Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN

"Ich kann nur eines: Zeugnis ablegen."

Über Kasachstan
Kasachstan
Eine Reise durch das postkommunistische Zentralasien
Aus dem Französischen von Barbara Mantey-Panchaud
Mit 81 Schwarz-Weiß-Fotos der Autorin
edition q, Berlin 2002, 285 S.

Durch Zentralasien reist die in Genf lebende Laurence Deonna nicht, sondern höchstens durch Mittelasien, aber auch das tut sie nicht, sondern sie weilt lediglich in Kasachstan - wie es der Haupttitel ihres Buches ja auch richtig aussagt.

Kasachstan, zwischen Europa und Asien gelegen, ist fast achtmal so groß wie Deutschland, hat aber nur 16 Millionen Einwohner. Es grenzt an China, an Kyrgysstan, Usbekistan, Turkmenistan und (im Westen) an das Kaspische Meer. Seit 1991 ist die Republik Kasachstan von der Sowjetunion unabhängig.

Laurence Deonna - Präsidentin der Organisation "Reporter ohne Grenzen" für die Schweiz - reist in einer Dezembernacht 1998 das erste Mal nach Kasachstan. Da sind seit meiner eigenen ersten kasachischen Reise zehn Jahre vergangen. Bis auf dem fehlenden Stöpsel im Waschbecken erkenne ich Kasachstan ein Jahrzehnt später kaum wieder... Zwar begegnen einem noch Landschaften in alter Schönheit, aber sonst hat sich soviel verändert, das man sich nicht mehr im selben Lande wähnt... Und auch das so anheimelnd grüne Alma-Ata (heute: Almaty) ist nicht mehr die Hauptstadt des Landes, sondern das wind- und sandstaub geplagte Astana; der kasachische Präsident wollte es so...  der Präsident Nasarbajew, über den wir im Januar 2003 in der Zeitung lasen, dass er über Schweizer Geheimkonten verfügt, auf denen sich eine Milliarde US-Dollar befindet, die aus Ölkonzessionen stammt; angeblich ist das Geld nicht für den persönlichen Gebrauch des Präsidenten bestimmt, sondern als Staatsreserve für Notzeiten.

Die Autorin spricht mit Menschen aller Schichten: vom "gewendeten" kommunistischen Funktionär bis zum Imam, vom neuen "Businessman" bis zum Volkssänger, von der engagierten Journalistin bis zu nomadisierenden Hirten. In den Gesprächen geht es um die Familie und den kasachischen Alltag, um den wirtschaftlichen Transformationsprozess, die dabei auftretenden enormen Schwierigkeiten und immer wieder auch um die Frage von Islam und Islamismus - kein Wunder, denn nur wenige hundert Kilometer südlich von Kasachstan liegt der Krisenherd Afghanistan. Wir lernen Menschen kennen, die dem Leben in der Sowjetunion nachtrauern, und solche, die sich in der neuen "Businesswelt" ausgesprochen wohl fühlen. Wir werden mit den Gedanken von Künstlern und Wissenschaftlern, Popen und Muftis, Feministinnen und Russen, die in Kasachstan nicht mehr ihr zu Hause sehen, vertraut gemacht; breiten Raum nimmt "Die lange Saga der Deutschen von Kasachstan" ein, und ausführlich kommen die Opfer der ökologischen Katastrophe des austrocknenden Aralsees zu Worte. "(...) unter der Bevölkerung, die in der Gegend am Aralsee geblieben ist, sind 80 Prozent kranke Menschen: Speiseröhrenkrebs mehr als 20 %, Asthma und Herzprobleme mehr als 10 %. Bei den Kindern fünfmal mehr Bluterkrankungen als im übrigen Land. 70 % der Frauen mit hohem Eisenmangel. (...) Krankheiten, die von den Behörden nicht weiter ausgebreitet werden, die einem aber nicht mehr aus dem Kopf gehen. Etwa diese Frauen mit total gestörter Schilddrüsenfunktion, oder Frauen, bei denen der Zink- und Trontiumgehalt des Blutes die Normwerte bei weitem überschreitet." Unvergesslich der Besuch der Autorin bei der kranken Zitane Anagambetowa, die sich, vierzig Jahre alt, nur noch kriechend fortbewegen kann... Äußerst beeindruckend auch die Ausführungen der Deonna über das Atomversuchsgebiet Semipalatinsk im Nordosten Kasachstans: "Die gesamte Vernichtungskraft der in Semipalatinsk zwischen 1949 und 1989 durchgeführten 476 Explosionen, erst in der Luft und dann unter der Erde, soll das 2 600 fache der Atombombe betragen haben, die 1945 über Hiroshima abgeworfen wurde. Mit Hilfe des Windes haben die radioaktiven Substanzen ein Gebiet von 300 000 Quadratkilometern verseucht, drei Provinzen mit mehr als zwei Millionen Menschen sind davon direkt betroffen." An dieser Stelle sei auf das beeindruckende Buch "Die Hölle von Semipalatinsk" (1992, Aufbau-Verlag) von Igor Trutanow aufmerksam gemacht.

Kasachstan - ein sehr lesenswertes Buch, auch für diejenigen, die die Ereignisse in diesem mittelasiatischen Land in unseren Medien verfolgen. Laurence Deonna, Reporterin seit 35 Jahren, schreibt ausgesprochen engagiert, fotografiert gut, ihr Titelbild auf dem Schutzumschlag ist ausstellungswürdig.

Aber: "Töte einen Deutschen" (S. 162) ist kein Gedicht, sondern ein Flugblatt aus dem Kriegsjahr 1942: "Töte den Deutschen! fordert die Mutter. Töte den Deutschen! bittet Dich das Kind. Töte den Deutschen! schreit die Heimaterde." (Auszug)  Und: der Text zu diesem Front-Flugblatt stammt nicht von Konstantin Simonow, sondern von Ilja Ehrenburg. Dies ein Versehen, das ich der Autorin nur schwer verzeihen kann! Außerdem befürchte ich nach dem Entdecken solcher Fehler stets weitere Ungenauigkeiten.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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  • Andrej Kurkow, Petrowitsch.
  • Ella Maillart, Turkestan solo.
  • Abdishamil Nurpeissow, Der sterbende See.
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  • Rollan Seysenbajew, Der Tag, als die Welt zusammenbrach.
  • Igor Trutanow, Die Hölle von Semipalatinsk.
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Am 30.04.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Viele Freunde, mit denen man ein Geheimnis teilen, nur ein Freund, der es hüten kann.
Sprichwort der Kasachen

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