Belletristik REZENSIONEN

Staatswurst aus Mäusefleisch

Russin
Kys
Deutsch von Christiane Körner
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2003, 367 S.
Beginnt man zu lesen, ohne vom Inhalt des Buches schon gehört zu haben, ist man erst einmal baff; denn Hasen flattern von Wipfel zu Wipfel, einen schwarzen Hasen muss man in sieben Wassern kochen, damit er nicht giftig ist, den Menschen ist es über, "immer nur Mäuse und Mäuse" zu essen... Bald versteht man, dass es sich um einen Zukunftsroman handelt (Science-Fiction im herkömmlichen Sinne ist es nicht...) Kys spielt nach dem Großen Knall (einer Atomkatastrophe?), der die Welt in Schutt und Asche gelegt hat. Die Handlung ist in dem elenden Städtchen Fjodor-Kusmitschsk angesiedelt, vor zweihundert Jahren war es das strahlende Moskau. Fjodor-Kusmitschsk, auf sieben Hügeln erbaut, ist von Feldern umgeben, soweit das Auge reicht. "Im Norden sind tiefe Wälder mit Knüppelholz, verschlungne Zweige lassen dich nicht durch, stachlige Büsche fassen nach deinen Hosen, Äste reißen dir die Mütze vom Kopf." In diesen Wäldern, wissen die alten Leute zu erzählen, haust die Kys. Sie sitze auf dunklen Zweigen und schreit, wild und klagend: Kyyyys!Kyyyys! Aber sehen kann sie keiner. "Kommt nur von ungefähr ein Mensch in den Wald, springt sie ihm von hinten aufs Genick: Hopp! Und packt mit den Zähnen das Rückgrat: Knack! Und tastet mit der Kralle nach der größten Ader und reißt sie durch, und der ganze Verstand tritt aus dem Menschen heraus. Kommt so einer zurück, ist er nicht mehr derselbe." Nach Westen zu gehen, ist verpönt, nach Süden darf man nicht gehen. Im Süden leben die Tschetschenen, Leute, die auf dem Kopf Hörnchen haben. Wenn die Wächter Tschetschenen erblicken, müssen sie schreien: "Tschetschenen! Tschetschenen!" und "dann läuft das Volk aus allen Slobodas [Ansiedlungen] zusammen und haut mit Stöcken auf Töpfe, um die Tschetschenen zu verscheuchen. Und die kriegen einen Schreck und machen, dass sie fortkommen." Allein nach Osten kann man gehen, da erstrecken sich grüne Wiesen.

Der Hauptheld von Kys ist Benedikt, einer, der nach dem Großen Knall geboren wurde. Benedikt Kerpytsch ist ein verträumter junger Mann, dessen Liebe vor allem der Literatur gilt - auch wenn viele Mädchen ihm sehnsüchtige Blicke zuwerfen. Er ist kerngesund und sieht blühend aus - eine Ausnahmeerscheinung in Fjodor-Kusmitschsk. Die Menschen, die den Großen Knall überlebt haben, heißen "Schätzchen" und werden seit  dem Großen Knall nicht älter. Benedikts Mutter z. B. hat sich im zweihundertdreiunddreißigsten Lebensjahr durch  falsche Feuerlinge (wohl eine Art Pilze) vergiftet. Das Nicht-Altern ist bei ihnen eine so genannte Spätfolge. Tatjana Tolstaja sagt in einem Interview über ihren Helden Benedikt, den die Kys fest "im Blick hat": "Benedikt ist ein schwacher Held. Er horcht in sich hinein und nimmt seine Ängste besonders stark wahr. Dadurch wird er zum Sklaven seiner eigenen Psyche. Die zivilisatorischen Mechanismen, die bei anderen Menschen zum Tragen kommen, funktionieren bei ihm nicht. Sein Gewissen arbeitet nur unklar, er kann es nicht benutzen, um bedacht zu handeln, sein Egoismus behindert ihn. Im Zentrum meines Romans steht Kants moralischer Imperativ, das `Moralgesetz in uns´ und der `Sternenhimmel über uns´."

