kinderbuch-jugendbuchREZENSIONEN

Von vielen Tieren und einem Bären ohne Wintervorrat

Russen
Fröschlein, Bär und Ziegenbock
Aus dem Russischen von Aljonna Möckel
leiv Buchhandels- und Verlagsanstalt GmbH, Leipzig 1997, 88 S.

Beim Leipziger leiv Verlag sagt man, "Kinderbücher sind die Erinnerungen der Zukunft" - womit gemeint ist, dass Dinge, mit denen man aufwächst, lange nachwirken - auch in der nächsten und übernächsten Generation. Deshalb wohl boomen die Kinderbücher, die zu DDR-Zeiten Renner waren - neudeutsch würde man Bestseller sagen - auch heute wieder. Im Osten Deutschlands! Die beim Leipziger Kinderbuchverlag (LeiV) wieder aufgelegten russischen Kinderklassiker (z. B. "Lustige Geschichten" von Wladimir Sutejew und die Fantasy-Geschichten von Alexander Wolkow) erleben in den neuen Bundesländern sozusagen eine Renaissance.

Seit 1997 verlegt leiv wieder Fröschlein, Bär und Ziegenbock mit Texten von Sutejew (geboren 1903), Michalkow (geboren 1913)  und Proysen (1914-1971), jeweils illustriert von Wladimir Sutejew, dessen "Lustige Geschichten" inzwischen eine Auflage von zweihunderttausend Exemplaren erreicht haben.

Zur Freude meines Enkels Lenny - aus der übernächsten Generation - sind in Fröschlein, Bär und Ziegenbock auch wieder Katzen mit von der Partie, in der ersten Geschichte ein angelnder Kater, der den Fuchs, den Wolf und den Bär zum Narren hält. - In "Vorrat für den Bären" will der tapsige Meister Petz erst Häschens Möhren als Wintervorrat anlegen, dann des Igels Pilze, dann Eichhörnchens Nüsse, dann des Katers Fische, dann die Hühner und Enten vom Fuchs. Doch aus allem wird nichts, weil der wankelmütige Bär sich nicht entscheiden kann. "Was soll man dazu sagen", piepst ein Mäuschen. Ja wirklich, was soll man dazu sagen? Beide Vorfälle sind typische Sutejew-Geschichten - immer mit einem Quentchen Lerneffekt.

Sergej Michalkows "Fröschlein Eigensinn" und "Wie Julia essen lernte" sind gereimt: "Julia will nicht mehr essen, / Milch und Brot, ihr könnt´s vergessen. / `Iss dein Eichen, Julitschka!´ / `Nein, es schmeckt nicht, Großmama!´ / `Hier mit Wurst, die schöne Schnitte, / Nimm doch dieses Süppchen bitte.´ / `Nein und nein, lasst mich in Ruh´, / Und sie hält den Mund sich zu. / `Hier der Klops ist wirklich fein.´/ `Nein und nein und nochmals nein.´/ Kalt wird Julkas Mittagessen,´ / Hat nicht lang am Tisch gesessen. / `Fehlt dir etwas, Julitschka?´/ `Mir fehlt wirklich nichts, Mama.´/ `Einen Bissen, einen Schluck"´/ `Oma, nein, ich hab genug.´/ `Machst uns Kummer, Julitschka´, / Mama ist den Tränen nah. / Dünn und dünner wird ihr Mädchen, / Ist schon beinah wie ein Fädchen." - Neben Julitschka, die doch noch essen lernt, kann man sich in "Wie Julia essen lernte" mit vielen Tieren anfreunden: Mit Fröschen, Hasen, Vögeln, Affen, Mücken, Mäusen, einem Pferd, einem Elefanten, einem Bären, einem Maulwurf, einem Wildschwein...

Alf Proysen, der dritte Texter im Bunde, erzählt vom "Ziegenböckchen, das bis zehn zählen konnte". Erst von den Tieren (Kälbchen, Kuh, Bulle, Pferd, Schwein) geschmäht und verfolgt, lassen die fünf schon genannten Tiere und Hahn, Kater, Hund, Hammel ihn am Ende hochleben. Woher der Wandel --- das wird nicht verraten.

