Reiseliteratur / Bildbände REZENSIONEN

Reiseland Russland - ohne "Touristenrudel, Slawistik-Studium und Bodyguard"
Deutscher, Schweizerin; über Russland
Russland auf eigene Faust
Ratgeber für Urlaub und Business
NachRussland-Reihe, Band 1
Books on Demand, Norderstedt 2007, 122 S.
Wer über touristische Sehenswürdigkeiten informiert werden will, hat mit diesem Ratgeber für Russlandreisende zum falschen Buch gegriffen. "Dieser Ratgeber (...) fängt dort an, wo die Reiseführer enden", schreiben die Autoren von Russland auf eigene Faust. In diesem Buch - mit der ansprechenden Umschlaggestaltung von Ekaterina Novakovskaya - finden sich statt Kirchen, Paläste, Klöster, Museen... Tipps und Infos, um das Land auf eigene Faust zu erkunden. Bathon und Ravioli versprechen Informationen zu allen Reisearten und für jedes Budget, von der Ankunft vor Ort über Themen wie Versorgung bis zu den notwendigen Formalitäten. "Zusätzlich gibt es viele Buchtipps [Von mir sei besonders hingewiesen auf "KulturSchock Russland" von Barbara Löwe], Adressen und Weblinks für die Planung der eigenen Traumreise nach Russland."

Und so erfährt der zukünftige Reisende alles über Flugreisen, Fluggesellschaften, Flugpreise. Der Vielgereiste Roland Bathon hat natürlich auch immer einige Tricks parat, wie was wo billiger zu haben ist, z. B. der Flug nach Russland über Prag. Über Flugsitten lässt er uns wissen, dass der deutsche Brauch, dem Kapitän bei der Landung zu applaudieren, in Russland nicht üblich ist, dass sich der (weltweit größte) Duty-Free-Bereich in Scheremetjewo preislich nicht lohnt, dass das Personal des Flughafens Domodedowo am freundlichsten ist, dass es vorkommt, dass gigantische Taxipreise (90 Euro für 5 Kilometer) von Scheremetjewo 2 nach Scheremetjewo 1 gefordert werden... Und so ausführlich und kompetent wie über die Flugreisen wird auch über das Unterwegs mit dem Auto, dem Mietwagen, dem Taxi, der Eisenbahn, dem Nahverkehrszug, dem Bus, dem Trolleybus, dem Fahrrad (Fahrradwege gibt es - scheint´s - in ganz Russland nicht.) und dem Schiff geplaudert. Will man per Anhalter durch Russland reisen - " (...) die wagemutigste Art, Russland zu durchqueren." - so strecke man den Arm in Richtung Straße leicht nach unten aus, etwa im 45 Grad-Winkel. Dieser Grad-Winkel scheint äußerst wichtig zu sein, denn er wird uns an drei verschiedenen Textstellen ans Herz gelegt.

Natürlich teilen uns die Autoren auch mit, wo überall man sein müdes Haupt zur Ruhe betten kann, was man in Russland am meisten isst und trinkt, wie man sich beim Einkaufen verhält, und man bekommt auch einige nützliche allgemeine Verhaltensregeln mitgeteilt, z. B., bitteschön, "keinen kleinen Joint für unterwegs" einzustecken. Zu Etikette und Verhaltensregeln hätte ich mir zusätzlich einige Zeilen zu russischen Namen und Anreden gewünscht, denn da ist doch einiges gewöhnungsbedürftig.

Was die Exkurse anbelangt (auf grauer Fläche abgesetzt), so hätte dem Büchlein auch mal eine richtig bewegende Geschichte einer menschlichen Begegnung mit Einheimischen gut zu Gesicht gestanden. Wenn man wie Roland Bathon auf eigene Faust reist, dann muss man doch auch mal etwas besonders Erzählenswertes erleben?!

