Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN

Paläste, Kirchen, Klöster...

Über Russland
Moskau und der Goldene Ring
Ins Englische übertragen von Kathrin Hauger
Fast durchgehend mit ganzseitigen Farbfotos, 21 x 23 cm, im Schmuckschuber
nymphenburger, München 1997, 168 S.

Über Russland
Altrussische Städte
Moskau und der Goldene Ring. An den Ufern der Oka und Volga
Trescher-Reihe Reisen, herausgegeben von Sabine Fach und Bernd Schwenkros
Mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen und einigen Farbfotos
Trescher Verlag, Berlin 1998, 541 S.

Der prächtige Fotoband wird garantiert Appetit auf eine Reise in die altrussische Gegend machen, mit dem umfänglichen Textband kann man sich dann mit ausführlichen Informationen getrost auf den Weg machen...

Moskau liegt am Rande des Goldenen Rings, zu dem seit den siebziger Jahren sieben Städte gezählt werden, die sich aus ehemaligen Wehrklöstern entwickelt haben. Es sind dies: Sergijew Possad, Pereslawl-Salesski, Rostow Weliki, Jaroslawl, Kostroma, Susdal und Wladimir. Und so enthält der aufwendig ausgestattete Fotoband von Russlands Hauptstadt Moskau und den genannten sieben Städten des Goldenen Rings farbenprächtige Tages- und Nachtfotos, Panorama- und Detailbilder, brillante Winter- und Sommeraufnahmen von den bekanntesten Sehenswürdigkeiten und den neuen Prunkbauten wie dem Moskauer Gazprom-Center - technisch brillant, mit fachmännischem Blick fürs Motiv bei Außen- und Innenaufnahmen. Allein der strahlend blaue Himmel auf den meisten Fotos verrät, dass Gregor M. Schmid, geboren in Augsburg, nicht nur einmal dort war, sondern seit Jahren nach Russland reist. Obwohl die Aufnahmen von Palästen, Kirchen, Klöstern, Denkmälern (vor jeweils beeindruckendem Hintergrund) überwiegen, erhält man auch einen (kleinen) Eindruck von den selbst- und modebewussten Moskauern (auf dem Arbat). Auf den Fotografien der sieben Städte des Goldenen Rings dominieren - wie kann es anders sein - die mächtigen Kreml, die güldenen Kuppeln, Glocken- und Zwiebeltürme und die prächtigen Gewänder der Popen während der Gottesdienste. Aber auch Eisfischer auf der Wolga sehen wir, rodelnde Kinder in Jaroslawl, Chorsängerinnen in Kostromaer Trachten, eine Souvenirverkäuferin und mit Schleifen geschmückte kleine Mädchen in Susdal; besonders malerisch die beiden Aufnahmen am Kamenska-Fluss, die Menschen (einen angelnden Jungen und eine Wäsche waschende Frau) inmitten ihrer geschichtsträchtigen Heimat zeigen. Ich kann nicht sagen, warum sich die beiden ganzseitigen Fotos - einmal kahle Birkenstämme, die Äste grün belaubt, einmal kahle Birkenstämme im tiefen Schnee - so angenehm ins vorrangig architektonisch geprägte Buch einfügen, aber --- sie tun es. Wer sich eine Vorstellung davon machen möchte, warum die Dreifaltigkeits-Ikone von Andrej Rubljow, dem bedeutendsten russischen Ikonen- und Freskenmaler (um 1360-1430), so berühmt ist, der vergesse das fade Foto im Trescher-Buch (S.234) und genieße die Aufnahme des künstlerischen Fotografen Schmid (S. 83).

Die Kurztexte von Christa Damkowski, geboren in Celle, begleiten den Bildband sowohl mit wesentlichen Fakten, als auch mit literarischen Zitaten und interessanten Neuigkeiten. So erfahre ich zum Beispiel erst durch sie, dass Andrej Rubljow 1988, anlässlich der Feierlichkeiten zum tausendsten Jahrestag der Christianisierung der Rus, heilig gesprochen worden ist, und dass der Moskauer Flughafen Scheremetjewo seinen Namen nach dem Grafen Scheremetjewo trägt; denn dieser Flughafen ist 1980 auf den ehemaligen Ländereien dieser Familie gebaut worden. Mir ist unbegreiflich, warum zu jener Zeit ein Flughafen nach einer der reichsten Familien Russlands benannt wurde. Vielleicht, weil er zu den Olympischen Spielen eröffnet wurde?

In einem aber irrt die Textautorin. Sie schreibt, dass der Name "Roter Platz" in Moskau nichts mit Sozialismus oder Roter Fahne zu tun habe, sondern man "früher alles, was schön war, mit rot bezeichnete". Richtig ist, dass die russische Vokabel "krasnyj" - der Rote Platz heißt russisch "Krasnaja Ploschadj" - lange schon sowohl rot als auch schön bedeutet.

Stehen bei einem Bildband die Texte an zweiter Stelle, so sind bei den Bänden der Trescher-Reihe Reisen die Fotos dem umfänglichen Text untergeordnet. Dennoch: Im Band Altrussische Städte kommen sie, besonders die Schwarz-Weiß-Aufnahmen gar zu schlicht daher, sind zum Teil unscharf, unterbelichtet, langweilig, "geknipst"... Überhaupt kein Prinzip ist bei den Bildunterschriften zu entdecken. Manche Fotos haben gar keine Bildunterschriften, manche ganz sachliche wie "Die ul. Tverskaja", bei manchen geht´s "verschmitzt" zu: "Bitte füllen Sie Ihr Formular aus - auf der Post"...

