kinderbuch-jugendbuchREZENSIONEN

Wie im Märchen siegt das Gute...

Russe
Timur und sein Trupp
Mit Illustrationen
Übersetzung aus dem Russischen
leiv, Leipziger Kinderbuchverlag, Leipzig 2003, 92 S.

Timur und sein Trupp erschien 1950 erstmalig in der DDR. Nun ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass in den neuen Bundesländern ansässige Verlage solche "Klassiker" erneut verlegen; gerade erschien im Verlag "Neues Leben" "Wie der Stahl gehärtet wurde" von Nikolai Ostrowski.

Arkadi Gaidar, 1904 in Lgow (Gouvernement Kursk) als Sohn eines Lehrers geboren, war ein enger Freund des russischen Schriftstellers Konstantin Paustowski, vor dem Marlene Dietrich einst einen Kniefall machte. In seiner Vorbemerkung zum Buch Timur und sein Trupp schreibt Paustowski über Gaidar, dass es zu dessen wunderbaren Eigenschaften gehörte, dass sein Leben niemals von seinen Büchern zu trennen gewesen sei. Paustowski: "Zwei Jahre, bevor `Timur und sein Trupp´ erschien besuchte mich Gaidar einmal. Damals lag mein Sohn ernsthaft krank, und wir waren überall herumgelaufen, auf der Suche nach einer bestimmten Arznei. Aber wir konnten sie nirgendwo auftreiben. Gaidar ging ans Telefon und rief bei sich zu Hause an: `Schick mir sofort alle Jungens von unserem Hof´, sagte er. `Nach zehn Minuten läutete es wild an der Tür. Auf dem Treppenabsatz stand etwa ein Dutzend Jungen, aufgeregt und atemlos." Natürlich gelingt es einem Jungen aus der Meute, die Medizin aufzutreiben. Dem Sohn von Paustowski ging es bald besser. Gaidar hatte Paustowski glücklich gefragt: "Na, arbeitet mein Trupp nicht wunderbar?"

Im Buch geht es um einen Jungentrupp mit dem vierzehnjährigen Timur an der Spitze. Er  und seine etwa dreißig Jungs machen in ihrer Siedlung die Häuser ausfindig und kennzeichnen sie mit einem roten Stern, in denen ein Ehemann, ein Vater oder ein Sohn zur Roten Armee eingezogen worden ist. Dann halten sie Ausschau, wie den nun Alleinstehenden zu helfen ist: Einer alten Frau hacken sie das gerade gelieferte Holz klein, einer anderen füllen sie regelmäßig den großen Eichenbottich mit Brunnenwasser, einer Mutter mit einem kleinen Kind (das von ihnen "einen Hasen mit zwei Ohren und vier Pfoten" als Spielkameraden geschenkt bekommt) stellen sie einen Feldblumen-Strauß aufs Fensterbrett, einem Kind bauen sie eine Gartenschaukel ... Sie helfen, wo sie können, denn die Bewohner in einem Haus mit einem roten Stern stehen unter ihrem Schutz.

Besonders spannend wird Gaidars Buch dadurch, dass alles nachts und heimlich geschieht, und weil in der Siedlung noch eine Bande zugange ist mit Michael Kwakin und "die Latte". Timur gilt als "Kommissar", Kwakin als "Ataman" (das ist bei den Kosaken der Anführer, erklärt wird dieser Begriff im Buch nicht). Die von Kwakins Bande sind die weniger guten Jungs, die "keinem nützlich" sind und "nichts Sinnvolles" tun. Sie sind damit beschäftigt, Karten zu spielen und Obst aus den Gärten zu stehlen... Natürlich geraten diese beiden "Banden" auch handgreiflich aneinander. Aber wie im Märchen siegt in Timur und sein Trupp immer das Gute. Als die dreizehnjährige Shenja und ihre achtzehnjährige Schwester Olga - ihr Vater ist Kommandeur einer Panzerabteilung an der Front - in dieser Siedlung auf die Familien-Datscha ziehen, da kommt auch eine große und eine kleine Liebe ins Spiel...

