Kinderbuch-JugendbuchREZENSIONEN

Wie ein russisches Kind und zwei japanische Kinder Freunde werden...

Russe
Blaues Meer und weißes Schiff
Mit einem Vorwort von Uwe Kant
Aus dem Russischen: leiv Leipziger Kinderbuchverlag GmbH
Mit Illustrationen von Simone Waßermann
leiv, Leipziger Kinderbuchverlag, Leipzig 2005, 151 S.

Endlich einmal ist ein Buch des Leipziger leiv Verlages mit einem Vorwort versehen. Es stammt von dem bekannten deutschen Kinderbuchautor Uwe Kant. Der teilt den Lesern u. a. mit, dass er vor dreißig Jahren in einem merkwürdigen Land lebte, in dem "ein Buch kaum mehr kostete, als heutzutage eine McDonalds-Spaß-Bulette samt einer Pappe Cola". Wegen des geringen Preises kaufte sich der Autor viele Bücher, auch "Die weiße Orangeade" [zum Preis von 11,80 Ostmark] mit fünf umfangreichen Erzählungen, eine davon die Titel gebende Erzählung von Gennadi Maschkin, die heute Blaues Meer und weißes Schiff heißt. Leider hat Uwe Kant das Buch damals nicht gelesen. Er stellte das Buch "damals zurück ins Regal aus einem ziemlich doofen Grund: Es hieß seinerzeit "[Die] Weiße Orangeade" und trug den Namen eines Getränks, das ich mein Lebtag verabscheut habe." Und so hat Herr Kant das Buch mit dreißig Jahren Verspätung - so schreibt er - gelesen. Richtiger wäre vierzig Jahre gewesen, denn es war im Berliner Verlag Kultur und Fortschritt bereits 1967 erschienen. Den Kindern damals, so behauptet Uwe Kant, sei ein schönes Buch entgangen, "weil es meine merkwürdige Regierung in meinem merkwürdigen Land lieber ein bisschen vor ihnen versteckte". Versteckte? Weil die Geschichte von dem Jungen Gera in einer umfangreichen Anthologie erschien - zusammen mit Erzählungen von Sergej Antonow, Juri Nagibin, Alexander Jaschin, Wladimir Amlinski?

Worum geht es in Blaues Meer und weißes Schiff? Der dreizehnjährige Gerassim, genannt Gera, hat einen Vater, der im Krieg kämpft. Aus dem Krieg kehrt er in seine fernöstliche Heimatstadt Chabarowsk zurück. Er gehört zu den Siegern, ist bedeckt mit Orden. Aber im Frieden findet er sich schwer zurecht. Die Kinder - Gera hat einen kleinen schwindsüchtigen Bruder - sind ihm fremd geworden, die Frau ebenfalls, das ganze Leben. Da der Vater in Chabarowsk keine angemessene Arbeit findet, beschließt er, mit seiner Familie und der Großmutter auf die "karge, sturmgezauste Insel Sachalin umzuziehen. Die Meeresluft wird gut sein für den kleinen Sohn, den kranken Jurik, eine Arbeit wird sich finden, man könnte fischen gehen, womöglich Tabak anbauen. Schließlich - so überlegt er, werden ja gerade die besiegten Japaner von Sachalin vertrieben.

Sachalin? Japaner?

Sachalin (japanisch Karafutō) wurde 1640 von Kosaken, 1643 von holländischen Seeleuten erreicht und erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts von dem französischen Seefahrer J. F. La Pérouse (1787) und dem russischen Admiral A. J. von Krusenstern (1805) erforscht. 1855 errichtete Russland, das seit 1853 den nördlichen Teil besaß, und Japan, das von jeher im Besitz des südlichen Teil der Insel war, eine gemeinsame Verwaltung. 1875 kam ganz Südsachlin im Austausch gegen die Kurilen-Inseln  an Russland. 1890 hatte der russische Schriftsteller Anton Tschechow Sachalin besucht, um über die Sträflingsinsel zu berichten. 1905 - nach dem Russisch-japanischen Krieg - erhielt Japan den Süden der Insel zurück, der dann 1945  an die Sowjetunion fiel.