Der Text der beiden Autorinnen dagegen ist faktenreich, ausgewogen, gut lesbar. Schade, dass sie im Buch nicht kurz vorgestellt werden. Ihr Text geht über Moskau und die klassischen sieben Städte des Goldenen Rings hinaus und "berücksichtigt außerdem weitere altrussische Orte im Land zwischen Oka, Moskva und Volga, die bisher auf der traditionellen Reiseroute entlang des Goldenen Rings vernachlässigt wurden" - so der Verlag. Es sind dies u. a. Kolomna, Rjasan´, Konstantinovka, Murom, Jurev Pol´skij, Nižnij Novgorod... Auf meiner interessanten Goldenen-Ring-Reise war (1999) noch Uglitsch mit von der Partie. "Doch auch dem vorliegenden Reiseführer sind Grenzen geboten", schreiben die Autorinnen. "Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann nicht erhoben werden."

Da ich mich bei Thöns, "Sibirien entdecken" ausführlich  über die unselige Schreibweise der Trescher-Reihe Reisen geäußert habe (Es wird die wissenschaftliche Transliteration verwendet), schweigt bei diesem Buch der Rezensentin Höflichkeit, wenn´s ihr auch schwer fällt...

Wie stets zuerst zu meinen Lieblingstexten der Trescher-Reihe Reisen, die sich optisch zweispaltig von dem Fließtext abheben und im Inhaltsverzeichnis kursiv ausgewiesen sind. Diese Zusatztexte handeln in diesem Buch von Kyrill und Method, vom Samovar, vom "Russkoe bistro", von Barlach, von den Bojaren, von der Tretjakow-Galerie, von der Moskauer Metro, den Moskauer Bahnhöfen, vom Hotel Lux, von der Christi-Erlöser-Kathedrale, von den russischen Ikonen, von den vielen Lenin-Denkmälern, von der Heilung des Ilja Muromec, von dem wundertätigen Petr und der wundertätigen Fevronija, von russischen Glocken, von Isaak Levitan, von den russischen Schriftstellern Michail Bulgakow, Vladimir Majakovski, Marina Cvetaeva, Boris Pil´njak, Michail Saltykov-Sčedrin, Alexander Solzenicyn, Sergej Esenin, Wenedikt Jerofejew (warum hier mit w?), Maxim Gor´kij. Bei Thöns, "Sibirien entdecken"  hatte mich gestört, dass dieses Genre der Zusatztexte für Leseproben missbraucht wurde. Hier stören mich die Leseproben nicht. Warum? Weil hier jeweils Aussagen über den Autor getroffen werden und zusätzlich aus ihren Werken zitiert wird. Aber wieder finde ich es nicht korrekt, dass der jeweilige Übersetzer nicht genannt wird. Da es ein Prinzip bei den Trescher-Büchern ist, viel Literarisches zu bringen, sei aufmerksam gemacht auf das Buch "Das auferstandene Wort" von Vitali Schentalinski, erschienen 1996 im Gustav Lübbe Verlag. Der Autor berichtet hier über verfolgte russische Schriftsteller und zitiert aus den Archiven sowjetischer Geheimdienste. In diesem Buch geht es auch um Bulgakow, Pilnjak (die zum Tode durch Erschießen verurteilt wurden) und um Maxim Gorki, von dem beim sowjetischen Geheimdienst ein überaus interessantes Dossier existiert. Mit den Fakten dieses Buches hätte man den zweispaltigen Zusatztexten zahlreiche neue Informationen hinzufügen können.

Ich habe die Bücher der Trescher-Reihe Reisen nicht entsprechend ihrer Erscheinungsjahre gelesen und stelle fest, dass einiges von mir bei den älteren Ausgaben Bemängelte in den neueren Ausgaben bereits verändert wurde: So werden die Autoren kurz mit einem Foto vorgestellt, die Bildauswahl und die Bildbearbeitung hat sich wesentlich verbessert, die Bildunterschriften sind in ihrer Art vereinheitlicht.

Alte Illustrationen, alte Stadtansichten, sowie Ortskarten, die in diesem Buch leider nur kyrillisch beschriftet sind, und viele Reise-Tipps runden das Buch ab, auch Hinweise über Hotels, Restaurants und Cafés. Aber was sind "gepflegte" Preise?

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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  • Barbara Löwe, KulturSchock Russland.
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  • Sonia Mikich, Planet Moskau.
  • Thomas Roth, Russisches Tagebuch.
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  • Edeltraud Maier-Lutz, Flußkreuzfahrten in Rußland.
  • Sonia Mikich, Planet Moskau.
  • Sergio Pitol, Die Reise. Ein Besuch Rußlands und seiner Literatur.
  • Thomas Roth, Russisches Tagebuch.
  • Karl Schlögel, Moskau lesen.
  • Elfie Siegl, Russischer Bilderbogen. Reportagen aus einem unbegreiflichen Land.
  • Valerij Stignejew, Moskau-Berlin.

Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Bevor du nicht unter fremdem Dache warst, weißt du nicht, wo deines undicht ist.
Sprichwort der Russen

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