Belletristik REZENSIONEN

Geschichten unterm Maulbeerbaum

Aserbaidshaner
Das weiße Kamel
Aus dem Aserbaidshanischen von Alpaslan und Gökalp Bayramlı
Dağyeli Verlag, Frankfurt/Main 1989, 223 S. (Unionsverlag, Zürich 1992)

Dieser exotische Roman spielt in einem Altstadtviertel Bakus, der Hauptstadt Aserbaidshans. Der sich an seine Kindheit erinnernde Ich-Erzähler Alekber, der ein Schriftsteller werden möchte, obwohl das damals mehr als "wunderlich" war, schildert die Geschehnisse in seinem Heimatviertel aus der Sicht seiner Kinderzeit und macht uns mit den hier lebenden einfachen Menschen - aus der Zeit der zwanziger, vor allem der dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts - bekannt. Auch mit seinem Vater, der Iraner war, "immer auf Reisen" und im "Krieg aller Kriege" 1944 gefallen ist und mit der Mutter, "die nie in Gegenwart meines Vaters aß, aber wenn mein Vater aß, dann saß sie auch am Tisch und betrachtete ihn, wie er mit großem Hunger aß und jetzt, wie jedesmal, wenn sie ihn beim Essen sah, lächelte sie". Nicht alle Romanfiguren werden sich gleichermaßen einprägen. Aber lange im Gedächtnis bleiben wird Hanım Hala, die energische Mutter der sechs Söhne Cefer, Adil, Abdülali, Koca, Cebrayil und Ağarahim. (Von fünf Söhnen ist fälschlicherweise im Klappentext die Rede.) Besonders beeindruckend ist die Schilderung, wie die couragierte Frau ihren Sohn Ağarahim "befreit", der wegen eines nichtigen Anlasses von Muhtar, der im Viertel wohnt und bei den "Organen" arbeitet, verhaftet worden ist: "Nachdem Hanım Hala bei Muhtar nichts erreicht hatte macht sie ihre Drohung war, `zu den Leuten zu gehen, die über ihm stehen´. Drei Tage lang steht sie von morgens bis abends vor dem Pförtnerhäuschen des `großen Gebäudes´ in der schneidenden Kälte, bis sie endlich auf den Wagen des `Chefs´ trifft. Als er sie nach ihrem Anliegen fragt, sagt sie, dass sie eine Beschwerde habe. Der `Chef´: `Über wen willst du dich denn beschweren, Frau? Was ist das für eine Unverschämtheit?´ - `Über dich will ich mich beschweren und über einen von deinen Mitarbeitern!´ - `Was?´ Der Mann machte einen langen Hals und fragte erstaunt: `Was hast du gesagt?´ Es war, als wehe plötzlich ein Wind, der den in Grußhaltung erstarrten Milizionär ein paarmal durchschüttelte. - `Ich habe gesagt, daß ich mich über dich beschwere und über deine Mitarbeiter! Bist du kein Mensch? Glaubst du, du verbringst dein ganzes Leben in diesem Auto?´ Hanım Hala hatte noch immer beide Hände auf der Motorhaube und bewegte sich nicht von der Stelle. Der Mann stieg mit einer Eile aus, die nicht recht zu seiner Körperfülle paßte und stellt sich vor Hanım Hala, sah die von Scheinwerfern beleuchteten  aufeinandergepreßten dünnen Lippen der Frau, das blau angelaufene Gesicht, sei es aus Wut, aus Erregung oder wegen der Kälte, den schneebedeckten gefrorenen Schal, den langen, dicken Rock, die Beine, die beinahe bis zu den Knien im Schnee versunken waren und fragte: `Wartest du schon den ganzen Tag auf mich?´ Hanım Hala antwortete nicht. Der Mann sagte zum Milizionär: `Laß sie herein´ und ging mit eiligen Schritten durch das Pförtnerhäuschen in das Gebäude zurück. Hanım Hala löste ihre Hände von der Motorhaube und sah zum Milizionär. Dann schüttelte sie den Schal aus und folgte dem Mann in das Gebäude. - Im Viertel verbreitete sich die Nachricht von Abdülalis Freilassung wie ein Lauffeuer..." Der armenische Pförtner wird später sagen: "So habe ich, bei meiner Religion, noch keinen Mann erlebt!"

