Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN

Wenn man nicht reist, lernt man die Welt nicht kennen...

Über Georgien
Dr. Reineggs und Graf Kohary in Georgien
Gollenstein Verlag, Blieskastel 2000, 240 S.

Reineggs sorgte in Briefen und Aufsätzen dafür, dass sein Ruhm nach Europa ausstrahlte. Zunächst sei es ihm um die Wirkung bei denen gegangen, die ihn von zu Hause aus kannten, schreibt Petto, später sorgte er für ein gutes Bild seiner selbst in der Öffentlichkeit. Und so stammte alles, was man über ihn schrieb, letzten Endes von ihm selbst, da alle von ihm abschrieben, sogar die Lexikonverfasser. Rainer Petto hat sich mit seinem Buch vorgenommen, Licht in das Dunkel des Lebens von Reineggs und Kohary zu bringen. Warum? Was ist an diesen beiden Menschen aus dem 18. Jahrhundert so bedeutsam für uns Nachgeborene?

Reineggs ist ein Student aus Sachsen, arm, aber voller Ehrgeiz und Abenteuerlust. Kohary ist ein ungarischer Graf und Gutsbesitzer mit Hang zum Theater (und zum Geldausgeben). Kohary und Reineggs müssen einander 1770 in Wien kennen gelernt haben, da ist Kohary Theaterpächter, und Reineggs ist an der Deutschen Bühne engagiert. Reineggs hat Medizin studiert, ist als hilfsbereiter, liebenswürdiger Mann, für den es selbstverständlich ist, die Sprache des Landes zu lernen, in das er reist, überall sehr schnell ein gerngesehener Gast. Den anmaßenden Kohary dagegen sieht ein jeder bald lieber von hinten als von vorne. Diese beiden so ganz unterschiedlichen Typen reisen, vom Schicksal aneinandergekettet, 1778 ins Königreich Georgien, um ihr Glück zu suchen. Ihrer beider Motto: "Wenn man nicht reist, lernt man die Welt nicht kennen..." Reineggs, der vom Grafen sagt, dass sich die Größe seiner Geburt nur in der Größe seines Appetits äußere, rät ihm: "Richten Sie sich nach den Gebräuchen des Landes, in dem Sie sich jeweils befinden, dann werden Sie nie Schwierigkeiten bekommen." Doch der Glanz des ungarischen Adligen verblasst schnell schon unterwegs und erst recht im Königreich, dagegen macht der einst arme Sachse in Georgien Karriere.

Bis zum Schluss des Buches habe ich den Eindruck, dass es sich bei Dr. Reineggs und Graf Kohary in Georgien um eine überarbeitete Diplomarbeit handelt oder gar um eine Doktorarbeit. Es wimmelt von Namen und Zitaten. "Viele Bücher, viele Aufsätze, von verschiedenen Orten, aus vergangenen Zeiten, hat die Fernleihe der Universitätsbibliothek mir nach Saarbrücken geholt." Denn Rainer Petto will wissen, wie es wirklich um diese beiden Männer stand. Wodurch eigentlich war Petto misstrauisch geworden? Jedenfalls: Petto wird fündig. Über zweihundert Jahre später hält er per Fernleihe ein Buch von Kohary in Händen, in dem alles ganz anders geschildert wird. Was habe ich, fragt sich Petto am Ende seines Buches, nach einer Jahre dauernden Reise auf dem Papier in andere Jahrhunderte, in ferne Länder erreicht? Er habe, resümiert Petto, einem ollen ungarischen Grafen ein bisschen Gerechtigkeit angedeihen lassen und kleine Triumphe über den notorischen Angeber Reineggs errungen.

Na und, fragt sich der Leser, was interessiert uns, wer im 18. Jahrhundert von den beiden gänzlich Unbekannten der bessere Mensch war - der ungarische Graf oder der rätselhafte Sachse... Dennoch: Ich konnte mich dem eigentümlichen Reiz des Buches von Petto nicht entziehen. Zum einen hat mich des Autors ungeheure Recherchewut fasziniert und zum anderen erfährt man viel Interessantes über Georgien im besondern und über das Verhalten auf Reisen im allgemeinen. Doch hätte ich mir eine Vor- oder Nachbemerkung gewünscht, die das eigenartige Interesse Rainer Pettos, der Fernsehredakteur beim Saarländischen Rundfunk ist, an Graf Kohary und Dr. Reineggs erklärt.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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  • Fried Nielsen (Hrsg.), Georgien. EUROPA ERLESEN.
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Am 15.02.03 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Nur was du gibst, ist wahrhaft dein, was du behältst, das ist verloren.
Sprichwort der Georgier

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