Belletristik REZENSIONEN


Albträume - ganz in Rot..

Galsan Tschinag

Tuwiner (Tuwa - Mongole)

Die neun Träume des Dschingis Khan

Insel Verlag, Frankfurt / Main und Leipzig 2007, 252 S.

Den Namen Galsan Tschinag erhielt Irgit Schynykbaj-oglu Dshurukuwaa in der Schule - wie der Autor in seinem Geschichtenband "Auf der großen blauen Straße" erzählt. Geboren wurde er Mitte der vierziger Jahre (das genaue Datum ist nicht bekannt) in einer Jurte im westmongolischen Altaigebirge als Vertreter der kleinen Volksgruppe der Tuwa. Schon früh wurde er in der Schamanenkunst unterwiesen, die er bis heute betreibt. Auf dem Pferderücken aufgewachsen, war ihm eine Zukunft als Schaf- und Ziegenzüchter bestimmt. Doch es kam anders - ähnlich wie bei dem usbekischen Autor Uchqun Nazarov, der Pferdezureiter werden sollte, aber auch ein Schriftsteller wurde...

Galsan Tschinag war auf der Schule so wiss- und lernbegierig, dass man dem begabten Schüler ein Stipendium für Moskau anbot. Das schlug er aus, um stattdessen 1962 in Leipzig ein Germanistikstudium zu beginnen. Nach sechs Jahren  DDR-Aufenthalt beherrschte er die Sprache so gut, dass er anfing, auf Deutsch zu schreiben. Seine ersten Erzählungen schickte er an den Schriftsteller Erwin Strittmatter. Der erkannte seine literarische Originalität und half ihm, 1981 "Eine tuwinische Geschichte" im Ostberliner Verlag Volk und Welt zu veröffentlichen. Seitdem sind mehr als ein Dutzend Romane und Erzählbände von Galsan Tschinag auf Deutsch erschienen, alle wortgewandt, sprachschöpferisch, phantasievoll...

Die neun Träume des Dschingis Khan ist sein jüngstes Buch. Die Neun scheint bei den mongolischen Nomaden eine heilige Zahl zu sein: Es sind neun Männer, die Temüdschin mit achtundzwanzig Jahren zum Khan bestimmen; es sind neun Verfehlungen, die Dschingis Khan für straffrei erklärt; es sind neun Widderknöchel, die anlässlich eines Festes geworfen werden; es sind neun Söhne, die zu zeugen und in seinen Dienst zu stellen  ein Kampfgefährte dem erfolgreichsten Kriegsherrn aller Zeiten verspricht...

Tschinag erzählt in diesem tiefgründigen historisch-psychologischen Roman das Leben des "weltenberggroßen" Mongolenherrschers Dschingis Khan. Auch wenn Tschinag ein Tuwa, also kein Mongole ist, so sind ihm Riten und Kultur, Denkweise und Verhalten der Mongolen durchaus vertraut. In neun Tag- und Nachtträumen blickt der im Sterben liegende Stammesfürst - da mit Tschinag etwa gleichaltrig - zurück auf seine Erfolge und Niederlagen, auf seine Hoffnungen und auf seine Ängste. Auch auf seine Schuld. Der Vater, ein Halbbruder, Freunde, Weggefähren fallen seinem Misstrauen ebenso zum Opfer wie seine Feinde. Er ist grausam, heimtückisch, rachsüchtig, verschlagen, traut nur sehr wenigen, fürchtet ständig Verrat. Niemandem wagt er sich anzuvertrauen, schottet sein Herz gegen Mitgefühl und Milde ab, gesteht sich keinerlei Schwäche zu. Das lässt an Stalin denken... "Keine Chronologie hält die Traumerinnerungen zusammen. Kindheit und Mannwerdung, erste Schlachten und bittere Verluste, alles zieht bunt durcheinander vor seinem inneren Auge noch einmal auf", sagte Johannes Kaiser im Deutschlandradio.  Geschickt führt Galsan Tschinag den sterbenden "ozeangroßen" Fürsten zu Selbsterkenntnissen, lässt ihn begreifen, dass er sein Reich auf Krieg und Blut gegründet hat. Schließlich erkennt er, dass er "ein sehender Blinder und hörender Tauber" ist. Galsan Tschinag zeigt den Mongolenherrscher - "einem Gipfelfelsen, einer Höhenlärche gleich" - aber auch als Menschen, der Gefühle hat, den Gewissensbisse quälen. "Wie könnte es auch Gefährten geben, wenn es nicht mehr das Vertrauen, sondern die Angst ist, wovon sich ein jeder leiten lässt?"

Längst ist der "himmelgleiche Khanvater" ein Mythos geworden, in der Mongolei wird Dschingis Khan noch heute fast als Gott verehrt. Er starb 1227 nicht durch Feindeshand, sondern - wie schmachvoll für einen Reiterfürsten - nach einem Sturz vom Pferd bei der Jagd, sich selbst für sein unentschuldbares Missgeschick verfluchend. Seine Fieberträume - oft Albträume - sind in tiefes Rot getaucht: "Roter Himmel und rote Erde. Dazwischen rot wehende Wälder. Rot schäumende Flüsse. So auch rote Krieger zu roten Rossen, die her und hin jagten. Zu ihren Füßen die rot dampfenden dunstenden Eingeweide der hingemetzelten Stadt."

