reiseliteratur-bildbändeREZENSIONEN

Feuertempel und Marktwirtschaft

Deutscher; über Aserbaidshan
Land der Feuer
Ein literarischer Reiseführer
Mit 87 Abbildungen
Edition Hans Erpf, Bern/München 1999, 309 S.

Ein Reiseführer im üblich-praktischen Sinne ist dieses Buch nicht. Und eben sowenig ist es literarisch - daran ändern auch die im Anhang abgedruckten fünf Sprichwörter und zehn Gedichte aserbaidshanischer Autoren nichts. Auch die Abbildungen sind eher bescheiden. Jedoch: Dieses Buch ist ein außerordentlich fundiertes Sachbuch über die Aserbaidshanische Republik.

Uli Rothfuss, im Schwarzwald lebend, hat es seiner aserbaidshanischen Frau Gülja gewidmet, die ihm Aserbaidshan "zur zweiten Heimat" machte. Hochachtung, Liebe und Sachkenntnis zu dem transkaukasischen Land sprechen denn auch aus jedem Kapitel: über Staat, Geschichte, Natur, über das Kaspi-Öl - die Chance zum Wohlstand - über Berg-Karabach, die Ansiedlung von Deutschen vor fast zweihundert Jahren, über Religion, Kunsthandwerk, Musik, Sport, Literatur, Malerei, Theater und - über die gute Küche Aserbaidshans, die nur deshalb nicht so bekannt ist wie die französische, weil sich der Bote mit der Mitteilung über den ersten Platz verspätete, da er sich nicht losreißen konnte von dem köstlichen aserbaidshanischen "Lewängi"-Fisch, gefüllt mit Walnüssen und Rosinen.

Von Hause aus ist der Autor Kriminalbeamter, der auch Deutsche Sprache und Literatur studiert hat. Seit 1992 war er als Gastdozent und seit 1994 als Honorarprofessor an der Staatlichen Hochschule für Sprachen und Künste in Baku, Aserbaidshans Hauptstadt, tätig. "In einem Land", schreibt er, "in dem Dichtung solch eine hohe Stellung einnimmt (...), in solche einem Land scheint die Pflege von Werten jenseits des Merkantilen noch zu existieren, wenn auch die Marktwirtschaft ungehemmt und mit Hilfe der Einflüsse aus dem Westen in dieses Land vorzudringen ansetzt. Ich hoffe, dass das Orientalische des Landes bewahrt wird und die Oberflächlichkeit, das Nutzdenken des Westens mit viel Skepsis betrachtet, nur weniges behutsam übernommen wird (...)."

Ulli Rothfuss lässt uns miterleben, wie sich ihm im Laufe der Jahre Tradition und Moderne im Land der Feuer erschlossen hat, ihm, der dort nicht nur ein hochgeschätzter Gast ist ("Ein Haus ohne Gast ist wie eine Mühle ohne Wasser."), sondern auch einer, der dazu gehört und dem man auch mal Unzumutbares (eine Rostkarre als Auto und einen stinkbesoffenen Fahrer) zumuten kann. Übrigens: Auch der Autor erweist sich im islamischen Aserbaidshan als außerordentlich trinkfest. Apropos Islam: "Obwohl seit der Loslösung von der Sowjetunion die Einflußversuche religiöser Eiferer durchaus zunehmen, gehen die Frauen nach wie vor ohne Tschador durch die Stadt, die ´Verhüllung des Gesichts ist in Baku so fremd wie in Paris."

Ganz und gar unverständlich ist, warum der Verlag die Ortsnamen auf der Landkarte in der englischen Schreibweise aufführt, wo doch der Autor die übliche deutsche Schreibweise verwendet; so muss der Leser zum Beispiel in NAKHCHIVA Nachitschewan erkennen... Unbegreiflich auch das vom Autor angeklatschte 25 Kapitel, indem lexikalisch-lieblos Fakten aneinander gereiht werden - zahlreiche Wiederholungen zu liebevoll Vorhergesagtem inbegriffen. Über die vielen (Computer-)Fehler schweigt der Rezensentin Höflichkeit...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
Weitere Titel zum Thema "Aserbaidshan / Aserbaidschan":

  • Steffi Chotiwari-Jünger, Die Literaturen der Völker Kaukasiens.
  • Elçin, Das weiße Kamel.
  • Wladimir und Olga Kaminer, Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus. Darin: Aserbaidschan.
  • Nizami, Die Geschichte der Liebe von Leila und Madschun.
  • Ingo Petz, Kuckucksuhren in Baku.

Am 24.10.2006 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

 Der Blinde ist schon mit dem Bettelstab zur Stelle, obwohl die Moschee noch unvollendet. 
Sprichwort der Aserbaidshaner

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