Kinderbuch-JugendbuchREZENSIONEN

Geschrieben mit der rechten Hand, gezeichnet mit der linken...

Russe
Lustige Geschichten
leiv, Leipziger Kinderbuchverlag, Leipzig 2004, 13. Auflage

Was für eine freudige Überraschung: Sutejews Lustige Geschichten sind wieder im Buchhandel. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts habe ich sie unserer Tochter Katharina vorgelesen, in den neunziger Jahren unserem Enkel Sebastian; in dem Buch haben beide Kinder Hahn und Kücken ausgemalt. Nun freue ich mich darauf, diese lustigen Geschichten bald meinem Enkel Lenny (gerade ist er ein Jahr alt geworden) in neuer (13.) Auflage vorzutragen. Zwei Geschichten sind zu den "alten" hinzugekommen: "Stöckchen Retter-in-der-Not" und "Der Apfel".

In der ersten der dreizehn Geschichten "Das Küken und das junge Entlein" meint das Küken, auch alles zu können, was das Entlein kann. Als es ins Wasser springt, um mit der Ente ein bisschen zu schwimmen, wäre es fast ertrunken... - In "Drei Kätzchen" ist eines schwarz, eines grau, eines weiß. Wie alle drei einmal schwarz und einmal weiß werden, das ist amüsant und katzenlustig. - "Unter dem Pilz" hat bei einem Regenguss (im Buch veraltet Regenguß) zuerst nur gerade so eine Ameise Platz, später findet noch ein Schmetterling, ein Mäuschen, ein Spatzenjunges und sogar ein Hase Unterschlupf... Wie es zuerst für die Ameise fast zu eng war und zuletzt alle fünf Tiere Platz fanden, das müssen die Kinder selbst erraten. - In "Wer hat miau gesagt?" kann der Hund Kulli erst dann ruhig schlafen, als er nach einigen Such-Abenteuern weiß, wer Miau gesagt hat. - In "Räder groß und klein" verspottet der Hase einen Hahn, einen Igel, einen Frosch und eine Fliege, weil die vier sich mit einem Wagen abschleppen, der verschieden große Räder hat. Als der Hase dann zu Besuch kommt, schämt er sich, weil er seine Gastgeber einst verspottet hatte; denn Hahn, Igel, Frosch und Fliege hatten mit "kundiger Hand" viel Nützliches aus den Rädern gemacht. - Und so begegnen uns auch noch ein Käfer, ein Wolf, ein Fuchs, ein Bär, eine Krähe, eine Gans, ein Gänserich, ein Schwan, ein Pelikan, ein Kranich, ein Rabe, ein Pfau, Eulen, Eichhörnchen, ein Schneemann und Großväterchen Frost - alle entzückend (ja, entzückend!) gezeichnet vom Autor Sutejew (geboren 1903), der von sich sagte: "Ich bin glücklich, mich den Kindern gewidmet zu haben." Und: "Ich habe ein Geheimnis: Ich schreibe mit der rechten und zeichne mit der linken Hand. So weiß jede, was die andere tut." Der Verdiente Kunstschaffende Wladimir Sutejew war einer der ersten sowjetischen Zeichner und Regisseure von Zeichentrickfilmen und Illustrator von Kinderbüchern vieler beliebter russischer Autoren. Seit Mitte der vierziger Jahre schrieb er für die Kleinen auch selbst die Texte zu seinen Bilderbüchern.

Gewundert habe ich mich darüber, dass Sutejews drei Kätzchen kohlschwarz sind. Ich dächte, es müsste kohlrabenschwarz oder rohrrabenschwarz heißen. Aber siehe da, der neueste Duden (von 2006) erlaubt auch kohlschwarz (obwohl Kohl doch nur weiß, rot oder grün ist...). - Gestört hat mich, dass die Texte im Buch nicht der neuen Schreibweise angepasst sind. Aber vielleicht wollte der Verlag auf die endgültige (endgültige?)  Rechtschreibreform der Rechtschreibreformen warten. - Unangenehm berührt hat mich, dass bei leiv (Leipziger Kinderbuchverlag) kein Übersetzer genannt ist; in meinem Buch aus dem Moskauer Progress Verlag stehen  H. Angarowa, L. Labas und F. Leschnitzer.

Lustige Geschichten ist für Kinder vom 3. Lebensjahr an geeignet, da heißt es, sich noch zwei Jahre gedulden, bis ich die pädagogisch ausgefeilten Geschehnisse meinem Enkel Lenny vorlesen kann.

Kürzlich schrieb der Leseforscher Bodo Franzmann, dass es "außerordentlich schwierig" sei, "Nicht-Leser im Erwachsenenalter noch zum Lesen zu bringen. Lesen ist im extremen Maß ein angelerntes Verhalten, das sich von frühester Kindheit an entwickelt - oder eben nicht. Ganz wichtig ist, stellt Franzmann fest, "ob in einer Familie den Kindern von frühester Kindheit an vorgelesen und erzählt wird." Das sei die Basis. Sprachentwicklung und frühe Leseförderung finde in Elternhäusern statt. Leider sei es so, wie bei einer Erhebung des statistischen Bundesamtes festgestellt wurde, dass nur in einem Drittel der Haushalte mit Kindern im Vor- und Grundschulalter vorgelesen wird. Das heißt, zwei Drittel der Kinder müssen auf diese elementare Anregung verzichten. "Und wenn jemand diese frühen Anregungen nicht bekommen hat, wird er später auch kein Leser werden. (...) Aber wer einmal vom Lesebazillus befallen ist, wird immer wieder zum Lesen zurückkehren." Auf die Frage, wie ein als Leser sozialisierter Mensch in die Gefahr geraten kann, Nicht-Leser zu werden, antwortet Bodo Franzmann: "In der Pubertät wenden sich viele Menschen vom Lesen ab - vorübergehend. Das ist das Alter, in dem sich Aktivitäten nach außen verlagern und man viel mit Freunden zusammen ist. Dann, bis zum 20. Lebensjahr nimmt die Lektüre wieder deutlich zu."

Lustige Geschichten ist zum Angucken und zum Erzählen - weiß ich aus Erfahrung - schon bei einem Kind von sechzehn Monaten an sinnvoll.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 24.10.2006 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 03.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Tiefer See, besonnene Enten.
Sprichwort der Russen

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