Belletristik REZENSIONEN

Schonungslose Kritik am Staat

Russe
Wie man eine Giraffe wird
Gedichte
Russisch und Deutsch. Übertragen von Rudolf Stirn,
W. Kuprijanow, Kay Borowski, Felix Philipp Ingold,
Gerald Bisinger, Gisela Kraft, Richard Pietraß
Illustrationen: I. Spellenberg
ALKYON VERLAG, Weissach i. T. 1998, 129 S.

Wjatscheslaw Kuprijanow wurde 1939 in Nowosibirsk als Sohn eines Ärzteehepaares geboren, sein Vater fiel 1942 an der Front. Nach dem Abitur und einem Jahr Arbeit auf dem Bau wurde er in die Leningrader Kriegsmarine-Hochschule aufgenommen. 1960 verließ er das Militär und setzte sein Studium am Moskauer Institut für Fremdsprachen (Deutsch, Französisch und mathematische Linguistik) fort, er lebt heute in Moskau.

Kuprijanow ist dem deutschen Leser nicht unbekannt, denn von ihm wurden bei uns u. a. die Gedichtbände "Das Wagnis des Vertrauens" (1987), "Aufforderung zum Flug" (1990) und "Eisenzeitlupe" (1996) verlegt. Wie man eine Giraffe wird erscheint bereits in 3. Auflage, verändert und erweitert.

Immer schon kritisierte Kuprijanow in seinen Gedichten schonungslos die politische Situation in Russland. So schrieb er sein erstes satirisches Poem bereits 1959, es erschien aber erst fünfunddreißig Jahre später (1994, Moskau). Wegen seiner kritischen Haltung gegenüber seinem Staat wurden mehrere seiner Gedichte erst Jahrzehnte später veröffentlicht. Auch in den sowjetischen Schriftstellerverband wurde er erst 1976 aufgenommen, obwohl er bereits seit 1967 als freischaffender Schriftsteller und Übersetzer arbeitete. Aus dem Deutschen übersetzte Kuprijanow Hölderlin, Novalis, Chamisso, Hofmannsthal, Rilke, Brecht, Enzensberger, Grass, Bobrowski u. a.

Die Gedichte in diesem Band sind bissig ("Denkmal für einen unbekannten Idioten") und liebenswürdig (In mein Gesicht/hab ich all die Gesichter/meiner Geliebten aufgenommen/Wer kann jetzt noch sagen/dass ich nicht schön bin), sind satirisch ("Hippo-Poem") und heiter (Wenn man ganz einfach von Huhn zu Huhn reden möchte), sind mahnend (In einer Welt/die einmal war/stellt man/um die Wälder/zu retten/Zäune auf/Erst/als die Bäume/alle zu Latten/verarbeitet waren/stellt man fest:/der Schutz/für die Wälder/wurde ordnungsgemäß/durchgeführt/In einer Welt/die einmal war) und nachdenklich ("Ich versuch´s zu finden").

Die Gedichte von Kuprijanow sind bis jetzt außer in Russland und Deutschland in Polen, Jugoslawien, Bulgarien, Holland, Sri Lanka und in Großbritannien erschienen.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 18.01.2002 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Krüppel werden nicht geboren, sondern gemacht.
Sprichwort der Russen


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