eine Journalistin bin, ebenfalls nichts von Pfuscharbeit halte, bedeutet auch mir jedes Detail sehr viel. Und darum, genau darum halte ich dieses detailreiche Buch über die alte Stadt Tbilissi, für kultur-historisch so außerordentlich wertvoll.

Grischaschwilis Buch ist eine vergnügliche (und informative) Lektüre - ein Geflecht aus Reiseberichten, Märchen, Legenden, Sprichwörtern, Szenarien, Porträts, Versen..., die dem Leser das unverwechselbare Georgien nahe bringen. "Ich hänge an jeder Einzelheit", gesteht der Autor, "da ich mir nun mal zum Ziel gesetzt habe, nicht mehr Existierendes wiederzugewinnen." Und so erzählt Grischaschwili von einer georgischen Fürstin, die als Gefangene dem persischen Schah zugeführt wird, von den Aschugen - den Liederdichtern und Sängern, die besonders gern von der Liebe singen - vom Karatschocheli und dem Kinto, ohne die "sowohl Tbilissis Straßen als auch der Maidan als auch die Volksfeste unvorstellbar waren." Grischaschwili lässt uns alles wissen über das Chansfest (Keenoba), den Faustkampf (Kriwi), das Zunfthandwerk (Amkroba) und die Zunfthandwerker (Amkari): "Niemandes Neider zu sein und üble Nachrede gegen einen Zunftbruder zu unterlassen, war das ungeschriebene Gebot der Amkari. So lebten die Zünfte seit unvordenklichen Zeiten in Freundschaft und Eintracht." Aber flugs kommt Grischaschwili eine Legende über die schöne alte Burg Chertwissi in Südgeorgien in den Sinn: "Die Burg besitzt zwei hohe Türme. Königin Tamar war es, die zwei Maurern befohlen hatte, diese Türme zum Schrecken und zum Neid der Feinde zu errichten. Darauf baute der eine, der Meister, den östlichsten Turm, und sein Schüler baute den westlichen. Bald ging im Volk die Rede, daß der westliche Turm anmutiger und zugleich wehrhafter sei als der östliche. Diese Rede gelangte bis zur Königin. Tamar begab sich hin, um die Türme zu besichtigen, das Werk des jungen Handwerkers gefiel ihr, und sie beschenkte ihn großzügig. Der Meister ließ sich die Kränkung nicht anmerken, doch in seinem Herzen wuchs die Mißgunst. Er wartete, bis sein Schüler den letzten Stein auf dem Turm vermauerte - da stieß er die Leiter, die an der Turmwand lehnte, um. Ohne die Leiter war eine Rückkehr zur Erde nicht möglich..."- "Wie schlimm ist doch Mißgunst", kommentiert Grischaschwili.

Breiten Raum nehmen im Buch die georgischen Sitten und Bräuche ein. Wenn Grischaschwili zum Beispiel über die Mitgift plaudert, von den angehenden Ehemännern "Bestechungsgeschenke" genannt, so gibt er auch einige "Aussteuer-Lieder" dazu und gewährt uns Einblick in mehrere "Aussteuerverzeichnisse" - mit Wäsche, Kleidern, Schmuck, Badezubehör, Geschirr, jedes Stück genau beschrieben. Und fast immer sind Bücher dabei "welche dem Verstande [der Braut] angemessen..." Hier das Aussteuerverzeichnis eines nicht sehr wohlhabenden Vaters:

"Meiner innigst geliebten Tochter gebe ich alles mit, was ich nur habe:
Eine Puppe nebst Anputz
eine Chiffoniere aus Nußbaumholz
vier Kissen samt Bezügen
vier Vorhänge für Fenster und Türen
ein Brotschränkchen
zwei Hakenstangen zum Heraufholen des Brotes aus dem Tone-Backofen
einen Backtrog mitsamt Schabeisen
ein Dutzend Löffel von guter Fabrikation
einen kupfernen Mörser samt Stößel
einen georgischen Mdiwanow-Kalender einen Badeziegel aus Bimsstein für die Füße
ein ärmelloses Hemd für das Badehaus
sechzehn Kapitel des `Karaman-Buches´! mehrere Mausefallen
eine Nähmaschine Marke `Singer´
zwölf Spulen Nähgarn
zwei Harnabflußvorrichtungen für die Wiege - für einen Jungen und für ein Mädchen
ein silbernes Tablett von achteinhalb Pfund Gewicht
eine Konfitürenschüssel
ein kupfernes Becken mit Wasserkanne
ein halbes Dutzend gelber Kutaissier Besen
ein Sieb
einen großen Rosenkranz aus Bernstein
für den Schwiegervater eine Schnupftabakdose mit dem Bildnis des Schahs
für die Schwiegermutter ein schwarzes Seidenkleid
für die Schwägerin einen teuren Seidenschal
eine Wäscheschüssel, drei Kessel, einen Feuerbock
sechs grüne Seidentücher
eine Duftschale
ein Paar Schlummerrollen mit Wollefüllung
zwei Bettstellen mit Matratzen
zwei Teppichläufer und dazu Ausklopfer
eine Wäscheleine und Klammern
einen Karabadini, das Heilkundebuch
fünf Klumpen Ziegenfett
Henna und weiße Farbe, untermischt mit getrockneter Granatapfelschale, hilfreich bei Kopfschmerz
getrocknete Wildbirne gegen Magenerkrankungen...