Verraten wird im Buch leider auch nichts über die drei Autoren. Was ich besonders schade bei Sergej Michalkow finde, dem Nestor der sowjetischen Kinderliteratur. Michalkow* war Kinderbuchautor, Märchenerzähler, Dramatiker, Komödienschreiber, Prosaist, Übersetzer, Publizist, Szenarist, Chefredakteur eines satirischen Filmjournals und - ein sehr bekannter Fabeldichter.

Tief beeindruckt war Michalkow einst von den Worten Samuil Marschaks, dass nur jener Kinderbuchschriftsteller bestehen könne, der Phantasie, Humor und Gefühl besäße und noch in älteren Jahren wie ein Kind wirklich zu spielen verstehe; Marschak war Schriftsteller und Leiter der Kinderbuchabteilung des Staatsverlages in Leningrad; er gewann auch Daniil Charms als Mitarbeiter. Und Alexej Tolstoi, "der rote Graf", sagte einmal zu Michalkow: "Dir gelingen am besten Verse, in denen du von der Folklore, vom volkstümlichen Humor ausgehst. Vielleicht solltest du Fabeln schreiben." Viel später, als Michalkow schon berühmt war, schrieb er: "Ich gedenke häufig in Dankbarkeit seines [Alexej Tolstois] Weitblicks, er vermochte es, in meinen Versen für Kinder das Element der Fabel zu erkennen und mir einen neuen richtigen Weg in der Wahl des Genres zu weisen." Michalkows "Der Hase im Rausch" ist das populärste Werk dieses Genres in der russischen Literatur: "Der Hase war, berauscht, auf Streit versessen. / `Der Löwe? Pah, was kann der mir? / Am liebsten würde ich ihn selber fressen. / Mir ist danach. Doch leider ist der Kerl nicht hier. / Ich schere ihm das Fell, haha, / und jag´ ihn nackt nach Afrika!´" - Der Löwe hört diese prahlerischen Worte des Hasen - und schwupp hat er ihn am Kragen: "`Da hab ich also den Halunken, / der meine wohlverdiente Ruhe stört. / Ein kleines Häschen. Unerhört. / Und, wie ich sehe, stark betrunken!´ / Dem Hasen war der Rausch vergangen, / er wollte nur noch fortgelangen. / `Nun ja ... Habt Mitleid... Laßt es Euch erklären... / Ich war bei Freunden. Bester Alkohol / floß dort in Strömen, doch: Auf Euer Wohl, / auf Eure Frau Gemahlin und zu Ehren / Eurer Kinderchen. Wer kann sich dem verwehren?!´ / Der Löwe war gerührt, und ohne weitre Fragen / ließ er den Hasen frei. / Der Löwe konnte zwar Betrunkene nicht ertragen, / doch liebte er ... die Speichelleckerei." (Nachdichtung von Waldemar Dege)

Wahrheit, Ehrlichkeit, gesunder Menschenverstand, gesellschaftliche Verantwortung werden in den Fabeln Michalkows gewürdigt; satirisch entlarvt dagegen werden "aufgeblasene Autoritäten", das Nachplappern fremder Meinungen, blindes Vertrauen in die Obrigkeit, stumpfsinniger Bürokratismus, Wichtigtuerei, Heuchelei, Neid, die Furcht vor Verantwortung. Michalkows großes Thema war die Erziehung der Kinder: "Der Mensch beginnt mit der Kindheit. Gerade in der Kindheit erfolgt die Aussaat des Guten. Aber erst nach Jahren wird klar, ob die Samen des Guten aufgegangen sind oder das Unkraut des Bösen sie verdarb. Die Aufgabe eines jeden von uns ist es, zu helfen, daß die Samen des Guten aufgehen.´" Und so handelt denn auch unter allen Tiergeschichten in Fröschlein, Bär und Ziegenbock die Geschichte von Sergej Michalkow von dem kleinen Mädchen Julitschka.

Es ist schade, dass der leiv Verlag bei seinen "Nostalgiebüchern" keine Nachworte dazu gibt. Sicherlich, für kleine Kinder wären sie noch unverständlich. Aber für die vorlesende Mutti oder die Oma wären sie eine Bereicherung.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 * Sergej Michalkow ist 2009 im Alter von 96 Jahren gestorben. Die Bücher Michalkows - er ist auch der Dichter der sowjetischen und der russischen Nationalhymne - erreichten eine Gesamtauflage von 300 Millionen Exemplaren.

 

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Am 14.11.2006 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 10.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Biene und Fliege werden kein Gespann.
Sprichwort der Russen

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