Belletristik REZENSIONEN

"Mir ist etwas ganz Wunderbares passiert..."

Deutsche; über den russischen Maler Alexander Neroslow
Alexander Neroslow, ein russischer Maler auf dem Darß
Jahrbuch 2003
Books on Demand, Norderstedt 2003, 143 S.

Eigentlich sollte das Bild vom alten Opa Kalhorn mit den durch harte Arbeit so ausdrucksvollen Händen ein Triptychon werden: mit Großvater Kalhorn, dem alten Matrosen, seinem Sohn, der Schlepper-Kapitän war und dem Enkel, der wahrscheinlich einmal studieren würde... "Doch", so Valeska Neroslow, "da kam Hugos Frau dazwischen. Sie störte immer: `Häst du nix Bäderes tau daun...? Do liegt de Arbeit unn du sitzt hier rum.´ Meckern konnte Sascha [Alexander] schlecht ertragen. Das Modellsitzen mit dem Sohn wurde dann schließlich abgebrochen." Und so kam das Triptychon [ein aus drei Teilen bestehendes Tafelgemälde] mit Großvater, Sohn und Enkel nicht zustande...

Der Enkel - Leberecht Kalhorn, der Ehemann der Herausgeberin dieses bewegenden Buches - hat tatsächlich studiert, ist schließlich Schulleiter geworden und seine Frau Lehrerin. Meine Familie und ich, wir sind mit den Kalhorns seit Jahrzehnten befreundet. Oft kommt bei ihnen in gemütlicher Runde das Gespräch auf Alexander Neroslow. Einst in ihrem Haus in Wieck, jetzt in Barth, hängen einige sehr stimmungsvolle Gemälde dieses zu Unrecht fast vergessenen russischen Malers.

Wer war Alexander Neroslow?

Der Russe Alexander Neroslow war 1911, drei Jahre vor Ausbruch des ersten Weltkrieges, zum Architekturstudium nach Deutschland gekommen, an die Technische Hochschule in Dresden. Die Zeitumstände verhinderten seine Rückkehr nach Russland. Und so lebte er in Dresden,  Leipzig und  - auch in Waldheim. In Ein russischer Maler auf dem Darß erzählen Augenzeugen, wie sie den russischen Maler erlebten. Der Text berührt verschiedene Stationen, zum Beispiel die Haft im Zuchthaus Waldheim von 1942 bis 1945, seine Ehe mit Gertrud Meissner aus Wien,  die Leipziger Lehrtätigkeit... Im Mittelpunkt des Buches aber steht die Begegnung mit Valeska Lenz vom Darß. Alexander Neroslow wollte auf der Insel malen und suchte ein Quartier. Der Bürgermeister kam zu Valeska, weil sie schon Erfahrungen mit Sommergästen hatte. Aber sie wollte auf keinen Fall einen Maler als Sommerfrischler. Ihrer Tochter Monika gelang es, sie zu überreden. Valeska erinnert sich: "Dann kam dieser Mann. Er stand plötzlich vor der Pforte. In einer unmöglichen Aufmachung, mit Regenmantel und so hohen Schuhen zum Schnüren. (...) Also, er saß nun in der Küche. Ich ging noch einmal in den Keller und holte noch ein Kotelett. Er sah so verhungert aus. Ich musste ihn einfach füttern..." Als er Valeska Lenz damals, 1953, das erste Mal sah, wusste er: "Mir ist etwas ganz Wunderbares passiert." 1967, vierzehn Jahre später, heirateten sie.

Als 2001 auf einer Kunstauktion Neroslow-Bilder versteigert wurden, fanden sich auch mehrere Pappkartons mit unsortiertem Material: Fotos, Briefe und viele weitere Erinnerungen. Familie Kalhorn nahm sich des Materials an und beschloss, ein Buch herauszugeben, um den russischen Maler, der sechzig Jahre lang in Deutschland gelebt hatte, einem größeren Verehrerkreis zu erschließen.

Wir sehen im Buch als Schwarz-Weiß-Fotos die typischen Wiecker Häuser, Fischer bei der Arbeit, das traditionelle Tonnenschlagen, den Weststrand, den Neroslow so gerne malte. Die Fotos versetzen uns in die fünfziger Jahre, als bei dem Russen Alexander und der Deutschen Valeska der Liebes-Blitz einschlug. Und wir werfen einen Blick in Neroslows Skizzenbuch. Die Totenmaske Neroslows und seine Grabstelle auf dem Leipziger Südfriedhof beschließen den Illustrationsteil. Leider enthält das Buch nicht die farbigen Gemälde des begabten Malers. Nur das Titelbild (Fischer am Strand, Pastell, um 1960) lässt ahnen, wie stimmungsvoll seine Bilder sind. Allerdings: Wem das Internet zugänglich ist, kann eine Auswahl seiner Gemälde unter www.alexander-neroslow.de abrufen. Großvater Kalhorn mit den ausdrucksstarken Händen ist leider nicht dabei. (Es hängt jedoch im Museum für Bildende Künste in Leipzig.)

