Kinderbuch-JugendbuchREZENSIONEN

Aljoscha und sein Puschelhuhn
 
Russe
Die kleine schwarze Henne
Nacherzählt von Sybil Gräfin Schönfeldt
Mit ganzseitigen farbigen Illustrationen von Gennadij Spirin
Esslinger Verlag, Esslingen/Wien 2000, 23 x 31 cm, 32 S.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag 17 von Iwan Heinz.)

Leider kenne ich die Ursprungserzählung von Antony Pogorelskij* (1787-1836) nicht, kann sie auch in keiner Bibliothek ausfindig machen... Die Nacherzählung von Sybil Gräfin Schönfeldt jedenfalls ist kindgerecht und spannend.

Die Geschichte handelt von dem kleinen Aljoscha, der auf dem Lande lebt, weit hinter dem Ural. Als er ein Schulkind geworden ist, bringen ihn seine Eltern nach St. Petersburg in eine Internatsschule. Er kann nie heimfahren, weil sein Zuhause so weit weg ist und die Reise so teuer wäre. In den Ferien bleibt er als einziges Kind in der Schule und hat oft Heimweh. Weil er von zu Hause daran gewöhnt ist, Tiere zu versorgen, und weil zur Schule ein Gemüsegarten und ein Geflügelhof gehören, erlaubt ihm der Schuldirektor, sich um die Hühner zu kümmern. Aljoschas Lieblingshuhn ist eine kleine schwarze Henne mit einem roten Federpuschel auf dem Kopf. Aljoscha nennt sie liebevoll "mein Puschelhuhn". Eines Tages will die Köchin aus Aljoschas Puschelhuhn eine schmackhafte Suppe kochen. Da gibt ihr Aljoscha die Goldmünze, die ihm seine Großmutter zum Abschied geschenkt hat, und die Köchin greift sich ein anderes Huhn. In der Nacht darauf  kommt die kleine schwarze Henne zu Aljoscha ans Bett und bedankt sich dafür, dass er sie gerettet hat und --- entpuppt sich als Zwergen-Minister in Menschengestalt. Mit einer ganzen Schar weiterer kleinwüchsiger Leute mit einem König an der Spitze führt das Völkchen in einem unterirdischen Reich unter dem Schulhaus ein prächtiges Leben. Für die Lebensrettung ihres Ministers darf sich Aljoscha etwas wünschen. Und was wünscht sich der Faulpelz? "Ich möchte alle Schulaufgaben können, ohne lernen zu müssen." Natürlich ist an der Erfüllung des Wunsches eine Bedingung geknüpft...

Am Ende der Geschichte erweist sich alles als ein Fiebertraum, denn Aljoscha ist lange krank gewesen. Als er wieder gesund ist, greift er zu seinen Schulbüchern und liest und lernt besonders eifrig.

Die Germanistin und Kunsthistorikern Dr. Sybil Gräfin Schönfeldt hat Pogorelskijs Geschichte reizvoll nacherzählt - schließlich wurde sie schon mit dem Deutschen Erzähler- und Jugendpreis ausgezeichnet. Illustriert hat das besonders hübsche Kinderbuch Gennadi Spirin, dessen Lieblingsgeschichte in seiner Kindheit die von der kleinen schwarzen Henne war. 1948 bei Moskau geboren, lebt er heute mit seiner Familie in den USA; Modell für den kleinen Aljoscha stand sein Sohn Andrej. Die ganzseitigen farbigen Illustrationen Spirins sind filigran ausgeführte Bilder mit vielen Details. Liebevoll ausgemalt sind die Möbelbezüge, das Sofakissen, das Teetöpfchen auf der Kommode, das russische Kopftuch, die Ritterrüstungen, die Knöpfe, Rüschen, Perücken und natürlich das Federkleid von Puschelhuhn.

Rundum ein schönes Kinderbuch? Ja, aber ein Kinderbuch von vier Jahren an, wie der Verlag meint? Nein, die Illustrationen werden erst Zwölfjährige zu schätzen wissen und den Text ganz sicher erst Sechs-, wenn nicht gar Siebenjährige.

Da erinnere ich mich an ein Gespräch im (DDR-)Buchhändler-Ferienheim in Bad Lauenstein. Zur gleichen Zeit mit mir, die ich Verlagsbuchhändlerin gelernt habe, verbrachte hier auch der Verleger Arno Holz seinen Urlaub. Ihm gehörte der renommierte Kinderbuchverlag Arno Holz. Bitter beklagte er sich damals über Kinderbuchillustratoren, die ihre Zeichnungen nicht dem altersgerechten Text eines Kinderbuches anzupassen verstehen. Schlimm genug meinte er, wenn Mütter ihren Sprösslingen zu große Strumpfhosen kaufen, in die sie reingewachsen sind, wenn diese schon völlig durchlöchert sind. Genau so sträflich finde ich, wenn Verlage unverantwortliche Altersangeben machen. Und geradezu unsinnig scheint mir, wenn der Text eines Kinderbuches für eine andere Altersgruppe geeignet ist, als es die dazugehörigen Illustrationen sind.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Antony Pogorelskij (Pseudonym  für Alexej Alexejewitsch Perowskij), unehelicher Sohn des Grafen A. K. Rasumowskij, der ihn nach seinem Gut Perowo nannte und dafür sorgte, daß er Adelsrang und eine gute Ausbildung erhielt. Pogorelski studierte ab 1805 an der Moskauer Universität, trat in den Staatsdienst, zeichnete sich als Offizier im Feldzug gegen Napoleon aus und hielt sich nach Beendigung des Kriegs zwei Jahre in Dresden auf, wo er sich mit der deutschen Literatur, besonders mit dem Werk von E. T. A. Hoffmann, bekannt machte. Seit 1822 lebte Pogorelskij teils auf seinem Gut Pogoreltzy, teils in Petersburg, war zeitweilig Prokuror des Unterrichtswesens in Charkow und nahm aktiv an der fortschrittlichen literarischen Bewegung der russischen Romantik teil. Er pflegte die phantastisch-surrealistische Erzählung im Stil von E. T. A. Hoffmann. Von Hoffmanns "Nußknacker und Mäusekönig" ist auch die Märchenerzählung "Das schwarze Huhn" ["Die kleine schwarze Henne"] beeinflußt, die 1829 erschien. Pogorelskij schrieb sie für seinen Neffen, den späteren Dichter Alexej Konstantinowitsch Tolstoj (1817-1875), dessen Erziehung Pogorelskij seine  letzten  Lebensjahre  widmete."  Aus: "Die  steinerne  Blume", Märchen russischer Dichter und Erzähler, 3. Auflage, Manesse Verlag 1996; hierin fand ich am 11.11.2005 endlich auch die Ursprungserzählung.

 

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Am 11.03.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 03.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Ein Hühnchen als Mädchen, als Frau - ein Schäfchen.
Sprichwort der Russen
 

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