Belletristik REZENSIONEN

Ganze Kapitel wurden Opfer der Zensur

Russen
Zwölf Stühle
Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke
Verlag Volk & Welt, Berlin 2000, 508 S.

Wer kennt es nicht, dieses amüsante Glanzstück der Weltliteratur, bei dem in einem von zwölf Stühlen millionenschwere Juwelen versteckt sind. Auf der Suche nach diesen alten Esszimmerstühlen und dem Juwelenschatz jagen drei Gauner durch das nachrevolutionäre Russland und stolpern von einem umwerfenden Abenteuer ins andere.

Die Idee zu dieser Realsatire stammt von Valentin Petrowitsch Katajew (1877 bis 1986), dem Bruder von Jewgeni Petrow (eigentlich Katajew, 1903 bis 1942). Weiß man dies, verwundert nicht die dem neu übersetzten Buch vorangestellte Widmung für Valentin Petrowitsch Kajajew, die jedoch wunderlicherweise in den DDR-Ausgaben fehlt.

Sicher, es macht Spaß, diesen Schelmenroman noch einmal in der unzensierten Neuübersetzung zu lesen. Aber ein genau so großes, wenn auch kopfschüttelndes Vergnügen ist es, die Neuübertragung mit einer alten Ausgabe zu vergleichen, bei der aus Zensurgründen viele Zeilen, ja ganze Episoden, Kapitel gar, wegzensiert wurden. Sofern die wieder aufgenommenen Textstellen mindestens die Länge eines Satzes haben, wurden sie im Variantenverzeichnis unter den entsprechenden Seitenzahlen und durch die Markierung von Anfang und Ende der jeweiligen Passage aufgeführt. Manchmal ist es keine Kunst, sich in die Gedankenwelt des sowjetischen Zensors zu versetzen, z. B. wenn in einer "gesetzlich vorgeschriebenen halbstündigen Mittagspause" nicht nur "volltönendes Schmatzen" erklingt, sondern auf anderthalb Buchseiten begeistert von Wodka in Taschenfläschchen, Halbliterrohren, Dreiliterflaschen... die Rede ist. Schwerer ist es schon, dem gestrengen Zensor zu folgen, wenn die Kapitel 5 und 6 (23 Buchseiten) komplett seinem Rotstift zum Opfer fielen, obwohl gerade in diesen Kapiteln der Gauner Ippolit Matwejewitsch Worobjaninow so unverwechselbar charakterisiert wird, dass man sich fragt, wie das Buch mit solchen Auslassungen überhaupt "funktionieren" konnte...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 Am 18.01.2002 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 06.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet. 

Für die Balalaika reicht´s, auch für die Schenke, nur - nicht für eine Kerze.
Sprichwort der Russen

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