Galsan Tschinag ist Stammes-Oberhaupt der mongolischen turksprachigen Tuwa, die verwandt sind mit den westsibirischen Tuwinern.1996 erfüllte er sich einen seiner Lebensträume, zur Rettung der alten Stammeskultur der Tuwa beizutragen. In dreiundsechzig Tagen führte er Teile des Volkes der Tuwa, die im Zuge kommunistischer Planwirtschaft im Norden der Mongolei angesiedelt worden waren, in einer riesigen Karawane mit einhundertdreißig schwer beladenen Kamelen, mit Schafen, Hühnern, Hunden und dreihundert Pferden über fast zweitausend Kilometer zurück in ihre ursprüngliche Heimat, in das Altai-Gebirge. Diese größte Karawane seit Dschingis-Khan erregte großes Aufsehen in der Öffentlichkeit und stärkte das Selbstbewusstsein der jahrzehntelang entwurzelten und unterdrückten tuwinischen Nomaden. Das Volk der Tuwa in der Mongolei wird von Galsan Tschinag als "Insel der Menschheit der vergangenen Jahrtausende" bezeichnet.

Den größten Teil des Jahres lebt Galsan Tschinag in der Landeshauptstadt Ulaanbaatar (früher Ulan-Bator) und die restlichen Monate abwechselnd als Nomade in seiner Sippe im Altai (Kürzlich besucht von dem Bergsteiger Reinhold Messmer mit Sohn.) und auf Lesereisen im Ausland. Galsan Tschinag erhielt 1992 den Adelbert-von-Chamisso-Preis und 2002 das Bundesverdienstkreuz. Der Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung wird seit 1985 durch die Bayerische Akademie der Schönen Künste verliehen. Mit diesem Literaturpreis wird das deutschsprachige, bereits publizierte Werk von Autoren ausgezeichnet, die nichtdeutscher Sprachherkunft sind, wie es auch Adelbert Chamisso war.

Ich gestehe, dass es mich Anstrengung gekostet hat, mich auf den Inhalt von Die neun Träume des Dschingis Khan zu konzentrieren, da ich hingerissen von Galsan Tschinags deutschen Wortschöpfungen bin, vor allem von solchen unwiderstehlichen Adjektiven wie: alptraumfinster [albtraumfinster], läuseklein,  mäusedumm, mittagssonnenhell, lockerzüngig, klecksklein, schafknöchelgroß,  wachkeck, steinherzig, bockstirnig, luchswach, gertenbiegsam, herztascheneng, atemheiß, haar- und hautdicht, bleichverfroren, handtellerwinzig, glaubsüchtig, graugreise, hexenschön, halsstur, piekschmuck... Aber auch seine zusammengesetzten Substantive gefallen: Untierbauch, Machtteiler, Murmeltiermensch, Hosenlaus und Himmelsadler, Schmausabend... Auch solche Formulierungen haben es mir angetan: statt ein bisschen später, ein "Zeitchen" später, statt vor langer Zeit "urlängst"; parallel zum Duzen kreiert Tschinag das "Ihrzen"... Sicher, manchmal darf man an einem Neuwort auch zweifeln. Rechtfertigt z. B. die gewünschte dreimal gleiche Anfangssilbe be "beschnupperte ihr Haar, beküsste ihren Nacken, betätschelte ihre Arme"?

Manchmal, ganz selten, hätte aber doch der Verlagslektor eingreifen sollen, z. B., wenn es heißt, dass die Katze um die heiße Brühe (statt: um den heißen Brei) herumschleicht oder wenn da unverständlich steht: "Abgesehen von den Tausenden von Leben unserer Söhne, die hierzuecken der Erde erlöschen mussten"(S. 165)...

In einem "Welt"-Interview (online) sagt Tschinag: "Siebzig Jahre lang war es verboten, Dschingis Khan zu erwähnen." Nun, nach der Rehabilitierung widere ihn die Instrumentalisierung des als heilig geltenden Ahnen allerdings an. Besonders schlimm sei es 2006 gewesen, als die Mongolei das achthundertjährige Jubiläum ihrer Reichsgründung feierte. "Alle vereinnahmten den großen Stammesführer. Überall entstehen seine Denkmäler. Nicht nur Banknoten und Briefmarken zeigen sein Porträt. Auch Pulverkaffee, Bier- und Wodkamarken werben mit seinem Namen." Er wollte den armen Kerl retten, sagt Tschinag, deshalb habe er das Buch Die neun Träume des Dschingis Khan geschrieben.

Tschinags Roman basiert auf der "Geheimen Geschichte der Mongolen", der einzigen zeitgenössischen mongolischen Biographie. "Fast auswendig" habe er das zu Sowjetzeiten verbotene Buch gelernt, gesteht Tschinag. Der Leipziger Mongolist Manfred Taube hat die "Geheime Geschichte der Mongolen" ins Deutsche übertragen, Tschinag hatte ihn während seines Germanistikstudiums (1962-1968) in Leipzig kennengelernt.  Galsan Tschinags in sprachgewaltigem  Deutsch geschriebener Roman ist keine Biographie des Dschingis Khan, sondern eine Charakterstudie der Macht, die die meisten Menschen (ver-)formt. Niemand vor noch nach Dschingis Khan hat ein solches Weltreich begründet: Er eroberte mit seinen Reitertruppen nicht nur China und das gesamte asiatische Land, sondern auch Russland und halb Europa. Doch diese Machtfülle machte ihn einsam, beraubte ihn menschlicher Nähe und aufrichtiger Freundschaft.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

Am  24.05.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 10.02.2013.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

In jeder Jurte gibt´s ein Weib, in jedem Ail (Dorf) eine Jungfrau.

Sprichwort der Tuwa

 

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