Die Bevölkerung in Fjodor-Kusmitschsk  gliedert sich in "Vorige", die der alten "Intelligenzija" gleichen und über zweihundert Jahre alt sind; in Transgeburten, die an den Typ des Sowjetmenschen (des "Homo sovieticus") erinnern; in "Schätzchen", den Nachgeborenen, denen (wie Benedikt) ein kleines Schwänzchen wächst, weil sie sich nur von Mäusen ernähren.

"Die nach dem Großen Knall Geborenen  haben ganze unterschiedliche Spätfolgen: "Beim einen ist die Hand wie mit grünem Mehl überzogen, als hätt er in Löffelmelde gewühlt, der andre hat Kiemen, wieder ein andrer hat einen Hahnenkamm oder sonst was. Es kommt auch vor, dass einer keinerlei Spätfolgen hat und ihm bloß auf seine alten Tage Pusteln aus den Augen sprießen oder an einem verschwiegenen Ort ein Bart zu wachsen anfängt, bis zu den Knien runter. Oder an den Knien springen Nasenlöcher auf." Bei den Transgeburten ist das Gesicht wie ein menschliches, der Leib aber ist mit Fell bedeckt, und sie laufen auf allen vieren.

Warum es den Großen Knall gegeben hat? "Es scheint, die Menschen haben zu viel mit ihren ROHRKETEN [Raketen] rumgespielt."

In dieser neuen Welt gibt es im Laden "Staatswurst aus Mäusefleisch, Mäusespeck, Mehl aus Löffelmelde, Federn eben, dann noch Walenki (Stiefel aus Filz), natürlich, Topfgabeln, Linnen, Steintöpfe - wies halt kommt." Und es ist in der neuen Welt verboten, Bücher zu besitzen. Dennoch wird eifrig gelesen. Alle Werke werden, vom Klassiker bis zum Abzählreim einem einzigen Autor zugeschrieben: dem Tyrannen Fjodor Kusmitsch - "gepriesen sei er!" Erstaunlich, dass sich niemand über Kusmitschs - "gepriesen sei er!" - unerschöpfliche Schreibwut wundert. Auch Benedikt nicht, obwohl er, von Beruf Schreiber, unentwegt die Meisterwerke Kusmitschs - "gepriesen sei er!" - kopiert. Niemand wundert sich auch, dass der "Großmursa" - übrigens ein Dreikäsehoch - alles erfand, was man nur erfinden kann: das Rechenbrett, das Rad, das Tragjoch, die Mausefalle, den Schlitten, das Feuer... Die Macht des "Großmursas"  unterstützen "Untermursas", seine Sicherheit garantieren "Sanitäter". Weil sich Benedikt auf eine Heirat mit der verführerischen Tochter des Geheimdienstchefs (des "Obersanitäters") einlässt, gerät er in größte Gefahr, die Kys liegt auf der Lauer. Um an weitere Bücher heranzukommen, unterstützt er die Gewaltherrschaft seines Schwiegervaters. So sieht er widerstandslos zu, wie ein Querdenker mitsamt dem verbotenen Puschkin verbrannt wird. Als der Scheiterhaufen schon lodert, sucht er noch immer nach dem Buch "wo drinsteht, wie man leben soll". Benedikt, durchschauen wir, hat nicht erkannt, wie tief die schreckliche Kys - das Symbol für Angst und Duckmäusertum - in ihm selber steckt.

In Kys verbindet die Tolstaja märchenhafte Elemente mit schwarzer Komödie und düster-realistischen Visionen. Man erkennt in diesem Roman die gegenwärtige europäische Welt mit allen ihren Ängsten und Hoffnungen. In einem Interview äußerte sich Tatjana Tolstaja in diesem Zusammenhang zum heutigen Russland: "Bei uns bildet jede Ethnie, ja beinahe jeder Ort letztlich eine Welt für sich. Jeder manifestiert seine Eigenständigkeit dadurch, dass er die gesamte restliche Welt als etwas Anderes, Fremdartiges ablehnt. Das gilt meiner Ansicht nach allerdings nicht nur für das heutige Russland. Zum Beispiel gibt es solche Tendenzen in den heutigen USA nicht minder. Über Russland kann ich mich aber besser äußern."

