Belletristik REZENSIONEN

Über zwei Monster, die keine sind...

Russe
Die Nägel
Aus dem Russischen von Hannelore Umbreit
Reclam Verlag, Leipzig 2003, 128 S.

Nach eigener Aussage (auf der Frankfurter Buchmesse 2003) hat Michail Jelisarow keine literarischen Vorbilder. Doch bei seinem ersten, nun auch ins Deutsche übersetzten Roman Die Nägel ist Gogols folkloristische Teufelei spürbar, auch der bittere Humor von Bulgakow und auch die Absurdität von Daniil Charms.

Ein neuer Stern am russischen Literaturhimmel?

Jelisarow erzählt die Geschichte zweier Findelkinder - die von Gloster und Bachatow. Alexander Gloster - von einem Literatur beflissenen Arzt in Anlehnung an Shakespeares körperbehinderten Helden so genannt - hat einen Buckel, Serjosha Bachatow einen verbeulten Schädel. Beide kommen als Babys ins Internat für geistig Behinderte und werden unzertrennliche Freunde. Um Brutalitäten und Misshandlungen von Seiten der Ärzte und Pfleger zu überleben, geben sich die beiden als Idioten aus. Gloster spielt den immer lachenden Dümmling ("Ich lernte, jede Gemeinheit mit Lachen zu quittieren."), Bachatow flüchtet sich in ein mythisches Ritual des Nägelknabberns. ("Erst ließ er seine Nägel lang werden, dann knabberte er sie ab. (...) Bachatow duldete dabei keine Zeugen.") "Monsterbrüder", der eine bucklig und begabt, der andere stumpfsinnig und selbst zerstörerisch, aber einer kann nicht ohne den anderen leben, denn beide sind Teil einer Gesamtpersönlichkeit geworden. Im Internat sind etwa hundert Kinder untergebracht: "fünfzehn oder zwanzig Downs, ein Dutzend Hydrozephale mit kürbisgroßen Wasserköpfen, Dystrophiker, die Bäuche aufgetrieben wie bei Spinnen, die Körper atrophiert, Arme und Beine spindeldürr. Von ihnen gab es an die zwanzig Stück, dazu noch jede Menge Oligophrene verschiedenster Grade".

Anrührend die Liebe des Ich-Erzählers Gloster zu der kleinen, geistesschwachen Nastenka, die mit zehn Jahren ins Heim und nie zu sich kam. "Jahr um Jahr verbrachte sie mit geschlossenen Augen. (...) Ich kämmte ihre Haare, rieb die Haut mit einem feuchten Mulltuch ab, viele Jahre lang."

Als Gloster und Bachatow achtzehn Jahre alt sind, werden sie aus dem Internat "Girlande" ins postsowjetische Moskau entlassen. Beide wissen inzwischen um ihre wahren Fähigkeiten: Glosters Buckel hat sich als feinnerviges Gefäß für Musik erwiesen, das ihn zu grandiosem Klavierspiel animiert (Der Autor hat an der Musikschule von Charkow Gesang studiert.), und Bachatows Nägelknabberritual bringt wahrlich seltsame Dinge wieder ins Lot. Dann gerät Gloster an den undurchsichtigen Mäzen Tobolewski, der für ihn Auftritte für Klavierwettbewerbe organisiert, die beiden viel Geld einbringen. Dieweil Gloster als Klaviervirtuose Karriere macht, fristet sein Freund Bachatow ein tristes Klempnerdasein. Doch bei einem Wettbewerb in Italien verstummt plötzlich Glosters musikalischer Buckel. Da schwant dem Freund Schlimmes. Etwas Schreckliches muss mit Bachatow geschehen sein... Zurückgekehrt,  findet Gloster in der psychiatrischen Anstalt, in die sein Freund eingeliefert worden ist, nur noch dessen Leichnam vor...

Im Internat "Girlande" waren die schwachsinnigen Zöglinge immer zu zweit gestorben, ganz kurz hintereinander. "Für jeden fand sich hier ein Bruder oder eine Schwester im Tod." Nun, da Bachatow tot ist, was wird aus Gloster? "Ich wusste", lässt Jelisarow seinen Ich-Erzähler als letzten Satz des Buches sagen, "der Tod ist nur aufgeschoben bis zu jenem Augenblick, in dem Bachatows Leichengift wie bei zwei verbundenen Gefäßen in meinen Körper hinüberfließt und das Herz zum Stillstand bringt."

Die Nägel von Jelisarow - in der Ukraine geboren, gegenwärtig in Berlin lebend - ist heikel und spannend. Und so gar nicht darauf bedacht, dass der Leser mit den beiden Verkrüppelten Mitleid empfindet. Von blutigem Nägelkauen, sexuellem Missbrauch, scheußlichen Morden berichtet Jelisarow in leichtem Plauderton, oft witzig und humorvoll. Nichts von genießerischer Lust am Ekel wie bei Sorokins NORMA oder dessen "Himmelblauem Speck".

Die Nägel des dreißigjährigen Jelisarow ist ein gelungenes Buch, das von einer unverbrüchlichen menschlichen Bindung erzählt. Es fasziniert durch seine provokante Einfachheit; viele geradezu aphoristische Sätze haben in der literarischen Szene Moskaus bereits den Status von Bonmots erlangt. Ja, Jelisarow ist ein neuer Stern am ukrainisch-russischen Literaturhimmel. Man kann gespannt sein auf sein nächstes Buch, über das er auch auf Anfrage nach seiner Buchlesung in Frankfurt/Main noch nichts verraten wollte.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de


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Am 31.03.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 06.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Leid schmückt weder Frau noch Mann.
Sprichwort der Ukrainer

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