kinderbuch-jugendbuchREZENSIONEN

"Ohne Freunde macht das Leben keinen Spaß."

Russe
Krokodil Gena und seine Freunde
Aus dem Russischen von Hans Zimmermann
Mit Illustrationen von Jara Capek
leiv, Leipziger Kinderbuchverlag, Leipzig 2005, 78 S.

Eduard Uspenski hatte in seiner Kindheit drei Lieblingsspielsachen: ein riesiges Gummikrokodil namens Gena, die kleine Plastikpuppe Galja sowie ein plumpes Plüschtier mit dem ungewöhnlichen Namen Tscheburaschka. "Tscheburaschka war in einer Spielzeugfabrik hergestellt worden, aber er war so schlecht gemacht, dass es unmöglich war, zu entscheiden, ob er ein Hase, ein Hund, eine Katze oder gar ein australisches Känguru war. Uspenskis Eltern behaupteten, dass Tscheburaschka ein der Wissenschaft unbekanntes Tier sei, das in tropischen Urwäldern lebe.

Seitdem sind viele Jahre vergangen und Eduard Uspenski - inzwischen einer der bedeutendsten russischen Kinderbuchautoren - hat für seine Kindheits-Gefährten eine Geschichte erfunden. "Es versteht sich von selbst, dass die Drei im Buch keine Spielsachen sind, sondern Lebewesen - wie du und ich." In Krokodil Gena und seine Freunde geht es Uspenski um Freunde und Freundschaft; denn "ohne Freunde macht das Leben keinen Spaß".

Das sich einsam fühlende Krokodil Gena schreibt also ein Plakat, mit dem er Freunde sucht. So lernt er Galja und Tscheburaschka kennen. Nachdem sie festgestellt haben, wie schön es ist, sich gegenseitig zu besuchen, zusammen Kaffee zu trinken, sich zu unterhalten und miteinander Schach zu spielen, wollen sie allen Menschen und Tieren helfen, die keine Freunde haben. Da der Andrang  groß ist, beschließen sie, ein "Haus der Freundschaft" zu bauen, das sie später in einen Club umwandeln. Damit alles noch spannender wird, hat der Autor zusätzlich die bösartige, aber dumme Hexe Schapoplack erfunden, die mit Menschen und Tieren ihren Schabernack treibt.

Eduard Uspenski, von dem wir schon das schöne Buch "Väterchen Fjodor, der Kater & der Hund" kennen, war sich bestimmt sicher, das sein Buch Kindern auch von Papa und Mama, Opa und Oma vorgelesen wird; denn kräftig verteilt er Hiebe, die doch wohl die Erwachsenen nachdenklich stimmen sollen.  Zum Beispiel schwätzt eine Giraffe viel unsinniges Zeug, und der Autor schreibt: "Das ist in unseren Zeiten häufig so, nicht nur bei Giraffen." Oder der Autor schildert den Beamten Iwan Iwanowitsch, der grundsätzlich immer nur die Hälfte genehmigt. "Wenn ich alles genehmige, hält man mich für zu gutmütig, und die Leute tanzen mir auf der Nase herum. Wenn ich gar nichts mache und alles ablehne, dann hält man mir vor, dass ich ein Faulenzer bin und alle nur bei der Arbeit störe. Aber so kann niemand etwas Schlechtes über mich sagen." Oder wenn ein aufgeblähter Lokaljournalist statt von einem Stockwerk von zehn Stockwerken schwafelt. Spätestens wenn sich Tscheburaschka wünscht, "Held der Arbeit" zu werden, weil er das böse Nashorn in eine enge Gasse lockte, wo man es gefahrlos einfangen konnte, fragt sich der Leser, wann das Buch geschrieben wurde. Aber weder im Buch selbst, noch im neuesten dreißigbändigen Brockhaus, noch im Internet fand ich einen einzigen Hinweis darauf oder gar eine Biographie Uspenskis.

Ungeachtet dessen: Das Krokodil Gena und seine Freunde wurde in Russland verfilmt und feiert als Buch große Erfolge - Uspenski wurde für den Hans-Christian-Andersen-Preis nominiert; Tscheburaschka, das Plüschtier, war das Maskottchen des russischen Olympiateams; Krokodil Gena und seine Freunde wurde in Japan millionenfach verkauft; Wladimir Kaminer zeigt auf seiner Russendisko-Tour im Hintergrund Krokodil Gena als Zeichentrickfilm...

Dank des Leipziger Kinderbuchverlages - der sich auf osteuropäische Kinder- und Jugendbuchliteratur spezialisiert hat -, ist Krokodil Gena und seine Freunde nun auch auf Deutsch erschienen - feinsinnig übersetzt von Hans Zimmermann, mit kindgerechten, einprägsamen Zeichnungen versehen von Jara Capek. Die Herausgabe russischer Kinderliteratur (z. B. von Sutejew und Wolkow) ist besonders verdienstvoll, weil der Osten jenseits von Warschau und Prag Niemandsland der Kinderliteratur geworden ist - in der Bundesrepublik nach der Wende; denn zu DDR-Zeiten erschienen zahlreiche Kinderbücher aus russischer Feder.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  1 Die (etwa 137,4 Millionen) Russen leben in der Russischen Föderation/Russland; die Hauptstadt ist Moskau. Das Russische ist die von den meisten Menschen gesprochene ostslawische Sprache. Ihre ältesten Sprachdenkmäler stammen aus dem 11. Jahrhundert.  - Die gläubigen Russen sind orthodoxe Christen.

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Am 06.03.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 08.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Hast du einen Freund, lass den Pfad zu seinem Haus nicht zuwachsen.
Sprichwort der Russen
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