Im Krieg - das Leid hatte sich in allen Häusern des Viertels, "ja sogar auf den Bürgersteigen und Pflastersteinen" niedergeschlagen; es gab kein Haus, vor dem nicht ein Trauerzelt stand - werden alle sechs Söhne von Hanım Hala eingezogen. Sie stirbt an Herzeleid und erlebt nicht mehr, dass alle sechs Söhne wohlbehalten aus dem Krieg zurückkehren - auch Koca, von dem irrtümlich eine Gefallenenmeldung eingetroffen war. Koca, den Alekber von allen aus dem Viertel am liebsten mochte, und die Tochter des Mützenmachers Adile waren ein Liebespaar, das im Buch mit Leila und Madschun (im Buch Leyli und Mecnun) verglichen wird. Als Muhtar, der vor dem Krieg Abdülali, den Bruder von Koca verhaftet hatte, um Adiles Hand anhält, stürzt sie sich vom Dach ihres dreistöckigen Hauses...

In Das weiße Kamel finden sich viele orientalische Erzählmotive mit Hexen und Zauberern, grausamen Königen und gerissenen Wesiren, schönen Prizessinnen und Prinzen. Der Flöte spielende Balakerim versammelt oft die Kinder aus der Nachbarschaft unterm Maulbeerbaum und erzählt die verheißungsvollen Geschichten vom schneeweißen Kamel, das in der islamischen Mythologie das Symbol für eine bessere Zukunft ist. 1984 geschrieben, schildert Elçin die Geschehnisse der Sowjetunion bis zu dem sich in den achtziger Jahren anbahnenden Umbruch.

Schwierigkeiten beim Lesen bereiten die aserbaidshanischen Namen und Begriffe. Das Aserbaidshanische ist eine Turksprache, die auch iranische und arabische Wurzeln hat. Damit sind Namen und Bezeichnungen - Gülağa, Memmedbağir, Ağahūseyn, Hanım... schon schwer genug zu behalten, noch schwerer sind sie auszusprechen. Zur Aussprache der aserbaidshanischen Namen ist vom Verlag beim i ohne Punkt (ı) zum Beispiel angegeben, dass es sich um einen dumpfen Laut handelt, der mit zurückgezogener und gesenkter Zunge zu sprechen ist. Aber auch damit nicht genug, wird zum Beispiel die Mutter der sechs Söhne meist Hanım Hala genannt; Hanım ist kein Vorname, sondern steht im Aserbaidshanischen für die höfliche weibliche Anrede. Und wenn man sie mit Ahçi anspricht, wie es der armenische Pförtner tut, so ist dies die armenische Anrede für Frauen. Durch die russische Literatur mit Vor-, Vaters-, Familienname und diversen Koseformen einiges gewöhnt, fiel es mir dennoch schwer, mir die im Roman vorkommenden zahlreichen aserbaidshanischen Namen zu merken. Als (auf S. 218) erzählt wird, dass Şövket den Märchenerzähler Balakerim heiratet, muss ich seitenlang zurückblättern, um mich zu erinnern wer Şövket ist... In den Anmerkungen des Verlages werden fast sechzig im Roman vorkommende Begriffe erläutert, zum Beispiel ist "Veliyyünnema" ein "hilfsbereiter Mensch".  Hätte man diese Bezeichnung und viele andere Begriffe nicht im Text übersetzen sollen?

Elçin, geboren 1943 in Baku ist der Sohn des Schriftstellers Ilyas Efendiyev. 1966 veröffentlichte er seinen ersten Erzählungsband. Nach der Herausgabe weiterer Erzählungen erhielt er während der Breshnewzeit zwei Jahre Schreibverbot. In der DDR erschien von ihm 1988 "Mahmud und Marjam", eine orientalische Liebeslegende.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

Weitere Titel zum Thema "Aserbaidshan / Aserbaidschan":

  • Steffi Chotiwari-Jünger, Die Literaturen der Völker Kaukasiens.
  • Wladimir und Olga Kaminer, Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus. Darin: Aserbaidschan.
  • Nizami, Die Geschichte der Liebe von Leila und Madschnun.
  • Ingo Petz, Kuckucksuhren in Baku.
  • Uli Rothfuss, Land der Feuer.

Am 29.08.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 01.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Ein nach hinten geworfener Stein trifft oft die Ferse.
Sprichwort der Aserbaidshaner


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