Es hat Spaß gemacht, dieses einst in der Sowjetunion und in der DDR beliebte Buch wieder zu lesen. Allerdings stach mir nun doch unangenehm die wiederholte Bezeichnung "Jungkommunisten" ins Auge, und dass Olga auf die Frage von Shenja, ob es einen Gott gäbe, diese schlicht und ergreifend antwortet: "Ach lass mich in Ruhe mit deinen Dummheiten. Es gibt nichts Dergleichen." fiel mir dann doch mehr als betrüblich auf.

Stutzig macht mich, dass im Buch weder der Übersetzer noch der Zeichner genannt sind. Ist das Urheberrecht abgelaufen? Trotzdem wäre es aber doch fair gewesen, Übersetzer und Zeichner mit Namen zu nennen.

Arkadi Gaidar hat sein berühmtestes Werk Timur und sein Trupp 1940 geschrieben, da war er sechsunddreißig Jahre alt. 1941 war er als Kriegskorrespondent der "Komsomolskaja Prawda" an der Front, als Maschinengewehrschütze in einer Partisanenabteilung. Er fiel im selben Jahr bei Kanew (Ukraine). Dort steht heute sein Denkmal. Übrigens: Sein Enkel  Jegor Gaidar* war 1992 russischer Premierminister.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 * Der liberale russische Reformpolitiker und angesehene Wirtschaftsexperte Jegor Gaidar ist im Dezember 2009 im Alter von  53 Jahren überraschend gestorben. Unter dem früheren Präsidenten Boris Jelzin war Gaidar 1992 kurze Zeit kommissarischer Regierungschef. Gaidar gilt als Chefideologe der Marktreformen und hatte den Übergang von der sowjetischen Plan- zur kapitalistischen Marktwirtschaft vorangetrieben. Er war in der russischen Regierung auch Vize-Regierungschef und Finanzminister, bis er 1994 als führender Kopf in die liberal-demokratische Opposition wechselte. "In einer Zeit fundamentaler Umbrüche übernahm er die Verantwortung für unbeliebte, aber notwendige Maßnahmen", sagte Kremlchef Dmitri Medwedew. Regierungschef Wladimir Putin nannte Gaidars Tod einen "herben Verlust für Russland, für uns alle". Weggefährten würdigten Gaidars Rolle in der jüngeren Geschichte des Landes. Er habe Russland in den 1990er Jahren vor Hungersnot und Zerfall gerettet, sagte der frühere russische Premier Anatoli Tschubais. Der ehemalige Vize-Regierungschef Boris Nemzow sagte, Gaidar habe damals einen Bürgerkrieg verhindert.

Rochus Zentgraf, IT-Spezialist aus Gotha/Thüringen schrieb am 7. Dezember 2012:

Ich bin erst dieser Tage wieder auf Nikolai Ostrowski und auf sein Werk "Wie der Stahl gehärtet wurde" gestoßen. Und dabei habe ich auch Ihre kritische Rezension gelesen, der ich voll und ganz zustimmen kann. Ostrowski hat zwar mit seiner ganzen Willenskraft seine schwere Krankheit gemeistert, trotzdem bleibt er für mich eine tragische Figur. Er hing einer Illusion nach in dem Glauben, seinem Vaterland zu dienen. Dass er damit einem Verbrecher und Massenmörder folgte, hat er zum Glück nie erfahren. Und auch, dass Sozialismus und Kommunismus nicht realisierbar sind, ja schlimmer noch, dass diese gesellschaftlichen Optionen von niemandem gewollt waren, das wäre für ihn sicher ein Schock gewesen. Also wenn schon Wiederveröffentlichung, dann, wie Sie richtig sagen, mit einem der heutigen Zeit angepassten Vor- und Nachwort.

Weitere Rezensionen zu "Kinder- und Jugendbuch-Klassiker":
  • Grigori Bjelych / Leonid Pantelejew, Republik der Strolche.
  • Nikolai Ostrowski, Wie der Stahl gehärtet wurde.

Am 26.05.2005  ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 07.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Auch ein kleiner Mensch kann große Gedanken haben.
Sprichwort der Russen

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