Belletristik REZENSIONEN

Leben im 23. Jahrhundert

Russin
Der kalte Quell Vergessen
Aus dem Russischen von Ines Richter
Wostok Verlagsgesellschaft, Köln 1997, 156 S.

Die "Helden" dieses Buches sind Willi, Elmar, John, Rita und Manasse - was für "urrussische" Namen... Will die Autorin damit vielleicht sagen, dass die Welt im 23. Jahrhundert überall gleich lebensunwürdig sein wird? Doch jetzt haben wir im Buch gerade noch das 20. Jahrhundert, anno 1999:

Eine Ärztin in einer Nervenheilanstalt führt mit dem Patienten Willi "heilende" Gespräche, denen der Leser entnimmt, dass alles - oder fast alles -, was in diesem Buch geschieht, sich in Willis krankem Kopf abspielt. Willi lebt mit seinen Gedanken  im 23. Jahrhundert, da gibt es nicht einmal auf Marken noch genug zu essen und nur noch einen halben Liter Trinkwasser pro Person und Tag. Alles ist verdorrt und vertrocknet, die Benzinvorräte sind schon lange erschöpft, die Elektrizität ist längst ausgefallen; die Leichen liegen auf den Straßen nur so herum. Wer noch lebt und noch Geld hat, bezahlt in Schekel (Warum ausgerechnet in israelischen Schekels?).

Willi ist Musiker, er spielt Klarinette. In seinen Ohren dröhnen Bach und Mozart. In einem der Patientengespräche erkennt die Ärztin, wodurch Willi die Umweltkatastrophe so hellsichtig sieht: Willi war mit seinem Orchester auf Tournee in verschiedenen Seebädern und hatte dort gesehen, in welchem Zustand die Strände sind, und wie scheußlich  das Meerwasser aussah - vom Wasser hatte er eitrigen Ausschlag an den Beinen bekommen.

Willis Freunde Rita und John sind Maler. John will für die Nachwelt ("Doch es gibt keine Nachwelt mehr, es gibt nur ein Danach.") ein "Superbild" schaffen, genial, als sei es von Michelangelo. Doch nicht genug damit, dass die Menschen des 23. Jahrhunderts ihre Lebenswelt in einen einzigen Friedhof verwandelt haben, geistert ein bisschen Jüdisches und viel Indisches durchs Buch; Ritas Sohn Pawel wird Mitglied der Krischan-Sekte. In den Anmerkungen am Schluss des Buches - leider sind diese zu Beginn  nicht angekündigt - werden die vielen entsprechenden Ausdrücke erklärt - wie Aschram, Awatara, Bhagawadgita, Harinam, Mantra...

Die zweckoptimistische Ärztin verspricht Willi, ihn bald als geheilt entlassen zu können. Um Gottes Willen, denkt Willi, denn wie sich herausstellt, hatte er "eines nebligen Morgens" eine Vorladung erhalten, weil er - angeblich natürlich - ein Betrüger sei und von unehrlichem Geld lebe. Flugs hatte Willi sich vollaufen lassen, ein betrunkenes Spektakel inszeniert, Säuferwahnsinn simuliert und sich in die Klapsmühle einweisen lassen, um sich vor dem Gericht zu drücken.

Der Verlag philosophiert: "Die Menschen sind degeneriert und warten auf das Ende der Welt. Doch ihre Protagonisten, Musiker und Maler, zeichnen sich durch klaren Verstand aus und halten an ihrer Hoffnung auf Zukunft fest. Sie sind geprägt von humanistischem Gedankengut und von einer alten Weltzivilisation und erscheinen damit als Hoffnungsträger für das Überleben der Heimat." Die Autorin, das ist klar, will ihre Leser für die Umwelt sensibilisieren. Das macht sie spannend und beeindruckend. Aber inwiefern die Künstler im Buch sich durch klaren Verstand auszeichnen und Hoffnungsträger sind, beim besten Willen,   d a s   kann ich aus Der kalte Quell Vergessen nicht herauslesen. "Zuviel Lesen ist ebenso schädlich, wie zuwenig Lesen", schreibt Martin Andersen Nexö in seinen Erinnerungen, "man versumpft geistig." Ist es bei mir etwa schon soweit?


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

Weitere Rezensionen zum Thema "Umwelt":

  • Laurence Deonna, Kasachstan. Eine Reise durch das postkommunistische Zentralasien.
  • Abdishamil Nurpeissow, Der sterbende See.
  • Muchtar Schachanow, Irrweg der Zivilisation.

Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 06.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Andere Zeit, anderes Leid.
Sprichwort der Russen

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