kinderbuch-jugendbuchREZENSIONEN

"Mehr! Mehr! Noch mehr!"

Russe
Seltsame Seiten
Ausgewählte Gedichte und Geschichten für Kinder
Herausgegeben von Vladimir Glozer, illustriert von Vitali Konstantinow, aus dem Russischen von Alexander Nitzberg und Andreas Tretner
Berlin Verlag, Berlin, Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher 2009, 125 S.

Wenn Daniil Charms (eigentlich Daniil Iwanowitsch Juwatschow) seine absurden, grotesken Gedichte, Märchen, Geschichten... vortrug, waren Russlands Kinder so begeistert, dass sie immer noch mehr hören wollten. "Die Kinder schrien, kreischten und klatschten, trampelten vor Begeisterung. Sie liebten ihn [Daniil Charms] über alles", erinnert sich seine zweite Frau Marina Malitsch. "Die Kinder brüllten, es war nicht zum Aushalten. `Mehr! Mehr! Noch mehr!´" Das war in den zwanziger, dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts...

Daniil Charms, 1905 in St. Petersburg geboren, trat von 1925 bis 1930 als wichtigstes Mitglied der avantgardistischen Gruppe "Oberiu" (Vereinigung für reale Kunst) bei öffentlichen Darbietungen auf. Eines Tages hörte ihn der berühmte Kinderbuch-Schriftsteller Samuil Marschuk und entdeckte ihn so für seinen Verlag und für seine Kinderzeitschriften "Der Zeisig" und "Der Igel". Charms Gedichte für Erwachsene wurden - bis auf zwei Ausnahmen -  zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt. 1937, auf dem Höhepunkt von Stalins großer Säuberung, wurde Charms erneut verhaftet (Die erste Verhaftung erfolgte 1931.) - diesmal wegen eines Liedchens für Kinder, in dem ein Mann aus dem Haus geht, verschwindet und nicht wieder zurückkehrt: "Ein Mann mit Säckchen und mit Stock / trat einmal aus dem Haus / und in die Wolt, / und in die Wult, / und in die Welt hinaus. // Er schaute nur geradeaus, geradeaus er lief, / wobei er / weder trank noch aß / noch aß noch trank noch schlief. // Bis er sich eines Morgens früh / im dunklen Wald befand, /worauf er dinn, / worauf er donn, / worauf er dann verschwand. // Und trifft ihn einer unter auch / so rein eventuell, / dann sagt es ins, / dann sagt es ans, / dann sagt es uns ganz schnell. // 1937 //

Daraufhin durfte Charms ein ganzes Jahr lang nicht einmal mehr Geschichten für Kinder veröffentlichen. Charms schrieb damals in sein Tagebuch: "Wir haben nichts zu essen. Wir hungern fürchterlich. Trotzdem schrieb Charms weiterhin Geschichten und Gedichte für Kinder und Erwachsene. 1941 wurde er wiederum verhaftet und starb - 36 Jahre alt - 1942 im Gefängnis in St. Petersburg, vermutlich ist er während der Leningrader Blockade verhungert. 1956 - im Zuge der Entstalinisierung - wurde Daniil Charms rehabilitiert - was allerdings nur für seine Kinderschriften galt.

In Russland kennt nahezu jedes Kind Charms´ unvergleichliche Geschichten. Ob seine Texte von der schwebenden Katze, dem eigenwilligen Samowar, der Reise nach Brasilien, der alten Frau auf der Suche nach Tinte... bei den deutschen Kindern des 21. Jahrhunderts auch so gut ankommen? Alles wohl nicht. Aber die Geschichte von den 12 Köchen machte meinem sieben Jahre alten Enkel Lenny einen Riesenspaß. Wer denkt, hier sind tatsächlich zwölf Köche abgebildet, der irrt; denn einer ist Arzt, einer Postbote, einer Maler, einer Metzger, einer Tänzer, einer Clown, einer Verkehrspolizist,  einer Künstler, einer Friseur, einer Kosmonaut, einer Trompeter, einer Buddhist (?). Wer aber ist denn nun der Koch? Da konnte ich mich mit Lenny nicht einigen...

Und dann geht uns beiden die Geschichte "Die siebzehn Pferde" nicht aus dem Kopf:
Bei uns im Dorf starb ein Mann und hinterließ ein Testament. Darin hieß es:
Meinem ältesten Sohn vermache ich 1/2 meines Besitzes, meinem mittleren Sohn vermache ich 1/3 meines Besitzes und meinem jüngsten Sohn vermache ich 1/9 meines Besitzes.
Als der Mann starb, besaß er nur 17 Pferde und sonst gar nichts. Und die Söhne gingen daran, die 17 Pferde unter sich aufzuteilen.
"Ich", sagte der Älteste, "nehme mir 1/2 aller Pferde. Also 17:2, macht 8 1/2." - "Wie soll das gehen, 8 1/2 Pferde?", fragte der Mittlere. "Du wirst doch kein Pferd in Stücke schneiden wollen?" - "Stimmt auch wieder", sagte der Älteste. "Für euch sieht es übrigens nicht besser aus. 17 lässt sich weder durch 2 noch durch 3 noch durch 9 teilen!"- "Puh. Was machen wir nun?" - "Ich kenne da einen klugen Mann", sagte der Jüngste, "mit Namen Iwan Petrowitsch Genialow, der weiß uns bestimmt zu helfen." - "Na schön, dann bestell ihn mal her", ließen die anderen Brüder sich darauf ein. Der Jüngste ging und kam bald darauf wieder mit einem Mann zu Pferde, der eine kurze Pfeife schmauchte.
"Das ist Iwan Petrowitsch Genialow*", stellte der Jüngste ihn vor. Und die Brüder klagten Genialow ihr Leid. Der hörte sie an und sprach: "Nehmt einfach mein Pferd dazu, dann habt ihr 18, die könnt ihr wunderbar teilen."
Und die Brüder gingen daran, die 18 Pferde unter sich aufzuteilen.
Der Älteste bekam 1/2, also 9 Pferde, der Mittlere bekam 1/3, also 6 Pferde, und der Jüngste bekam 1/9, also 2 Pferde.
Als die Brüder ihre Pferde zusammenzählten: 9+6+2, da kamen 17 Pferde heraus. Derweil bestieg Iwan Petrowitsch das achtzehnte, welches ihm gehörte, und zündete sich ein Pfeifchen an.
"Zufrieden?", fragte er die Brüder, die aus dem Staunen nicht herauskamen, und ritt seiner Wege.

Wer kann mir erklären, wie die Rechnung des genialen Iwan Petrowitsch mit achtzehn Pferden funktioniert, und zum Schluss doch nur siebzehn Pferde unter den drei Brüdern aufgeteilt werden? Antwort bitte in meinem Gästebuch.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Sollte Charms bei diesem Namen an seinen Vater Iwan Petrowitsch (Juwatschow) gedacht haben?

 

Weitere Rezensionen zu "Kinder- und Jugendbuch-Klassiker":
  • Grigori Bjelych / Leonid Pantelejew, Republik der Strolche.
  • Nikolai Ostrowski, Wie der Stahl gehärtet wurde.

Am 18.01.2002 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 28.11.2019.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
"Igel" 1928:
Das erste

Heft der
Kinderzeitschrift.
   

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