Als die Japaner darauf warteten, von ihrer Regierung nach Japan zurückgeholt zu werden, trifft Gera mit seiner Familie auf Sachalin ein. Gera ist bewaffnet mit einer Patrone von einem schweren MG, einem selbst gebastelten Revolver mit Bleiknauf, nagelneuen, aus einer Gasmaske geschnittenen Schleudern und zwei Leuchtraketen, die man ohne Pistole abfeuern konnte. Gera kommt mit dem festen Vorsatz nach Sachalin, seinen Großvater zu rächen, der als Partisan von den Japanern gefangen genommen und bei lebendigem Leibe auf dem rot glühenden Rost einer Lokomotivfeuerung verbrannt worden war. Deshalb hat Gera in einem Schulkursus Japanisch gelernt, denn "Partisanen müssen die Sprache der Feinde verstehen."

Doch dann lernt Gera auf Sachalin die japanischen Geschwister Iwao und Sumiko kennen, dem Mädchen Sumiko rettet er das Leben, sonst wäre es ertrunken. Wie die Freundschaft zu Iwao und Sumiko immer mehr Geras Hassgedanken und seinen jugendlichen Heldenwahn verdrängt, das ist wirklich eine schöne Geschichte. Und fast noch schöner ist, dass die Erwachsenen - beschämt durch das Beispiel der Kinder - mit den 1945 noch auf  Sachalin lebenden Japanern Frieden schließen. Dabei hatte Sumiko einst gedacht, Russen und Japaner würden nie Freunde werden, sie würden immer wie Hund und Katze sein.

Warum sollte diese zu Herzen gehende Geschichte in Uwe Kants merkwürdigem Land "versteckt" worden sein? "Vielleicht", schreibt Kant, "weil die Sieger darin, unsere armen Sieger waren und so sehr Verlierern glichen?" Vielleicht, so vermute ich,  weil Geras Vater - der Medaillen geschmückte Kriegsheld - zum Säufer mutiert.

Der Geschichte von Gennadi Maschkin (geboren 1936 in Chabarowsk) reflektiert die Welt des Ich-Erzählers Gera sehr glaubwürdig, ohne jeden erhabenen, patriotischen oder moralisierenden Unterton. Auch Maschkin war 1945 für einige Jahre nach Sachalin gekommen, heute lebt der Autor im sibirischen Irkutsk. - Als Übersetzer aus dem Russischen nennt der Verlag sich selbst. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich diese Übertragung ins Deutsche als korrigierte Fassung von Regina Czora-Margolis, die die Übersetzung der 1967er Ausgabe besorgte. - Die (scheinbar) naiven Zeichnungen von Simone Waßermann könnten von dem zeichnerisch talentierten Gera stammen, der mit Bleistift und den allerletzten Farbstiftstummeln malt, was ihm in den Sinn kommt - auch das weiße (Traum-)Schiff Orangeade. -  Schade, dass man weder in dem feinfühligen und spannenden Buch noch in dem interessanten Vorwort etwas erfährt über die fruchtbar-exotische Insel Sachalin (die ich 1988 bereiste) und auch nichts über die Ureinwohner dieser Insel, über die Ainu*, Niwchen und Oroken.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

   * Aus: Gisela Reller, Von der Wolga bis zu Pazifik, Tradition und Umgestaltung, Bei den Tuwinern, Kalmyken, Niwchen und Oroken, Verlag der Nation, Berlin 1990, Seiten 172-175: Insel für drei Ainu (gekürzt):