Russland auf eigene Faust ist bei Books on Demand erschienen, einem Selbstverlag. Nicht nur dass die Autoren solcher Verlage für die Herstellung des Buches zur Kasse gebeten werden, stehen in der Regel auch keine Lektoren, schon gar keine Korrektoren beratend und helfend zur Seite. Und so ist es fast unvermeidlich, dass sich Fehler einschleichen, die man bei seinen eigenen Texten dann oftmals nicht entdeckt. Das kennt jeder Schreiber! Hier sind es vor allem zahlreiche orthographische Fehler und fehlende Satzzeichen. Vielleicht sollten Bathon und Raviolo einen guten Freund oder eine gute Freundin bitten - vielleicht Spatz und Mausi, denen das Buch gewidmet ist - den ganzen Text noch einmal auf Fehler zu lesen.

Auf vier Fehler sei konkret hingewiesen, damit sie in einer eventuellen überarbeiteten Neuauflage nicht wieder auftauchen: Auf S. 78 steht falsch die Rote Rübensuppe Borsch, richtig heißt sie Borschtsch, russisch Борщ; der russische Buchstabe "щ" wird, wie die Autoren auf Seite 100 selbst schreiben "schtsch" ausgesprochen und in der Umschrift geschrieben. - Auf S. 81 steht falsch Buratino, richtig heißt der Lügenlümmel Burattino; ebenso steht falsch Pinoccio, richtig heißt der aus Holz geschnitzte Junge, der lebendig wird, Pinocchio. - Auf S. 85 ist im Kapitel "Wichtige Verhaltensregeln" im Abschnitt "Gesundheit" zu lesen: "Russen gehen im Regelfall zu Ärzten, die ihnen empfohlen werden oder mit denen sie persönlich bekannt oder verwandt sind. (...) Sind Sie irgendwo tief in der Provinz, brauchen sie sich nur bei den Leuten nach dem nächsten `Fälscher´ zu erkundigen. Diese Art der Medizin mag zwar nicht zeitgemäß sein, aber Fälscher sind erstaunlich gut, insbesondere bei Unfällen und Erkrankungen, die typisch bei der Landbevölkerung sind." Fälscher?  Da können doch nur Feldscher gemeint sein. Feldscher gehören in Russland zur höchsten Stufe des mittleren medizinischen Personals, zu DDR-Zeiten etwa mit dem Arzthelfer vergleichbar. Früher - und deshalb ist die Bezeichnung "Feldscher" oft in Büchern über die Ostfront des zweiten Weltkrieges zu finden - war der Feldscher ein Militärarzt unterster Stufe, der sich besonders mit der Wundbehandlung auskannte - ein Wundarzt.

Aufmerksam gemacht sei auch auf die Paginierung (Seitennummerierung). Da die Umschlagseiten nicht mitzählen, zählen die Buchseiten ab 1 (nicht ab 3). Ungünstig finde ich auch die verwirrenden Häkchen bei den Aufzählungen, vielleicht könnte man sich ab Band 2 zu weniger aufdringlichen Pünktchen oder Gedankenstrichen entschließen.

Von der Schweizerin Sandra Ravioli wissen wir, dass sie seit 1992 in Russland lebt und als Privatdozentin für diverse Universitäten tätig ist. Nebenher arbeitet sie als Produktmanager für unterschiedliche Unternehmen und betreibt als Hobby das Russlandnetz, einen selbst organisierten Service für Unternehmensberatung, Übersetzungen und Individualreisen, in dem Hochschuldozenten aus ganz Russland tätig sind. Ich hätte gern mehr erfahren über Roland Bathon der als Vielreisender, bereits zehn Trips zwischen Ostsee und Sibirien selbst organisiert und durchgeführt hat und seit fünf Jahren  im Internet mehrere Russland-Reiseseiten betreibt. Die Homepage der NachRussland-Reihe (die fortgesetzt werden soll) findet sich unter www.buecher.nachrussland.de. Wie alt ist Roland Bathon, dass er sich solche strapaziösen Reisen zumutet? Ist er sportgestählt? (Sicherlich hat Roland Bathon doch auch einen Gepäck-Tipp für Russlandreisende auf eigene Faust?) Reisen Bathon und Ravioli gemeinsam? Hat er geschrieben und sie das Manuskript gar nicht gelesen? Als Privatdozentin muss sie doch des Russischen mächtig sein? Hat der eine seine Eigene-Faust-Reiseerfahrung eingebracht, die andere ihr Individualreisen-Faktenwissen beigesteuert? Das Buch mit seiner Doppelautorenschaft wirft solche (und andere) Fragen auf. Aber vielleicht bin ich auch nur allzu neugierig. Wichtig ist, dass ein sehr informatives Buch dabei herausgekommen ist, das anderen wagemutigen Russlandreisenden beim Überleben hilft - ohne "Touristenrudel, Slawistik-Studium und Bodyguard"...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

