Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN

Die Jakuten nennen sich selbst Sacha, das heißt Mensch

Über die Republik Sacha (Jakutien)
Jakutien
Sibirien von Sibirien
Zweisprachig Deutsch / Englisch
Mit 116  Schwarz-Weiß-Photos, Format: 24,5 x 32 cm
Benteli Verlag, Bern 2003, 160 S.

Vor mir liegt ein Buch über ein Land, das es mit dem Namen Jakutien nicht mehr gibt; denn Jakutien, zur Russischen Föderation gehörig, ist seit dem 27. September 1990 souverän und heißt seit Unterzeichnung des Föderationsvertrages im März 1992 Republik Sacha. Diese Angaben vermisse ich im Buch Jakutien. Sibirien von Sibirien und wundere mich über den veralteten Titel. In dem Kapitel "Das schlafende Land" klärt uns Monika Muskala  über den merkwürdig anmutenden Untertitel auf: "Vorstellungen, die man landläufig mit Sibirien verbindet - der grenzenlose Raum, die Abgeschiedenheit der Taiga, die Reichtümer der Natur, nicht zu sprechen von der sibirischen Kälte - müssen in Bezug auf Jakutien nach oben korrigiert werden. Aus diesem Grunde wird Jakutien das `Sibirien von Sibirien´ genannt.

Von Andreas Horvath, österreichischer Fotograf und Filmemacher, der die Republik Sacha im vergangenen Jahrzehnt mehrmals bereiste - sind die 116 Photos, von Monika Muskala die Texte. Es scheint so, als wären die beiden auch mal gemeinsam in der Republik Sacha unterwegs gewesen; denn drei Fotos in diesem Bildband stammen von der Textautorin. Im Vorwort dieses Buches geht Andreas Horvath auf ihre Zusammenarbeit leider nicht ein.

Die Republik Sacha - Sacha ist schon immer die Selbstbezeichnung der turksprachigen Jakuten und bedeutet Mensch - ist weit hinter dem Ural im Nordosten Sibiriens gelegen, sieben Zeitzonen von Moskau entfernt. 1581 hatte sich eine forsche Expedition unter dem Kosakenführer Jermak auf den Weg nach Sibirien gemacht - dem östlichen terra incognita. Etwa 140 Volksstämme werden unterworfen, christianisiert und - dezimiert. Heute gibt es in Sibirien noch etwa 30 kleine Urvölker. Sibiriens Reichtum an Zobeln machte das bis dahin unbedeutende Moskauer Zarenreich zur Weltmacht. Und auch die Sowjets nutzten die sagenhaften Reichtümer Jakutiens: Pelze, Erdöl, Gold, Diamanten... Die Republik Sacha hat eine Ausdehnung von der Fläche Westeuropas und wird von nur etwa einer Million Menschen (zumeist Russen**) bewohnt, nur knapp vierhunderttausend von ihnen gehören zur Namen gebenden Völkerschaft. Sibiriens größter Fluss, die Lena, der am Baikalsee entspringt und nach 4 300 Kilometern in das Eismeer mündet, fließt durch Sacha. Die Temperaturunterschiede zwischen Sommerhitze und Winterkälte erreichen hier sagenhafte einhundert Grad Celsius; in Werchojansk, dem Kältepol der Erde, wurden schon siebzig Grad gemessen. Andreas Horvath war sommers und winters dort, davon zeugen seine Photos, die die so unterschiedlichen Gegebenheiten dieses widersprüchlichen Landes widerspiegeln. Horvaths Photos, alle Schwarz-Weiß und oft zwei- oder ganzseitig (so dass die Seitenzahlen dran glauben müssen) beeindrucken: Wunderschön das zweiseitige Photo mit den Wildpferden an der Lena; schön anzusehen die Photos voller Lebenslust - tanzende Schönheiten, musizierende Männer, badende Familien; beeindruckend das Photo mit der endlosen Weite und den Lichtmasten, vom Nebel eingehüllt; faszinierend das Photo mit dem großen Heuhaufen und dem kleinen Kirchlein. Und immer wieder Porträts, so nah, dass man ein einzelnes Härchen auf dem Kinn (S. 31), ein winziges Muttermal neben der Nase (S. 32/33) erkennt und jede einzelne Falte zählen kann (S. 116). Wir sehen auch marode Hochhäuser und Dörfer, die im Morast zu versinken scheinen (S. 30), Orte mit Tümpeln, in denen alte Autoreifen schwimmen (S. 35), Siedlungen mit Dreckpfützen, in denen Kinder spielen...

