Belletristik REZENSIONEN

Glimmende Menschen? Rauchende Männer?

Litauer
Tauchstunden
Gedichte
zweisprachig litauisch / deutsch
Aus dem Litauischen übertragen von Mala Vikaite und Viktor Kalinke
Edition Erata, Leipzig 2003, 138 S.
 
Laurynas Katkus, geboren 1972, gehört einer neuen litauischen Dichtergeneration an. In kraftvollen Bildern beschreibt er sowjetische Kindheit und Jugend zwischen Indianergeheul und Panzerparade, Punkkonzert und Neubaugebiet. "Das eigene Leben, vor und nach der Wende, verwebt sich mit historischem Geschehen zu einer privaten Weltgeschichte, die intime Einblicke in das Heute eines jungen Europäers gewährt", schreibt "Die virtuelle Literaturzeitschrift".

Von seinem Gedicht "Хлеб [Brot] 1972" hier zwei Übersetzungen zum Vergleich. Stammt die erste Fassung von der Litauerin Akvilė Galvosaitė (Sie wurde mir zur Frankfurter Buchmesse 2003 zugänglich.), so stammt die zweite von Mala Vikaite und Viktor Kalinke, veröffentlicht in Tauchstunden:

Хлеб 1972

Duftet Gas und Sauertag.
Schräggestellt auf dem Gehweg
die Laster: schräge Buchstaben,
rote Zitzen unterm Bauch.

Glimmende Menschen
entladen
noch einen Neugeborenenjahrgang,
fluchen, ritualhaft.

Schwarze, blinddichte Ziegel
verraten nicht,
wann ist die Blockade zu End:
wie Geruch, unerwartet.

Halb sechs. In Gärten des Umlandes
stiebt der Regen,
und durch den Boulevard kullert
ein Kümmelkörnchen.

Halb sechs. Halbgötter,
wir sind tief in dem Weichen,
nicht hochgegangen, noch unberührt
von Sonne und von der Stahlhand.
Хлеб 1972

Es riecht nach Gas und Sauerteig.
Schräg auf dem Fußweg
die Autos: schräg die Buchstaben,
rote Unterleibszitzen.

Rauchende Männer
entladen
Generation Neugebackener,
fluchend nach alter Gewohnheit.

Schwarze Backsteine, fest,
geben nicht preis
wann die Blockade endet:
unverhofft, der Duft.

Halb sechs. In den Vorstadtgärten
feiner Regen,
auf die Straße kullert
sämiger Kümmel.

Halb sechs. Halbgötter,
tief stecken wir im Teig,
noch nicht aufgegangen, noch unberührt
von Stahl - und Sonnenhand.

Auch wenn man des Litauischen nicht mächtig ist, scheint Fassung zwei die gelungenere. Oder?

Zur Frankfurter Buchmesse 2003 hörte ich Laurynas Katkus sagen, dass er nach der Befreiung aus der "Einzelzelle des individualistischen Gefängnisses" der Lyrik suche. Ist ihm das mit seinen Gedichten in Tauschstunden gelungen? Wie sehr besonders bei einem Lyriker, wenn er im Ausland verlegt wird, der Übersetzer die Qualität seiner Gedichte mitbestimmt, zeigt sich deutlich an den beiden Fassungen des Gedichts "Brot 1972". In der Berliner literaturWERKstatt wurde Laurynas Katkus (2002) von seinem Landsmann, dem Lyriker Herkus Kuncius (rhetorisch) gefragt, ob es nicht besser wäre, in einer anderen Sprache zu schreiben, auf Deutsch vielleicht oder gleich auf Englisch? Laurynas Katkus aber bevorzugt es weiterhin, in seiner so wenig verbreiteten Sprache zu dichten wie es das Litauische ist...

Viktor Kalinke, einer der beiden Übersetzer von Fassung zwei gründete vor sieben Jahren zusammen mit der Graphikerin und Buchgestalterin Marion Quitz die Edition Erata; der Schriftsteller, Übersetzer und Psychologe wurde Verleger. Die Übersetzung von Tauchstunden wurde durch "Bücher aus Litauen" mit Mitteln des Kulturministeriums der Republik Litauen finanziert. "Bücher aus Litauen" ist eine nichtkommerzielle Organisation, die 1998 zur Förderung der litauischen Literatur im Ausland gegründet wurde. Bisher hat der ATHENA-Verlag in Oberhausen die meisten deutschen Übersetzungen aus dem Litauischen herausgegeben (siehe das jeweilige Verlagsverzeichnis in den Kategorien Belletristik und Sachbuch dieser Homepage.)

Leider ist bei Tauchstunden nach Seite 71 durch eine Blindseite die Abfolge litauisch/deutsch unterbrochen, und es steht nun jeweils auf der linken Seite das Gedicht in litauisch und auf der Seite danach stehen (statt daneben) die ins Deutsche übertragenen Verse - so dass ein Vergleich der beiden Übertragungen wesentlich erschwert wird.

Laurynas Katkus ist Lyriker und Übersetzer. Er studierte Lituanistik und Komparistik in Vilnius, sowie vergleichende Literatur in Vilnius und  Leipzig. Er arbeitete in der Landwirtschaft, beim Radio, im Verlagswesen, sowie als Dolmetscher. 1998 debütierte er mit dem Gedichtband "Balsai, rašteliai" ("Stimmen und kleine Briefe"). Seine  Gedichte  wurden  ins Englische,  Slowenische, Polnische, Lettische und Deutsche übersetzt. Katkus übertrug u. a. Hölderlin, Benn, Rilke, Hoffmannsthal; William ButlerYeats und Susan Sontag. Zur Zeit arbeitet Katkus als freischaffender Schriftsteller. Er wohnt in Vilnius.

Ich hoffte, in der website www.litauen-info.de mehr über Laurynas Katkus zu erfahren, aber leider fand sich in der Kategorie Literatur rein gar nichts über den so gar nicht unbekannten Lyriker.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 06.12.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.
 

Ein Bastschuh passt zu keinem Lackstiefel.
Sprichwort der Litauer

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