Sehr amüsant Grischaschwilis Kapitel über "Das Badehaus", in dem er Alexander Puschkin zitiert aus seiner "Reise nach Erzurum während des Feldzuges im Jahre 1829: "Im ganzen Leben traf ich weder in Rußland noch in der Türkei etwas Wundervolleres an wie die Bäder von Tiflis. Ich will sie eingehender beschreiben: Der Hausherr überließ mich der Obhut des Badeknechts, eines Tataren. (...) Hassan begann damit, daß er mich auf den warmen Steinfußboden legte; sodann ging er daran, mir die Gliedmaßen zu brechen, an meinen Gelenken zu zerren, mit harten Fäusten auf mich einzuschlagen. (...) (Die asiatischen Badeknechte geraten bisweilen in Extase, sie springen einem auf die Schultern, gleiten mit den Füßen über die Hüften und vollführen auf dem Rücken einen Hochtanz..." Dem gegenüber gestellt ein kleiner Auszug aus Egon Erwin Kischs Reportage aus den Schwefelbädern in Tiflis (zitiert nach: EUROPA ERLESEN, Georgien, Hrsg. von Fried Nielsen, Wieser Verlag, Klagenfurt 2006): "Nachdem du dich auf den Bauch gelegt hast (...) hat sich der Moslem [der "Badeknecht"] auf dich gestellt, als wärest du eine Gebetmatte, dreht sich oben in rhythmischen Bewegungen, dreht sich auf seinen Fersen, fühlt sich sauwohl auf deinem Rückgrat und hüpft vergnügt von einem Bein aufs andere. Du möchtest ihn aufmerksam machen: Hallo, das ist meine Wirbelsäule, jedoch er würde dich nicht hören, denn der Kerl singt, bei Allah, er singt. (...) Endlich verläßt er deinen Revers, aber nur um mit seiner Ferse in deine Kniekehle ein Loch zu bohren..."

Interessante Einzelheiten teilt uns Grischaschwili auch über bei uns unbekannte georgische Dichter mit: über Hasira, Giorgi Skandarnowa, David Giwischwili, Beglar Achospireli (übersetzte Maxim Gorkis "Nachtasyl" ins Georgische), Anton Gandshiskareli, Ietim Gurdshi  - immer verbunden mit Vers-Beispielen.

Schon 2002 hatte ich in Leonhard Kossuths "Autobiographisches Zeugnis von einem legendären Verlag" (Volk & Welt) von "einer Entdeckung in Georgien" gelesen: eine Kollektion farbiger Ansichtskarten über die alte Stadt Tbilissi - die bis 1936 offiziell Tiflis hieß - von Oskar Schmerling (1863-1938); der georgiendeutsche Maler und Graphiker gilt auch als Begründer der georgischen Karikatur. "Diese Karten", schreibt Kossuth in den neunziger Jahren, "schienen mir genau das zu sein, was ich an Illustrationen zu einem schon lange für die Herausgabe geplanten Buch gesucht hatte." Für diese Edition hatten Kristiane Lichtenfeld als Übersetzerin und Leonhard Kossuth als Herausgeber noch Anfang 1989 Verträge mit dem Berliner "Buchverlag Der Morgen" unterschrieben. Doch dann stellte dieser Verlag - der Wende geschuldet - seine Arbeit ein. Nun liegt das Buch,  fast zwei Jahrzehnte später, dennoch vor, zu verdanken der (mir schon seit fast fünfzig Jahren vertrauten) Kossuthschen Hartnäckigkeit. Schmerling hatte seine Postkartensammlung 1910 herausgegeben und sie 1928 Grischaschwili gebracht, doch dessen Buch war bereits 1927 erschienen. Bedauernswert, denn es scheint, als hätte Schmerling seine Typen des alten Tbilissi  auftragsgemäß für das Buch von Grischaschwili geschaffen: Hier finden sich Klatschbasen und Zecher, Politiker und Teppichverkäufer, Surnabläser und Mazoniverkäufer, arme Händler, reiche Sommerfrischler und ein georgisches Fürstenpaar, Melonenverkäufer und Schaschlykbrater, Stutzer und Schuhmacher, Kohlenverkäufer, Tänzer und plaudernde alte Männer auf einer Parkbank...

Des Deutschen Leonhard Kossuth Verdienst ist es, den georgischen  Text-Autor Iosseb Grischaschwili und den georgiendeutschen Zeichner siebzig Jahre später zu dem sehr lesens- und ansehenswerten Buch Niemals hat der Dichter eine Schönere erblickt... doch noch vereint zu haben.

Fast scheue ich mich, es zu schreiben: Gegenwärtig weiß ich mehr über das alte Tbilissi als über das alte Berlin...


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

Leonhard Kossuth schreibt am 07.09.2007 (gekürzt):

Liebe Gisela,

herzlichen Dank für Deine Grischaschwili-Rezension. Sie ist nicht nur die umfangreichste von den bisher erschienenen, sondern zeichnet sich auch durch große Engagiertheit, persönliche Note, Präzision, ergänzende eigene Kenntnis aus, und bei alledem ist sie - locker geschrieben - gut zu lesen...

Leo Kossuth

 

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  • Wladimir und Olga Kaminer, Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus. Darin: Georgien.
  • Fried Nielsen (Hrsg.), Georgien. EUROPA ERLESEN.
  • Rainer Petto, Dr. Reineggs und Graf Kohary in Georgien.
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  • Abdishamil Nurpeissow, Der sterbende See.
  • Juri Rytchëu, Unna.
  • Juri Rytchëu, Im Spiegel des Vergessens.
  • Juri Rytchëu, Die Reise der Anna Odinzowa.

Am 29.08.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 03.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Mancher hat so viel Gewissen wie Flaum ist auf einem Hühnerei.

Sprichwort der Georgier


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