Was, so fragte ich mich während des Lesens, hat es mit Nikita Wanytsch und Lew Lwowitsch auf sich? Verkörpern sie Russlands Intelligenz? Und da entdecke ich, ebenfalls in einem Interview mit der Tolstaja, dass Nikita und Lew als Vertreter der beiden Strömungen der russischen Intellektuellen auftreten. "Die Aufteilung in zwei Lager, die so genannten Westler und Slawophilen, gab es in der russischen Kultur schon immer, und im Prinzip gibt es sie auch heute noch. Die einen, die slawophilen Intellektuellen, verfolgen den russischen `Eigenen Weg´, die anderen orientieren sich an Europa und der Moderne. Diese beiden Gruppen sprechen völlig verschiedene Sprachen, sie verstehen sich nicht und liegen ständig im Konflikt miteinander. Auch Benedikt begreift nicht, was sie sagen."

Interessant ist auch die Machart des Buches. Die originellen Kapitelüberschriften des Romans bezeichnen altkirchenslawische kyrillische Buchstaben, von denen viele, aber nicht alle bedeutungstragend sind. Das altkirchenslawische Alphabet entstand im IX. Jahrhundert und fand vor allem in sakralen Texten Verwendung, doch auch in alten russischen Handschriften. Das weltliche russische Alphabet wurde 1708 und später 1918 reformiert, aber manche Bedeutungen des Altkirchenslawischen haben sich bis heute erhalten. Die erste Kapitelüberschrift lautet "AS". Die Erklärung in den Anmerkungen: "Das As - das A im kirchenslawischen Alphabet - bedeutet im übertragenen Sinne auch `Anfang´, ferner im Kirchenslawischen das Pronomen `Ich´." Einige Begriffe sind im Text der Tolstaja ein bisschen verändert [Es ist schließlich eine andere Zeit.]: Ehornwälder sind Ahornwälder, Rohrketen sind Raketen, Osfalt ist Asphalt, Entellegenzja ist Intelligenzia, Trodizion ist Tradition... Kys ist ein Sprachkunstwerk, das Märchensprache und Straßenslang in sich vereint, und in dem von Goethe bis Puschkin auch unzählige Andeutungen zur Weltliteratur auftauchen. Die "Times Literary Supplement" schreibt: "`Kys´ ist ein literarisches Ereignis, dass die Tolstaja in den Rang eines Gogol oder Nabokov erhebt."

Kys ist der erste Roman der Prosaistin, Publizistin und Kritikerin Tatjana Tolstaja, 1951 (in einer Familie mit sieben Kindern) in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren. Sie stamme, schreibt der Verlag, aus der Schriftstellerfamilie der Tolstojs. Recht hat, wer an Lew Tolstoj denkt, denn sie ist dessen Großnichte, und Recht hat auch, wer an Alexej Tolstoi, den "roten Grafen" denkt, denn sie ist dessen Enkelin. Die Tolstaja studierte Altphilologie und war kurze Zeit als Lektorin tätig. 1987 erschien ihr erster Erzählungsband "Stelldichein mit einem Vogel". Sie - Mitglied des russischen PEN-Zentrums - gilt international als eine der bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart. Ihre Werke wurden u. a. ins Deutsche, Englische, Französische, Schwedische übersetzt, sie erhielt den "Triumph"-Preis der 14. Internationalen Moskauer Buchmesse. Mit der Arbeit an Kys begann sie 1986 in Moskau, schrieb dann in Priceton, Oxford, Tiree - Hebriden, Athen, Panormo und Moskau weiter. Es dauerte vierzehn Arbeitsjahre, bis ihr Roman im Jahre 2000 auf Russisch erschien. Von 1989 bis 2000 war sie in die USA gegangen, wo sie an Universitäten in New York und New Jersey russische Literatur lehrte.

"Guten Tag" hat mir Tatjana Tolstaja 2003 in den Berliner Sophiensälen auf Deutsch ins Buch geschrieben. Danke! Auch ich wünsche ihr, deren voluminöse, artikulierte Stimme ich noch im Ohr habe,  "Dobrij denj" und weitere thematisch und sprachlich so einmalige Romane.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

Weitere Rezensionen zum Thema "Zukunftsliteratur" (und "Sience-Fiktion"):

  • Sergej Snegow, Menschen wie Götter.

Am 06.12.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 08.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Raschelt die Maus, ist Leben im Haus.
Sprichwort der Russen

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