Roland Bathon schreibt am 06.09.2007:

Hallo Frau Reller,

vielen Dank für Ihre fundierte und tief gehende Rezension. Es freut mich, dass Sie unser Buch informativ  fanden und offenbar Spaß am Lesen hatten.

Zu Ihrer Kritik. Das schwache Lektorat kann ich weder bestreiten noch beschönigen. Sie haben die Ursache ganz richtig erkannt. Ich habe jedoch inzwischen eine sehr nette Lektorin gefunden und gelobe Besserung. Auch von "Russland auf eigene Faust" wird es zu gegebener Zeit eine Überarbeitung geben. Wenn auch nicht von Mausi, weil das meine vierjährige Tochter ist.

Reiseerlebnisse wird jedoch die Überarbeitung nicht enthalten. Wir haben absichtlich einen Ratgeber "pur" geschrieben - keine Regionenschilderung, keine Reiseerlebnisse. Hier bietet der Buchmarkt schon einiges, was sich zu lesen lohnt (siehe auch unser Literaturverzeichnis). Aber eben kein spezielles Buch für Individualreisende - hier ist die Lücke in den Reiseführern, die wir schließen wollten. So haben wir Regionales nur erwähnt, wenn es für den Rat wichtig war, also wir differenzieren mussten. Wir wollten das Buch absichtlich dünn halten und so einen niedrigen Preis für viel Inhalt und handliches Format ermöglichen. Wir wollen möglichst viele Leute auf eigene Faust nach Russland schicken, und sie sollen das Buch einfach mitnehmen können.

Am Ende sei noch die Neugier der Kritikerin befriedigt. Ich bin 36 und das Gepäckproblem hab ich selbst noch nicht ganz gelöst (wenn es soweit ist, schreibe ich darüber ein Buch). Mit Frau Ravioli bin ich noch nicht gereist und hab sie real nicht mal getroffen - unsere Zusammenarbeit ist ein Produkt des WWW. In der Tat habe ich das Buch aus Reisenden-Sicht geschrieben und sie es aus dort Lebenden-Sicht überarbeitet.

Viele Grüße

Roland Bathon

 

Weitere Rezensionen zum Thema "Russland":
  • Lewis Carroll, Tagebuch einer Reise nach Russland im Jahre 1867.
  • Kurt Drawert / Blaise Cendrars, Reisen im Rückwärtsgang.
  • Claudia Erdheim, Eindrücke.
  • Andrea Hapke / Evelyn Scheer, Altrussische Städte. Moskau und der Goldene Ring.
  • Natalia Liublina / Christian Skreiner, Russland A-Z / Россия A-Я. EUROPA ERLESEN.
  • Barbara Löwe, KulturSchock Russland.
  • Edeltraud Maier­Lutz, Flußkreuzfahrten in Rußland.
  • Sonia Mikich, Planet Moskau.
  • Thomas Roth, Russisches Tagebuch.
  • Michail Schischkin, Venushaar.
  • Gregor M. Schmidt / Christa Damkowski, Moskau und der Goldene Ring.
  • Dietmar Schumann, An der Lena flußabwärts.
  • Elfie Siegl, Russischer Bilderbogen. Reportagen aus einem unbegreiflichen Land.

Am 29.08.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Der Dumme verurteilt, der Kluge beurteilt.

Sprichwort der Russen

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