"Nach seinem Besuch auf der Insel Sachalin schrieb  Anton Tschechow über die Ainu: `Die hiesigen Eingeborenen, die Urbevölkerung Süd-Sachalins, gaben auf die Frage, wer sie seien, weder Stamm noch Nation an, sondern antworteten einfach: ein Ainu. Das heißt - ein Mensch... Leider haben die Russen mit der Freiheit nicht auch Reis gebracht; nachdem die Japaner weg wagen, ging niemand mehr fischen, die Einkünfte versiegten, und die Ainus begannen Hunger zu leiden. Sich wie die Giljaken [Niwchen] allein von Fisch und Fleisch zu ernähren, brachten sie nicht mehr fertig, sie brauchten Reis, und darum begannen sie, von Hunger vertrieben, trotz ihrer Abneigung gegen die Japaner, nach Matsmai abzuwandern.´ (...)

Der Herkunft der Ainu ist bis auf den heutigen Tag umstritten. So sah der russische Ethnograph Sternberg in ihnen Nachkommen einer australischen Rasse; der französische Anthropologe Montandon rechnete sie zur europoiden Rasse; ein Engländer kam zu dem Schluß, daß sie Nachkommen von Juden seien, die in grauer Vorzeit hierher verschlagen wurden; japanische Gelehrte glauben eine Beziehung zwischen den Ainu und finnougrischen Stämmen entdeckt zu haben; der russische Ethnograph Schrenck meint, sie seien ein paläoasiatisches Volk, das von alters her durch mongolische Stämme vom Festland auf die Inselrandgebiete verdrängt wurde... Einig sind sich die Forscher darin, daß die Ainu dann später von Süden nach Norden vertrieben worden sind, von der Wärme in die Kälte, und so ständig bessere Bedingungen gegen schlechtere eingetauscht haben. Einig sind sich auch alle Forschungsreisenden und Gelehrten über die Freundlichkeit und Gutherzigkeit dieses Volkes. Krusenstern schwärmt: `Solche wahrhaft seltenen Eigenschaften, die sie nicht einer gehobenen Bildung, sondern allein der Natur verdanken, erwecken in mir die Empfindung, daß ich dieses Volk für das beste von allen, die mir bisher bekannt sind, ansehen müßte.´ (...)

Auch Anton Tschechow widmete den Ainu, die wie die Niwchen im Winter in Erdhöhlen lebten, viele Seiten seines Sachaliner Reiseberichtes (...), zum Beispiel schreibt er: (...) Sie sind nicht kriegerisch und vertragen keine Gewaltanwendung.´

(...) Anatoli Chapatschew, einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter des Jushno-Sachalinsker Heimatmuseums - ein 1937 erbautes sehr hübsches altjapanisches Häuschen mit Spitzdächern und geschnitzten Simsen -, bestätigt Tschechows Begründung für die Auswanderung vieler Ainu: `Die Ainu besaßen eine von den Vorvätern ererbte Vorliebe für Reis. Der Mangel an Reis stellte für die Ainu eine so ernste Entbehrung dar, daß nach 1947 weitere Ainu den Lockungen der Japaner folgten und ihre angestammte Heimat verließen.´

Heute leben auf Sachalin noch drei Ainu. Mit Nachwuchs ist nicht zu rechnen, denn die jüngste Ainu-Frau ist einundfünfzig Jahre alt. (...)

Jahrzehntelang glaubte man, die Sachaliner Ainu seien ganz und gar ausgestorben oder hätten sich mit den Japanern vermischt. 1985 nun erschien in Japan ein Buch über die "Karafutō-Ainu", die Sachaliner Ainu, es sollen etwa zwölftausend sein [die in Japan als Ainu leben].

 

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  • Wladimir Arsenjew, Der Taigajäger Dersu Usala.
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  • Lothar Deeg, Kunst & Albers.
  • Dietmar Schumann, An der Lena flußabwärts.
  • Bodo Thöns, Sibirien entdecken.

Am 06.03.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 10.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Sprich nicht als Erster das letzte Wort.
Sprichwort der Niwchen
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