Der Briefwechsel zwischen Alexander  Neroslow und Valeska Lenz beginnt in diesem Buch im Herbst 1953 und umfasst den Zeitraum von fast vier Jahren. Leider sind nur seine Briefe erhalten geblieben, ihre gingen verloren. Die Liebe zu der Witwe Valeska Lenz gestaltete sich nicht problemlos; denn Alexander  Neroslow war verheiratet. Doch die Wienerin Gertrud Meissner, die, wie ihr Mann, vier Jahre Einzelhaft in Waldheim verbracht hatte, war physisch und psychisch gezeichnet. Prof. Dr. Horst Nalewski, ein ehemaliger Schüler von ihr, der Germanistik an der Universität Leipzig und später Musikwissenschaft studierte: "Die Nera [das ist Gertrud Meissner] war einerseits verehrt, geliebt, andererseits auch gefürchtet. Sie konnte sehr streng sein [Sie war Oberstudiendirektorin, unterrichtete Englisch und Deutsch.], konnte persönlich sehr  beleidigend, kränkend sein sowohl ihren Kollegen  als auch den Schülern gegenüber. Also, es war schwierig mit ihr." 

Alexander Neroslow, schreibt die Herausgeberin Arntraut Kalhorn, beschäftigen in seinen Briefen der Gesundheitszustand seiner beiden Frauen, Gertrud und Valeska, sein Tun als Maler, seine Tätigkeit an der Hochschule und in der Öffentlichkeit, das oft beschwerliche Alltagsleben in der DDR. "Die Briefe vermitteln einen Einblick in seine literarischen und musikalischen Interessen, berühren seine Sehnsucht nach Wieck und dem Darß, offenbaren Denkweisen und Charakterzüge."

Gertrud Neroslow wusste von dem Verhältnis ihres Mannes zu Valeska Lenz.  Professor Nalewski: "Sie lebten eigentlich nebeneinander, nicht miteinander. (...) Wenn ihm etwas nicht passte, dann zog er sich zurück: `Ich geh auf meinen Sandhaufen.´ Das war sein Arbeitszimmer."  Und der Maler versuchte, so oft wie möglich auf den Darß zu reisen - hier konnte er in Ruhe malen, hier war sein Refugium. Die innige Liebe zu Valeska - viele Briefe zeugen von rührender Sorge um ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen - und der Aufenthalt an der Küste regten sein künstlerisches Schaffen an, so dass als Spätwerk vielfältige Bilder vom Darß und seinen Menschen entstanden.

Arntraut Kalhorn - unterstützt von ihrem Ehemann Leberecht und den Söhnen Stefan und Axel (der beeindruckende Fotos von Valeska Lenz beisteuerte) lässt außerordentlich geschickt Zeitzeugen erzählen und Briefe sprechen. Sie hat ihre Gesprächspartner bzw. Briefeschreiber auf das Wesentliche beschränkt, an keiner einzigen Stelle hat man den Eindruck des Zuviel. Geschickt auch, wie sie ihre Gesprächspartner hier und da plattdeutsch sprechen lässt, damit man nicht vergisst, dass das Geschehen oben an der Küste spielt. Doch mit ihrem Text "Grüntöne in allen Schattierungen - unterwegs zum Weststrand" kann ich mich nicht anfreunden. Die eineinhalb literarischen Seiten wirken innerhalb der ansonsten sachlichen (nicht gefühllosen) Texte im Buch wie ein Fremdkörper.

Alexander Neroslow, in wohlhabender Familie 1891 in St. Petersburg geboren, für immer in Deutschland geblieben, starb 1971 in Leipzig, fast achtzig Jahre alt.

Obwohl man das Verhältnis zwischen Alexander und Valeska Neroslow (Sie starb 1999.) nur aus seinen Briefen miterlebt, kommen uns beide Menschen sehr nahe, was ein Verdienst der sorgfältig-behutsamen Herausgeberin ist. Nicht ganz glücklich kann man mit den Anmerkungen sein. Sie sind für sich genommen sehr aufschlussreich und informativ. Aber die meisten Informationen hätte man zum besseren Verständnis des einen oder anderen Ereignisses oder der einen oder anderen Person schon während des Lesens benötigt. Da man aber leider keinen Hinweis zu Beginn des Jahrbuches findet, und es auch keine Anmerkungszeichen im Text gibt, stößt man erst ganz am Schluss des Buches auf diese hilfreichen Texte. Das Jahrbuch 2003 mit dem aufschlussreichen Illustrationsmaterial ist von Katrin Groß gekonnt gestaltet. Aber warum insgesamt fast zwanzig leere Seiten? Ich verstehe zwar, dass die jeweiligen Fotos und Illustrationen durch jeweils eine freie Seite davor und eine danach "in sich abgeschlossen" werden sollten. Aber wozu?

Wer mehr über Alexander Neroslow weiß, oder wer Werke von ihm und deren Aufenthaltsort kennt, melde sich bitte bei der Herausgeberin: "Ein Jahrbuch kann natürlich fortgesetzt werden, denn das vorliegende erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit." Mich zum Beispiel würde noch viel mehr über den Aufenthalt von Gertrud und Alexander Neroslow im Zuchthaus Waldheim interessieren, obwohl einige Dokumente auch schon in diesem Buch veröffentlicht sind. Und, nicht zuletzt: Ein weiteres Jahrbuch müsste farbige Gemälde des russischen Malers auf dem Darß zeigen. Aber ich verstehe schon, das ist natürlich auch eine Frage der Kosten...


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

Weitere Rezensionen zu "Maler, Zeichner, Graphiker":

  • Ota Filip, Das Russenhaus. Roman um Gabriele Münter und Wassily Kandinsky.
  • Elena Guro, Lieder der Stadt. Prosa und Zeichnungen.

Am 21.11.2006 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 06.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Mit einer guten Frau hast du alles Glück der Welt.
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