Gewundert habe ich mich über diesen Satz in den ansonsten gut geschriebenen und informativen Texten von Monika Muskala: "Angesichts der unüberwindbaren Entfernungen und der Unwirtlichkeit der Umgebung kommt sich der Mensch in Sibirien klein und verloren, unbedeutend und einsam vor." Ich war als Reporterin wohl an die zehnmal in Sibirien und weiß von dem Stolz der dortigen Menschen, "Sibirier" zu sein. Sollte sich dieser Stolz nach dem Zerfall der UdSSR und dem Beginn der Marktwirtschaft verloren haben? Oder was soll dieser Satz: "Die Plätze, einst für den sowjetischen `Übermenschen´ erschaffen, wirken erdrückend." Auf daneben stehendem Bild ist ein lang gestrecktes einstöckiges (Kultur-) Haus zu sehen, verziert mit Ornamenten und Volkskunst. Für den sowjetischen "Übermenschen" erbaut? Auch auf den Folgeseiten keine Spur von "Übermenschen". Die Bilder  - ein für die Hauptstadt Jakutsk bescheidenes Lenindenkmal, ein Hammer-und-Sichel-Emblem, auf dem ein Kind herumturnt, meist vierstöckige Hochhäuser, "die in einem Netz aus Heizungs- und Leitungsrohren gefangen sind", unansehnlich überirdisch verlegt --- wegen des ewig gefrorenen Bodens nämlich!

Beeindruckend dagegen die Bilder von den Spuren der Gefangenenlager (der Gulags) in Sibirien: zerfallende Behausungen, Stacheldrähte, Totenstätten...: "Irgendwo hinter dem Hügel, der zur Bucht abfällt, liegen in Stille und Finsternis die Toten. In den Erinnerungen der Häftlinge habe ich gelesen", schreibt der Pole Ryszard Kapuściński in seinem "Imperium", "der Dauerfrostboden (...) habe die Leichen so konserviert, dass die Gesichter der Begrabenen sogar ihren Ausdruck bewahrten. Die Gesichter von Menschen, die etwas gesehen haben, was der Mensch nicht sehen darf." 

"Die Ureinwohner", so Monika Muskala, "haben sich an dem stalinistischen Todesapparat nicht beteiligt - trotzdem leiden sie unter einem tiefen Schuldgefühl. Man hat ihre Heimat, vor allem die im animistischen Glauben verehrte Natur, missbraucht und zur Komplizin der Henker gemacht."

Die Texte dieses Buches (vom Bundeskanzleramt, der Literaturabteilung des Magistrats der Stadt Salzburg und dem Amt der Salzburger Landesregierung gesponsert, in Tschechien bestens gedruckt) sind zweisprachig Deutsch/Englisch. Vielleicht meinte der Verlag, dass die meisten Bilder keiner Kommentierung bedürfen, denn leider kommen zu viele Bilder textlich nackt und bloß daher. Doch siehe da, auf der allerletzten Buchseite befindet sich eine Bildlegende mit den unter den Photos fehlenden Bildangaben. Doch auch sie sind allzu karg, oft besteht die Information nur aus der Angabe des Ortes. Einige (wenige) fotografierte Menschen werden auf wenigen Zeilen biographisch beleuchtet, zum Beispiel Ludmila Olejnikowa: Sie ist am Don, im Süden Russlands, aufgewachsen. Nach Jakutien kam sie vor dreißig Jahren, weil ihr Mann beim Kartenspiel verloren hatte. "Es war die sibirische Variante von russischem Roulette: der Verlierer musste für sich und seine Familie ein Einwegticket nach Sibirien lösen."

Wer noch mehr Einzelheiten über die eisige Republik Sacha (über das Verhältnis von Russen und Sacha-Jakuten/über deren Turksprache und deren Religion/über deren Kultur und Bräuche, über ihre alte und heutige Lebensweise...) erfahren möchte, dem sei der Text von Klaus Bednarz "Östlich der Sonne. Vom Baikalsee nach Alaska" (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck 2003) wärmstens empfohlen.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

Weitere Rezensionen zum Thema "Republik Sacha (Jakutien)":

  • Klaus Bednarz, Östlich der Sonne.
  • Iwan Gontscharow (Ivan Gončarow), Für den Zaren um die halbe Welt.
  • Tatjana Kuschtewskaja, Mein geheimes Russland. Reportagen.
  • Edeltraud Maier-Lutz, Flußkreuzfahrten in Rußland.
  • Markus Möller / Ronald Prokein, Lenareise.
  • Dietmar Schumann, An der Lena flußabwärts.
  • Stefan Sullivan, Sibirischer Schwindel. Zwei Abenteuerromane.
  • Bodo Thöns, Sibirien entdecken.

Am 03.02.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Aufkäufer und Wiederverkäufer sind ohne Kreuz.
Sprichwort der Sacha (Jakuten)

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